"Weltwoche"-Chef Roger Köppel gilt in Deutschland als der bekannteste Schweizer Journalist. Gestern Abend trat er einmal mehr im deutschen Fernsehen auf – und zwar in der ARD-Sendung "Hart aber fair", welche die Schweizer Masseneinwanderungsiniative zum Thema hatte. Wie hat Köppel die Reaktionen erlebt? Persoenlich.com hat ihn am Tag nach seinem vielbeachteten Auftritt befragt.
Herr Köppel, Sie waren am Montag Gast in der Sendung "Hart aber fair". Wie haben Sie die aktuelle Stimmung nach dem Abstimmungssonntag erlebt?
Viele Journalisten, ausländische wie inländische, EU-Politiker und Offizielle des Auslands - wie auch Vertreter von Bundesbern - liegen mit ihren Deutungen daneben. Das historische Votum des letzten Sonntags richtete sich nicht gegen Ausländer oder Deutsche. Es ist kein Zeichen der Abschottung, sondern ein vitales Zeichen der lebendigen Schweizer Demokratie. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben gegen massive Gegenpropaganda mit einer erstaunlich soliden Mehrheit (Kantone plus Volk) ihren Willen zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Schweiz bekräftigt! Das ist das Entscheidende! Man will selber steuern, was einen selber betrifft. Die Schweiz entflechtet sich teilweise von der EU in einem sensiblen Bereich. Eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer findet, dass die Personenfreizügigkeit nicht funktioniert und einen Souveränitätsverlust bedeutet, der mit der Schweiz, als unabhängiger selbstbestimmter Willensnation, nicht vereinbar ist. Während die Elite dies nicht sehen will und den Souverän diffamiert (fremdenfeindlich etc.), erlebe ich in Zuschriften, Mails und Facebookeinträgen, die ich nach der Sendungen in überwältigendem Umfang und mit überwältigend positivem Echo erhalten habe, dass die gewöhnlichen Leute es ganz anders sehen. Sie gratulieren der Schweiz. Viele sind resigniert, dass es in der EU keine Demokratie gibt. Wieder einmal bewahrheitet sich das Zitat eines englischen Historikers, dass die Völker meistens klüger sind als ihre Führer.
War die Sendung anders als sonst?
Die Politiker und der ARD-Korrespondent waren bemerkenswert herablassend. Ich hatte den Eindruck, sie wollten gar nicht zuhören und zur Kenntnis nehmen, dass es nicht um Ausländer primär, sondern eben um Souveränität und Selbstbestimmung ging. Sie diffamierten die Schweizerinnen und Schweizer, die wie ich für die Initiative waren, als verblödete, dumme Spinner. Das zeigt uns, wie antidemokratisch wichtige Meinungsmacher in der EU denken. Wer beleidigt ist, statt argumentiert, pfeift aus dem letzten Loch. Der Bundesrat hat, wenn er will, eine ganz starke Position jetzt in den Verhandlungen mit Brüssel. Ich finde, man sollte Christoph Blocher gleich ein Verhandlungsmandat übertragen. Die Schweiz hat ein positives Erdbeben verursacht, das hoffentlich auch in der EU zu einer Debatte darüber führen wird, wo die Grenzen dieser sich zum Superstaat entwickelnden, rechtsstaatlich fragwürdigen und undemokratischen Einrichtung liegen.
Wie sind die Reaktionen auf Sie in Deutschland auf der Strasse?
Zustimmung. Aber ich laufe nicht auf deutschen Strassen herum, muss ja auch noch arbeiten.
Können Sie dieses Schweiz-Bashing nachvollziehen?
Diese Leute zeigen ihr wahres, undemokratisches Gesicht. Darf es in Europa eigentlich noch einen unabhängigen demokratischen Staat geben? Für diese Schweizkritiker offensichtlich nicht. Sie werden jetzt zur Kenntlichkeit entstellt. Das ist hervorragend. Und es zeigt, wie bitter nötig dieses Signal war. Deshalb habe ich auch von Anfang an diese Initiative unterstützt. Jedes Land muss selber bestimmen dürfen, vor allem in wichtigen Bereichen. Dazu gehört die Zuwanderung.
Spiegel.de schreibt: "In Deutschland gibt es schlicht keinen annähernd so eloquenten, eleganten, kampflustigen und konservativen Rhetor." Was bedeutet Ihnen dieses Kompliment?
Es zeigt mir, dass sich die deutschen Journalisten zu leicht von Rhetorik beeindrucken lassen. Sie sollten kritischer sein. Gerade bei den Eloquenten und Eleganten! (lacht)
Fühlen Sie sich in der Schweiz manchmal unter Ihrem Wert geschlagen?
Erstens fühle ich mich nicht geschlagen, zweitens bin ich der Meinung, dass man sich nicht zu sehr um die eigene Aussenwirkung kümmern sollte. Wenn einer echte Substanz hat, setzt sich das durch, wenn nicht, geht man unter. Ich denke manchmal, warum schreibe und rede eigentlich nur ich, bzw. die "Weltwoche" so, - und nicht auch alle andern?
Interview: Matthias Ackeret, Bild: zVg