Fanny Zürcher, Michael Rauchenstein, wie oft schauen Sie die «Tagesschau» der anderen Sprachregion an?
Fanny Zürcher: Ich habe die Tagesschau oft geschaut, als ich Korrespondentin in Zürich war. Es war stets eine super Inspirationsquelle, da Aktualitäten jeweils sehr umfassend behandelt werden. Heute schaue ich die Tagesschau vor allem dann, wenn ich «19:30» moderiere. So kann ich sehen, welche Themen unsere Kolleg:innen in der Deutschschweiz behandeln.
Michael Rauchenstein: Die Sendung «19:30» schaue ich mir vor allem dann an, wenn ich auf der Suche nach spannenden Ausland-Reportagen bin oder wenn über die EU berichtet wird. Dann sehe ich mal wieder meine ehemalige Kollegin Isabel Ory, die RTS-Korrespondentin in Brüssel.
Welche Merkmale fallen Ihnen am meisten auf in der Sendung der anderen Sprache?
Rauchenstein: Da RTS keine Spätabendsendung hat, entspricht die RTS-Tagesschau einem anderen Konzept. Sie haben Platz für längere Reportagen oder auch für Studiogäste. Das ist bei uns eher «10vor10» überlassen, auch wenn die SRF-Tagesschau ebenfalls Reportagen in der Sendung zeigt – oft einfach kürzer als bei RTS.
Zürcher: Michi hat recht, die beiden Ausgaben sind sehr unterschiedlich. Ich würde behaupten, wir sind bei «19:30» in Sachen Form viel freier. Wir können stehend, sitzend oder auch gehend moderieren. Ausserdem haben wir immer Studiogäste, die uns helfen, die Nachrichten einzuordnen. Ich finde es äusserst interessant, dass wir zwar oft über ähnliche Themen berichten, unsere Ausgaben aber oft mit unterschiedlichen Beiträgen eröffnen.
Haben Sie sich für die Moderation in der anderen Sprache spontan zur Verfügung gestellt oder mussten Sie sich überzeugen lassen?
Zürcher: Ich habe bereits im letzten Jahr an diesem «Experiment» teilgenommen und ich hatte sehr viel Spass dabei. Dementsprechend brauchte es in meinem Fall auch keine Überzeugungsarbeit. In diesem Jahr haben wir das Experiment noch weiter ausgebaut, was es noch interessanter macht.
Rauchenstein: Bei uns wird da ganz schweizerisch eine Auslegeordnung im Team gemacht. Im letzten Jahr hatte Andrea Vetsch beim Echange teilgenommen, in diesem Jahr darf ich meine Französisch-Kenntnisse präsentieren.
«Wir müssen den ‹Deutschspeicher› aus der Schule wieder aktivieren.»
In früheren Jahren begrenzte sich der Austausch auf die Moderatorin und den Moderator. Dieses Jahr wird die gesamte Newssendung aus dem eigenen Studio in die andere Sprachregion ausgestrahlt. Wie kam es zu dieser Idee?
Rauchenstein: Es ist für uns wichtig, dass wir jedes Jahr weiterdenken. Die Bevölkerung der Suisse Romande kann sich ein besseres Bild unserer Arbeit machen, wenn sie das ganze SRF-«Paket» bekommen. Zudem ist es auch für die Journalist:innen und das ganze Team eine positive Herausforderung «pour tout produire en français».
Zürcher: Genau! Mit diesem Format können wir das «Produkt RTS» in seiner Gesamtheit präsentieren – und hoffen, dass es dem deutschsprachigen Publikum gefällt. Das war mit dem Setup vom letzten Jahr nicht möglich.
Was sind die Hauptherausforderungen für die Umsetzung?
Rauchenstein: Die Sprache ist wohl für alle die grösste Herausforderung. Wenn ich es richtig im Kopf habe, ist niemand bilingue im Team, das an diesem Tag im Einsatz steht. Hinzu kommt, dass wir die Sendung für das Westschweizer Publikum produzieren – und uns auch überlegen müssen, was im anderen Landesteil interessiert und wie wir die Story erzählen. Wir sind deshalb froh, dass uns einige Kolleg:innen aus der Romandie unterstützen werden.
Zürcher: Ja, die Sprache ist definitiv die grösste Herausforderung. Auch bei uns ist niemand bilingue. Wir müssen also den «Deutschspeicher» aus der Schule, der irgendwo weit hinten in unserem Kopf verstaut ist, wieder aktivieren. Das wird spannend! Aber wie unsere Kolleg:innen in Zürich dürfen auch wir auf Unterstützung aus der Deutschschweiz zählen.
«Michi hat mich auch im letzten Jahr bei meiner Moderation in Zürich sehr unterstützt.»
Die beiden Sendungen sind im Setting und in der Moderation sehr unterschiedlich. In der Romandie werden zum Beispiel regelmässig Themen anhand von Grafiken von einem Journalisten im Studio vertieft. In der Deutschschweiz gibt es Live-Schaltungen aus der Redaktion. Welche formellen Erwartungen haben die Zuschauerinnen und Zuschauer aus Ihrer Sprachregion?
Rauchenstein: Das Deutschschweizer-Publikum kennt diese Elemente ebenfalls – allerdings in Kombination mit «10vor10» aus zwei unterschiedlichen News-Sendungen. Von der «Tagesschau» wird erwartet, dass sie die wichtigen News des Tages zusammenfasst und weiterführende Einordnungen liefert. Wir versuchen zudem, die Zuschauer:innen am Schluss der Sendungen mit einem «positiven» Beitrag aus der Sendung zu entlassen. Das ist gerade in der heutigen Zeit wichtig.
Zürcher: Unsere «19:30» ist etwas länger als die Tagesschau. Wir teilen sie oft in drei Teile: Zuerst Aktualität, dann Analysen und im dritten Teil widmen wir uns dann inspirierenden und leichten Themen. Die Idee ist, dass unsere Zuschauer:innen den Tag mit einer positiven Nachricht beenden können und dass sie auch am Folgetag wieder einschalten. Wir werden versuchen, am Freitag nach dem gleichen Muster vorzugehen.
Die «Tagesschau» und «19h30» unterscheiden sich auch bei der Themensetzung. Wie gehen Sie für die Auswahl und Gewichtung der Austausch-Sendung vor?
Rauchenstein: Bei der Themenauswahl fragen wir uns, was das Publikum in der Westschweiz interessiert. Wir werden also beispielsweise auf allzu lokale deutschschweizer Themen verzichten. Die nationale und internationale Themenauswahl wird sich kaum von jener von RTS unterscheiden. Wir wollen also grundsätzlich berücksichtigen, dass wir an diesem Tag mit der «Tagesschau» ein anderes Publikum ansprechen werden.
Zürcher: Das ist bei uns ähnlich. Wir werden auch auf allzu lokale Themen verzichten, die für ein deutschsprachiges Publikum nicht interessant sind. Stattdessen legen wir einen besonderen Fokus auf die nationale Austauschwoche, indem wir Jugendliche beim Sprachaustausch begleiten. Dabei werden wir Personen interviewen, die sowohl die Romands als auch die Deutschschweizer ansprechen. Lasst euch überraschen!
Diese Woche läuft auch die KI-Themenwoche auf SRF. Spielt KI eine grosse Rolle in der Vorbereitung der Austauschsendung – zum Beispiel für Übersetzungen?
Rauchenstein: Ja, ich werde am Freitag bestimmt gerne auf Übersetzungs-Tools zurückgreifen (lacht). Bin aber auch froh, dass ein Kollege von RTS mich beim Formulieren unterstützen wird.
Zürcher: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich darauf verzichte. Für Moderationen fehlt KI allerdings noch etwas das Fingerspitzengefühl und der Humor – also kurz gesagt, die Menschlichkeit. Deshalb setzte auch ich in erster Linie auf die Ratschläge unserer deutschsprachigen Kolleg:innen.
Wie eng arbeiten die zwei Teams für die Vorbereitung der Austausch-Sendung zusammen?
Rauchenstein: Natürlich stehen die Projektleiter, Marc Allgöwer von RTS und Regula Messerli von SRF, seit Monaten miteinander in Kontakt, um organisatorische und technische Fragen zu klären. Fanny und ich sind ab und zu im Kontakt. Etwas moralische Unterstützung tut gut.
Zürcher: Ja, wir halten zusammen, wenn es hart auf hart kommt (lacht). Und wir schreiben uns, wenn wir ein bisschen zu viel Stress haben! Michi hat mich auch im letzten Jahr bei meiner Moderation in Zürich sehr unterstützt.
«Wir werden sehen, wie gross die kulturellen Unterschiede im Redaktionsalltag sind.»
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit sonst, also wenn es keine Austausch-Woche gibt?
Rauchenstein: Es gibt täglich einen Austausch zwischen den Produzent:innen respektive den publizistisch Verantwortlichen von RTS, RSI und SRF. Da spricht man über die gewählten Themen, stellt gewisse Reportagen vor. So ist es auch möglich, dass wir bei SRF beispielsweise eine RTS-Reportage aus der Ukraine übernehmen und diese dann für die «Tagesschau» adaptieren.
Zürcher: Bei uns dasselbe. Oft poppen Gesellschafts-, Kultur oder Wirtschafts-News zuerst in Zürich auf, bevor sie in die Romandie gelangen. Daher ist es für uns Romands interessant und wichtig, ein Auge auf das Geschehen in der Deutschschweiz zu halten. Als ich Korrespondentin in Zürich war, berichtete ich zum Beispiel über die ersten Läden ohne Personal, die ersten Gebäude, in denen Mieter nicht rauchen durften, und über die Mode, Regenwürmer als Haustiere zu halten! Das war für uns ein Novum.
Gibt es etwas, das Sie aus dieser Erfahrung mitnehmen und Ihre Arbeit nachhaltig prägen wird?
Rauchenstein: In erster Linie ist es eine grosse Freude, dass wir an diesem Austausch über die Sprachregionen hinweg teilnehmen können. Zudem lernen wir uns durch die Unterstützung einiger RTS-Kollegen besser kennen. Wir werden sehen, wie gross die kulturellen Unterschiede im Redaktionsalltag sind. Ich gehe schwer davon aus, dass es bei uns keinen «Röstigraben» geben wird.
Zürcher: Es macht Spass, in einem Unternehmen zu arbeiten, das die Vielfalt unseres Landes hervorhebt. Wir sprechen zwar nicht dieselbe Sprache, aber wir alle lieben unseren Beruf als Journalistinnen und Journalisten. Ich bin sicher, dass wir viele Gemeinsamkeiten finden werden. Es wird nicht lange dauern, bis wir den Röstigraben überspringen, das ist sicher!