Herr Niethammer, seit zwei Monaten sind Sie nun Chef der "Schweizer Illustrierten". Wie gefallen Ihnen Ihre ersten Ausgaben?
Das hätte ich gerne Sie gefragt (lacht). Wir erhalten viele positive Reaktionen. Die Leser sagen uns, die "SI" wirke heute moderner, frischer und aufgeräumter. Wir hätten neue Köpfe und überraschende Geschichten im Blatt. Ein Kompliment, das mich besonders freut.
Was haben Sie konkret verändert?
Auffällig ist sicher der neue Einstieg ins Blatt. Mit einem zweiseitigen Inhaltsverzeichnis bieten wir mehr Übersicht. Zudem arbeiten wir mit einem Auftaktinhaltsbild, eine Art zweites Cover. An Stelle eines Editorials schreibe ich neu ein Tagebuch, in dem ich meine persönlichen Gedanken zur vergangenen Woche niederscheibe oder mich zu Personen äussere, die im Blatt sind. Im Weiteren haben wir die People- und Party-Seiten klarer strukturiert und ausgebaut; wir setzen noch stärker auf exklusive Bilder. Es gibt auch neue Rubriken wie "Nachgefragt", "10 Dinge, die ich unbedingt tun muss" oder "Wer liebt wen?". Mit letzterer haben wir den modernen Klatsch über nationale und internationale Persönlichkeiten wieder eingeführt.
Hatten Sie beim Umgestalten freie Hand oder gab es klare Vorgaben von oben?
Die Vorgabe ist klar: die Marke SI festigen, das Blatt erfolgreich weiter entwickeln und für die Zukunft fit machen. Die "SI" feiert im Jahre 2011 ihr 100-Jahre-Jubiläum, ein sehr wichtiges Jahr für die Zeitschrift. Von mir wird erwartet, dass ich das Blatt gestärkt ins Jubiläumsjahr führe.
Ursprünglich waren Sie nicht als Nachfolger von Dominic Geisseler vorgesehen. Nach Ihrer Rückkehr von Sat1 arbeiteten Sie in erster Linie als Projektleiter für ein Jugendheft. Was war geschehen?
Im August fragte mich Marc Walder, ob ich Lust hätte, ein People-Magazin für ein junges Zielpublikum zu konzipieren. Als Antwort auf "20 Minuten Friday" aus dem Hause Tamedia. Im September produzierte ich mit einem kleinen Team eine 68-Seiten starke Nullnummer. Offenbar habe ich meinen Job ordentlich gemacht, denn während dieser Phase trat man mit der Anfrage an mich, die Chefredaktion der "SI" zu übernehmen.
Uns interessiert natürlich der Name des Konkurrenzproduktes. War es "Hey das Starmagazin" oder "Brombeer"?
Brombeer war der Arbeitstitel. Vielleicht hätte es dann auch tatsächlich so geheissen. Wir haben aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt auch wegen der Finanzkrise, welche die Verlagsbranche hart trifft, auf die Lancierung verzichtet.
Ringier überlässt Tamedia mit "20 Minuten Friday" einfach das Feld?
Was "20 Minuten Friday" betrifft, bin ich tiefenentspannt. Das Heft ist nett gemacht, mehr nicht. Ich wäre ungern Chef eines Gratismagazins, das in den Trams auf dem Boden liegt und als Fussabtreter herhalten muss.
Reden wir über die Idee Ihres Vorgängers Dominic Geisseler. Er wollte aus der "SI" auch ein Nachrichtenmagazin machen. Ist das heute noch ein Thema?
Nein. Die "SI" ist und bleibt ein People-Magazin. Punkt. Wir berichten über das, was Menschen am Spannendsten finden - spannende Menschen. Über Ihre Auf und Abs, ihre Erfolge und Misserfolge. Wir konzentrieren uns mit ganzer Kraft auf unsere Stärken als führendes People-Magazin der Schweiz.
Hat sich denn Geisselers Kurs so negativ auf die Verkaufszahlen ausgewirkt?
Zur Arbeit meines Vorgängers äussere ich mich grundsätzlich nicht. Die "SI" ist eine der stabilsten Marken im Haus Ringier. Dass das so bleibt, ist ein steter Kampf. Die "SI" ist kein Selbstläufer. Wir müssen uns unheimlich anstrengen, den Leser jede Woche neu zu überraschen und zu unterhalten. Niemand nimmt 4.50 Franken in die Hand, um sich deprimieren zu lassen. Leser kaufen die Schweizer Illustrierte, um berührt und verwöhnt zu werden. Und um ein wenig zu träumen. Die Bunte-Chefin Patricia Riekel hat das einmal so formuliert: "Magazine sind eine Eintrittskarte in eine andere Welt, ein bisschen wie ein kleiner Urlaub."
Die "SI" ist mit der Gratispresse und dem Fernsehen in einem harten Wettbewerb. Wie schwierig ist es, die Exklusivität zu bewahren?
Gute Beziehungen zu Stars, prominenten Persönlichkeiten, zu Politikern und Wirtschaftsführern sind der Schlüssel zum Erfolg. Mein Team, auf das ich sehr stolz bin, verfügt über die besten People-Kontakte. Trotzdem sind exklusive und bildstarke Geschichten heute schwieriger zu realisieren. Ich meine nicht nur wegen der Gratisblätter und Lokalsender. Auch eine "NZZ" berichtet heute über das Ballkleid der First Lady Michelle Obama.
Uns fällt auf, dass in der "SI" weniger gelacht wird.
Ist das so? Ihr Eindruck hat vielleicht mit der veränderten Bildsprache zu tun. Der Protagonist schaut nicht mehr auf jedem Bild frontal in die Kamera. Und wir zeigen, wie jemand wohnt oder eingerichtet ist, ohne dass er auf jedem Bild zu sehen ist. Wir setzen auf warme und emotionale Bilder, die gleichermassen ästhetisch und modern wirken. Deshalb verzichten wir übrigens seit kurzem darauf, Prominente zuhause barfuss zu fotografieren. Ich hoffe, unsere Leser sehen uns das nach.
Ist die "SI" immer noch die Cash Cow von Ringier?
Es gibt keinen Grund zur Klage. Trotzdem blicken wir mit dezentem Optimismus in die Zukunft. Auch an uns geht die Finanzkrise nicht spurlos vorbei.
Die Marke "SI" verliert Jahr für Jahr viele Leser.
Moment. Wir sprechen von einem leichten Rückgang auf hohem Niveau. Diesen wollen wir natürlich stoppen. Ich glaube fest an die Zukunft von Print. Zeitschriften sind ein optisches Vergnügen. Es gibt nichts Kostbareres als eine bedruckte Doppelseite.
Viele Leser holen ihre tägliche Boulevard-Dosis inzwischen im Internet. Wie sieht Ihre Onlinestrategie aus?
Ich bin ein klarer Befürworter von Online. Wir haben mit dem Relaunch des "SI"-Portals im Dezember ein erstes wichtiges Zeichen gesetzt. So wurde beispielsweise der Bewegtbild-Anteil verzehnfacht. Bald zünden wir die nächste Stufe, lassen Sie sich überraschen.
Abschlussfrage: Welchem Promi würden Sie gerne mal in den Kleiderschrank gucken?
Ganz klar Carla Bruni. Wir haben da was in Planung. Bruni im Elisée-Palast, fotografiert von Anne Leibovitz. Solche Bilder haben Sie noch nie gesehen.
(Interview: Corinne Bauer und Christian Lüscher)