Nur noch 37 Prozent der Menschen weltweit vertrauen dem Journalismus – so wenige wie nie seit Beginn der Messung 2015. Global haben Plattformen die Newssites als wichtigsten Zugang zu Nachrichten erstmals überholt. Der Digital News Report 2026 des Reuters Institute der University of Oxford zeigt einen Medienwandel, der sich beschleunigt. Die Schweiz kann sich dem nicht entziehen – steht aber in mehreren Dimensionen besser da als die meisten Vergleichsländer, wie die Forschung des Fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich zeigt.
Dessen Länderbericht Schweiz zum Digital News Report 2026 wurde am 16. Juni 2026 veröffentlicht. Er basiert auf einer Befragung von gut 2000 Erwachsenen in der Deutsch- und Westschweiz. Der internationale Report umfasst 48 Länder mit fast 100’000 Befragten.
KI-Chatbots sind Ergänzung kein Ersatz
Rund jede zehnte Person in der Schweiz nutzt inzwischen KI-Chatbots wie ChatGPT oder Perplexity für Nachrichten – ein Wert, der dem globalen Durchschnitt entspricht. Wer das macht, ist überdurchschnittlich an News interessiert und nutzt daneben weiterhin seine bisherigen Nachrichtneeuellen. Der Chatbot ergänzt das Medienmenü, statt es zu ersetzen. Gleichzeitig ist das Vertrauen in Nachrichten aus Chatbots das tiefste aller abgefragten Kanäle. (Mehr dazu im Interview mit Linards Udris, Mitautor des Länderberichts.)
Noch sind KI-Chatbots ein Nischenphänomen. Der grössere Strukturwandel spielt sich vorerst woanders ab: Global haben Social-Media- und Videoplattformen die Newssites erstmals als meistgenutzte Nachrichtenquelle überholt. In der Schweiz ist es noch nicht so weit: Newssites bleiben mit deutlichem Abstand die wichtigste Informationsquelle, gefolgt von Fernsehen und Social Media.
Online bleibt 20minuten.ch in beiden Sprachregionen mit Abstand die Nummer eins. Die SRG-Angebote folgen an zweiter Stelle, dahinter blick.ch und watson.ch; klassische Abonnementstitel wie nzz.ch und tagesanzeiger.ch erreichen je rund 10 Prozent. Bemerkenswert: Nach der Einstellung der gedruckten Ausgabe von 20 Minuten im Dezember 2025 lässt sich in den Daten noch nicht ablesen, ob und wohin dessen Print-Leserschaft abgewandert ist – die Befragung fand unmittelbar danach statt.
Doch auch hierzulande zeigt der Trend seit 2016 nach unten – bei sämtlichen Kanälen. Es gibt keinen einfachen Trend hin zu mehr digitaler Newsnutzung; vielmehr verlieren Nachrichten generell an Bedeutung, wobei sich digitale Kanäle besser behaupten als traditionelle. Für Medienhäuser bedeutet das: Die Reichweite hängt zunehmend von Plattform-Strategien ab, auf die sie keinen Einfluss haben.
Bei den 18- bis 24-Jährigen sind Social Media bereits die klare Hauptnachrichtenquelle, noch vor Newssites. Das Fernsehen ist in dieser Altersgruppe nur noch für eine kleine Minderheit die wichtigste Nachrichtenquelle.
Nachrichteninteresse und Vermeidung
Weniger als die Hälfte der Befragten gibt an, stark an Nachrichten interessiert zu sein – deutlich weniger als noch vor zehn Jahren. Bei den 18- bis 24-Jährigen ist das Interesse innert Jahresfrist besonders stark eingebrochen – von 44 auf 34 Prozent. Parallel dazu meiden vier von zehn Personen manchmal oder oft aktiv Nachrichten – weit mehr als noch 2019, wenngleich der Wert gegenüber dem Vorjahr nicht weiter gestiegen ist.
Diese Vermeidung ist kein reines Jugendphänomen. Am stärksten betroffen sind die mittleren Altersgruppen. Auch politisch Interessierte und Medienvertrauende meiden Nachrichten regelmässig – ein Hinweis darauf, dass bewusste Vermeidung nicht dasselbe ist wie dauerhafte Abkehr vom Journalismus.
Beim Medienvertrauen liegt Schweiz über Schnitt
Während global das Medienvertrauen auf den tiefsten Wert seit Messbeginn 2015 gefallen ist, steht die Schweiz mit 42 Prozent vergleichsweise gut da. Gegenüber dem Vorjahr ist das Vertrauen zwar um vier Punkte gesunken, womit der Anstieg von 2025 weitgehend ausgeglichen ist – der Wert schwankt allerdings seit Jahren ohne klaren Trend.
Beim Vertrauen in einzelne Marken liegen die Angebote der SRG vorn: SRF erreicht auf einer Skala von 0 bis 10 den Mittelwert 7.2, RTS 7.1, gefolgt von den Abonnementszeitungen NZZ, Tages-Anzeiger und Le Temps (je 6.8). Die Gratismarke 20 Minuten (6.2) und das Boulevardangebot Blick (5.5) liegen tiefer. In der Suisse romande ist das Vertrauen insgesamt deutlich tiefer als in der Deutschschweiz.
Pragmatischer Zahlungsentscheid
Knapp ein Fünftel der Befragten hat im vergangenen Jahr für Online-News bezahlt. Nachdem die Zahlungsbereitschaft 2025 erstmals deutlich auf 22 Prozent angestiegen war, ist sie mit 19 Prozent wieder teilweise zurückgegangen – liegt aber weiterhin knapp über dem internationalen Schnitt.
Der Zahlungsentscheid werde in erster Linie pragmatisch getroffen, heisst es im Länderbericht. Inhalte müssen nützlich sein oder einen werbefreien Zugang bieten. Daneben spielen aber auch wertbezogene Motive eine Rolle – etwa die Überzeugung, Journalismus sei gesellschaftlich wichtig. Ein positives Signal: Jüngere Generationen sind mittlerweile eher bereit, für Online-News zu bezahlen, als ältere – eine Umkehrung gegenüber 2016 und ein Argument für Medienhäuser, digitale Bezahlangebote gezielt auf jüngere Zielgruppen auszurichten.
SRG mit positivem Einfluss auf die Gesellschaft
Mit 42 Prozent schreibt die grösste Gruppe der Befragten öffentlichen Medien wie SRF oder RTS einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu – deutlich mehr als die 14 Prozent, die einen negativen Einfluss wahrnehmen. Wer ihnen positive Effekte zuschreibt, zahlt auch deutlich häufiger für Online-Nachrichten. Als Stärke wird wahrgenommen, dass sie allen Zugang zu zuverlässigen Nachrichten verschaffen. Als Schwäche nennen Kritiker den Einfluss politischer und kommerzieller Interessen auf die Berichterstattung.
Was bleibt als Gesamtbild? Die Schweizer Nachrichtenmedien verlieren Publikum – nicht an einen einzelnen Konkurrenten, sondern als allgemeine Erosion wegen des abnehmenden Interesses. KI-Chatbots ergänzen das Medienmenü bisher, statt es zu ersetzen; die Plattformabhängigkeit aber wächst. Vergleichsweise gut steht die Schweiz beim Medienvertrauen und bei der Zahlungsbereitschaft jüngerer Kohorten da. Doch die Trends weisen in dieselbe Richtung wie im Rest Europas – nur mit etwas Verzögerung. (nil)

