«Die Sendungen haben mich sehr geprägt»

Mona Vetsch - Für die vierte Staffel von «Reporter Spezial» trifft Mona Vetsch Menschen, die das Schicksal nicht verschont hat. Im Interview erzählt sie, welche Geschichte sie besonders berührt hat. Ausserdem verrät sie, was passieren müsste, damit sie ihren Job bei SRF aufgibt.

von Maya Janik

In der aktuellen Sommer-Serie von «Reporter Spezial – Mona Vetsch fragt nach» gehen Sie wichtigen Fragen auf den Grund. Welche Frage beschäftigt Sie persönlich zurzeit?
Mich beschäftigt, wie wir als Gesellschaft dem Klimawandel erfolgreich entgegenwirken können. Die Frage geht mir oft durch den Kopf diesen Sommer, wo es so extrem heiss und trocken ist.

Die Protagonistinnen und Protagonisten der Sendung haben schwere Schicksalsschläge hinter sich. Welche Geschichte ist Ihnen besonders nahegegangen?
Die Geschichte einer Familie aus dem Bündnerland hat mich sehr berührt. Der Junge Emil wurde als kleines Kind von seinem Grossvater versehentlich mit dem Traktor überfahren. Heute ist er schwer behindert. Für die Familie war das ein unglaublicher Schicksalsschlag.

Warum hat Sie gerade diese Geschichte so berührt?
Ich finde es bewundernswert, wie diese Familie mit dem Schicksalsschlag umgeht. Die Beziehung der Eltern ist an dem Unfall zerbrochen. Sie wohnen aber bis heute im selben Haus, um ihren Sohn gemeinsam zu pflegen. Dass es ihrem Sohn gut geht, ist ihnen am wichtigsten. Ihre persönlichen Schwierigkeiten stellen sie hinter dieses Ziel zurück. Das hat mich sehr beeindruckt.

«Es darf nicht darum gehen, die krassesten Geschichten herauszuholen»

Wie haben Sie sich auf die Gespräche mit den Menschen vorbereitet?
Die Vorbereitung fängt lange vor dem Moment an, wo wir vor Ort drehen. Als Zuschauerin oder Zuschauer sieht man diese Vorarbeit nicht. Sie ist aber sehr wichtig. Die Produzentinnen und Produzenten von «Reporter» haben ein klares Konzept der Sendung. Gemeinsam besprechen wir im Vorhinein, welche Fragen wir stellen wollen und ob wir sie stellen dürfen. Gerade bei Menschen aus der Folge zum Thema Opfer war es wichtig, keine Retraumatisierung herbeizuführen. Mir persönlich ist es wichtig, dass sich die Menschen wohl und ernst genommen fühlen. Es darf nicht darum gehen, die krassesten Geschichten herauszuholen, die den grössten Schock-Effekt haben.

War es schwierig, die Protagonistinnen und Protagonisten für die Sendung zu gewinnen?
Das können ihnen die Autorinnen und Autoren der Filme besser beantworten. Sie suchen die Protagonistinnen und Protagonisten, recherchieren und bauen das Vertrauen auf. Das braucht bei allen DOK-Produktionen Zeit und Geduld. Bei meinen Gesprächen ist es sicher hilfreich, dass man meine Sendungen schon kennt. Viele Gesprächspartner fühlen sich auf diese Weise schon «vertraut» mit mir und wissen, dass sie nicht vorgeführt werden.

Die Geschichten in der Sendung gehen den Zuschauerinnen und Zuschauern unter die Haut. Was machen sie mit Ihnen?
Zum Glück bewegen die Geschichten mich auch. In dem Moment, wo sie mich nicht emotional mitnehmen würden, müsste ich aufhören. Vor allem, wenn es um Frauen oder Kinder geht, stelle ich mir immer vor, was ein solcher Schicksalsschlag mit mir machen würde. Als Journalistin ist man keine Maschine, die Fragen herunterrattert. Empathie ist entscheidend.

Wie gehen Sie mit den Emotionen um? Was machen Sie, um abzuschalten?
Ich verbringe viel Zeit in der Natur. Ich habe einen wilden Garten, wo mir wortwörtlich alles über den Kopf wächst, und ein paar Hühner. Das hilft mir, meinen Kopf zu lüften. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich abschalten muss. Ich finde es schön, wenn ich nach einem Dreh einen oder zwei Tage Zeit habe, um die Gespräche nachhallen zu lassen. Die Sendungen haben mich sehr geprägt.

Inwiefern?
Erstens machen mich solche Begegnungen dankbar und demütig. Es klingt banal, aber es ist so. Es ist nicht selbstverständlich, dass man gesunde Kinder hat und selbst gesund ist.

«Als Journalistin ist man keine Maschine, die Fragen herunterrattert»

Und zweitens?
Zweitens haben mir die Menschen, die ich in den Sendungen getroffen habe, gezeigt, dass man im Leben fast alles überstehen kann, egal was einem zustösst. Es sind Schicksalsschläge, bei denen man sich nicht vorstellen kann, dass man sie selbst überstehen würde. Wir ertragen aber eigentlich viel mehr, als wir denken. Franziska Quadri aus der Folge zum Thema Körper ist nach einem Gleitschirmunfall vom Hals an gelähmt. Sie hat immense Schmerzen und ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Anstatt sich zu verkriechen, engagiert sie sich für andere Menschen und kämpft dafür, dass Cannabis als Schmerzmittel für Kranke und Menschen mit Behinderung zugelassen wird. Eine unglaublich starke Frau. Ich habe höchsten Respekt vor solchen Menschen.

In der Folge, die Sie ansprechen, geht es um das Verhältnis zum eigenen Körper und die Selbstwahrnehmung. Als Fernsehjournalistin sind Sie in der Öffentlichkeit sehr präsent. Machen Sie sich viele Gedanken über ihr Aussehen?
Wahrscheinlich jede Fernsehjournalistin oder Fernsehjournalist setzt sich damit auseinander, wie sie oder er aussieht und wahrgenommen wird. Ich bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich damit freundschaftlichen Frieden geschlossen habe, wie ich bin und wie ich aussehe. Anstatt mich zu sehr mit mir selbst zu befassen, investiere ich lieber die Energie in andere Dinge. Das Alter hilft dabei, sich zu akzeptieren.

Sie sind seit mehr als zwanzig Jahren in der Medienbranche. Welche Charaktereigenschaft hat Ihnen im Beruf geholfen?
Meine kindliche Begeisterungsfähigkeit ist für den Beruf, den ich ausübe, ein grosses Geschenk. Ich kann mich für alles begeistern. Sogar für Probleme bei Drehs, wenn es etwa darum geht, doch noch eine gute Lösung zu finden. Da halte ich mich an den St. Galler Musiker Stahlberger: «Jede Scheiss isch e Chance.» Die grosse Begeisterung verursacht aber manchmal auch Chaos, weil ich mich für alles interessiere. Für Menschen, die mit mir Sendungen machen, ist das manchmal schwierig, wenn ich zum Beispiel endlos lange Interviews mache.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Im ersten Moment sehr schlecht. Egal, ob sie gerechtfertigt ist oder nicht, trifft sie mich. Ich habe aber gelernt, damit umzugehen. Das Entscheidende ist, worauf sich die Kritik bezieht. Betrifft sie meine Arbeit, überlege ich mir, ob ich etwas anders, besser machen kann. Diese konstruktive Kritik ist wichtig, auch wenn sie schmerzhaft ist. Anders ist es mit Kritik, die auf persönlichen Animositäten beruht, für die ich nichts kann. Man kann nicht allen gefallen.

«SRF hat den Auftrag, über gesellschaftlich relevante Themen zu berichten»

Gab es auch kritische Stimmen unter den Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Sendung «Reporter Spezial»?
Nach der ersten Sendung zu Tätern haben sich einige Menschen gefragt, ob man Straftätern überhaupt eine «Plattform» geben soll. Andere monierten, dass häufig über Täter, aber zu selten über Opfer gesprochen werde. Die Sendung über die Opfer hatten wir da schon vorbereitet. Sie hat ein grosses Echo ausgelöst. Es war eine herausfordernde Sendung, für manche vielleicht auch zu schwer für einen Sonntagabend. Aber das gehört auch zum Service public: SRF hat den Auftrag, über gesellschaftlich relevante Themen zu berichten.

Am Ende von jeder Folge ordnet Yves Bossart von «Sternstunde Philosophie» das jeweilige Thema philosophisch ein. Welche Überlegung steht dahinter?
In der Folge erzählen Menschen ihre individuellen Geschichten. Es war uns sehr wichtig, die Themen auf einer Metaebene zu beleuchten und sie philosophisch und gesellschaftlich einzuordnen. Wie gehen wir als Gesellschaft mit Tätern und Opfern um? Wie hat sich unsere Wahrnehmung vom Körper über Jahrhunderte verändert? Wodurch ist sie heute geprägt? Diese Fragen bieten interessante Denkanstösse. Das gibt der Sendung einen Mehrwert.

In der letzten der vier Folgen geht es um Neuanfang. Was müsste passieren, damit Sie Ihren Job kündigen und einen komplett neuen Weg einschlagen?
(lacht und überlegt) Im Moment ist das für mich unvorstellbar. Aus meiner Sicht habe ich den besten Beruf der Welt. Ich habe das Privileg, spannende Dinge zu erleben und mit einem grossartigen Team Sendungen zu realisieren, die beim Publikum grossen Anklang finden. Der Moment, in dem ich aufbrechen würde, wäre jener, wo ich das Gefühl hätte, nichts Neues mehr lernen zu können. Bis jetzt ist meine Lernkurve in meinem Job aber so hoch, dass sich diese Frage nicht stellt.

Haben Sie während dieser Staffel etwas Neues über sich selbst gelernt?
Wir haben erst vor wenigen Tagen die letzte Sendung gedreht. Ich bin immer noch am Nachdenken über die Protagonistinnen und Protagonisten. Der Moment, an dem ich über mich reflektiere, kommt erst später.