"Die Schaffhauser haben nun die Qual der Wahl"

- Mit dem Kauf der "Zürcher LandZeitungen" will Tamedia primär ihr Flaggschiff "Tages-Anzeiger" stützen. Ob der Deal aber diese Lösung bringt, ist ungewiss. Zunächst braucht es noch einiges Verhandlungsgeschick im Zürcher Oberland, in Winterthur und in Schaffhausen. "persoenlich.com" sprach darüber mit Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino. Zum Interview:

Tamedia ist erst vor zehn Tagen zu den Verhandlungen mit "ZürichseeZeitung" (ZSZ) und "NZZ" hinzugezogen worden. Sind Sie sicher, dass Sie in dieser kurzen Zeit einen guten Deal gemacht haben?

Ich habe ein sehr gutes Gefühl, sowohl für unser Unternehmen als auch – und das ist die Grundlage – für den Zürcher Zeitungsmarkt. Sicher ist man im Leben aber nie.

Auf Ihrer Seite hat es ein paar Unwägbarkeiten: Wird der "Landbote", bei dem Sie zu 20 Prozent beteiligt sind, wie gewünscht kooperieren? Und wie reagiert der "Zürcher Oberländer" (ZOL), bei dem Sie nur einen Anteil von 38 Prozent erhalten. Wie gehen Sie vor?

Das sind zwei unterschiedliche Situationen. Mit dem "Landboten" haben wir eine langjährige Freundschaft, die sich vielfältig ausdrückt: Durch unsere Minderheitsbeteiligung, durch die Partnerschaft im Rahmen des Verbundes "Nordostschweiz" (NOS) und in der bevorstehenden Wahl von Martin Bachem in unseren Verwaltungsrat. Herr Bachem ist Verwaltungsratspräsident der "Landbote"-Herausgeberin Ziegler Druck und Verlag. – Eine solche gemeinsame Geschichte gibt es nicht zwischen unserem Haus und der ZOL. Wir glauben aber, dass zwischen einer traditionsreichen, selbstbewussten Unternehmung wie der ZOL und unserem Haus gute Voraussetzungen bestehen, um konstruktiv ein gemeinsames Ziel zu verfolgen.

Auch die "Schaffhauser Nachrichten" haben Sie noch nicht auf Nummer sicher, diese könnten sich nun auch an die NZZ anlehnen.

Richtig, die Schaffhauser haben nun quasi die Qual der Wahl. Aus unserer Sicht müssen wir nun aber zuerst mal die Situation im Kanton Zürich klären. Ich bin zuversichtlich, dass wir danach auch den Schaffhausern ein attraktives Angebot machen können.

Werden Sie bei den weiteren Verhandlungen mit den "Zürcher LandZeitungen", dem "Landboten" und den "Schaffhauser Nachrichten" persönlich dabei sein?

Ja, wie immer bei solchen Angelegenheiten führen wir die Gespräche auf verschiedenen Ebenen. Das wird auch bei den nächsten Schritten der Fall sein.

Insgesamt ist die NZZ nach diesem Deal in einer besseren Position: Sie weiss fix, dass sie die "Thurgauer Zeitung" erhält und muss nicht mehr verhandeln. So gesehen ist Tamedia im Nachteil. Oder wird dies aus Ihrer Sicht aufgewogen durch die Tatsache, dass Sie von der NZZ mehr Auflage und Leser erhalten?

Es ist klar, dass der Zusammenschluss von "Thurgauer Zeitung" und "Thurgauer Tagblatt" weniger komplex ist als unser Vorhaben im Markt Zürich. Bei uns sind viel mehr Partner involviert, es ist eine fragmentierte Ausgangslage. Das ist aber auch der Reiz an der Sache. Zudem geschieht dies im wirtschaftlich potentesten Raum, der historisch gesehen auch unser Heimmarkt ist. Dies alles gleicht für uns den Nachteil aus.

NZZ und Tamedia machen heute eigentlich nichts anderes als eine Gebietsaufteilung, eine Art Gebietskartell: Zürich an Tamedia, die Ostschweiz an die NZZ. Wird das die Wettbewerbskommission wirklich durchwinken?

Ich glaube nicht, dass Ihre Analyse richtig ist. Tatsache ist doch, dass der Markt der traditionellen Medien insbesondere im Raum Zürich unwahrscheinlich stark fragmentiert ist. Diese Medien stehen zudem im Rahmen des Strukturwandels unter sehr starkem Druck, da sich das Angebot für Mediennutzer und Werbetreibende unglaublich dynamisch entwickelt. Wenn wir nun die Chance haben, die Position unserer Traditionszeitungen, die ich für unsere Demokratie für sehr wichtig halte, zu verbessern, dann kann man doch nicht von einer dominanten Stellung sprechen. Vielmehr geht es darum, das zu erreichen, was nötig ist, damit wir die erheblichen Kosten solcher Produkte auch tragen können. Ich bin sicher, dass dies mit dem heute bekannt gegebenen Schritt möglich sein wird.

Vor drei, vier Jahren war das Klima zwischen ZSZ und Tamedia nicht gut, nun wurden Sie aber gerade von der ZSZ und der NZZ zu dieser Dreierverhandlung eingeladen. Was hat Tamedia in den letzten Jahren hinzugelernt?

Ich würde nicht sagen, dass das Klima schlecht war. Man sollte unterscheiden zwischen dem, was im kleinen Kreis der Medienbranche an Kongressen und Interviews zum Besten gegeben wird – und den effektiven Beziehungen. Diese sind aus meiner Wahrnehmung während der letzten drei Jahre - solange bin ich dabei – durchwegs gut und konstruktiv gewesen.

Da spielen Sie aber den Konflikt zwischen den Herren Kall und Gut schon etwas unter, auch wenn Sie seinerzeit nicht dabei waren.

Ich nehme die Beziehungen als gut und konstruktiv wahr, stelle aber fest, dass insbesondere zwischen NZZ und Tamedia ein ausgeprägter Wettbewerb stattfindet. Das wird auch so bleiben.

Was geschieht nun mit den vier Regionalsplits des "Tages-Anzeigers"?

Die Regionalisierungsstrategie des "Tages-Anzeigers", die wir vor mittlerweile vier Jahren starteten, geht von der Überzeugung aus, dass eine gutgemachte Regionalzeitung ihren Lesern auch Informationen aus dem Gebiet bieten muss, in dem sie verankert sind. Daran hat sich nichts geändert. Die Regionalisierung als publizistische Strategie des "Tages-Anzeigers" wird weiter geführt und sie ist durch den heute bekannt gegebenen Schritt in keiner Weise in Frage gestellt. Für die Leser sind keine Veränderungen zu erwarten.

Im Prinzip ist diese Strategie aber gescheitert: Der "Tages-Anzeiger" verlor in seinem Kerngebiet trotzdem Leser und die "Zürcher LandZeitungen" wurden kaum geschwächt.

Ich sehe das nicht so. Die Regionalisierungsstrategie hatte ja zum Ziel, den "Tages-Anzeiger" für die Leser im Heimmarkt Zürich attraktiver zu machen. Zwar schnitt er insgesamt im Lesermarkt nicht besonders erfolgreich ab, es erging ihm aber auch nicht schlechter als anderen Zeitungen in der Schweiz und weltweit. Wie es gewesen wäre ohne Regionalisierung, wissen wir nicht. Auch nicht, wie sich die andern Zeitungen entwickelt hätten. Insofern wissen wir auch nicht, ob wir ohne Regionaliserung heute zusammen gekommen wären.

(Interview: Markus Knöpfli)