In den USA haben die grossen Medienunternehmen wie Time Warner und NBC Universal ihre iPad-Pläne ad acta gelegt. Wie auf den US-Branchenportalen zu lesen ist, wollen die Konzerne nicht "ihre Zeit und ihr Geld verschwenden", indem sie ihre Flash-basierten Video-Archive extra für das Apple-Tablet kompatibel machen. Bei den Zeitungshäusern sieht es anders aus. Sie erhoffen sich neue Einnahmequellen und Leserkreise. Auch in der Schweiz.
Ringier: Mehrere App's in der Pipeline
Michael Ringier sorgte diese Woche in einem Interview mit "Le Figaro" für grosse Aufregung. Er meinte, das iPad sei bislang nur eine Spielerei und das iPad könne die Presse nicht retten. Die Zeilen irritierten, denn Ringiers Geschäftspartner Springer-Chef Mathias Döpfner betrachtet Apples Flachrechner als Retter der Verlage. Auch wenn der Verleger die Branche mit seiner Meinung verblüffte, sein Management setzt konsequent auf das iPad. Gegenüber "persoenlich.com" teilt die Pressestelle mit, dass das Medienhaus mit Hochdruck an mehreren iPad-Applikationen arbeite. Mediensprecher Edi Estermann sagt, dass man damit neues Publikum ansprechen wolle. Nicht zwingend nur ein jüngeres, sondern (aufgrund der optimalen Schriftvergrösserungsmöglichkeiten) auch ein älteres. Priorität haben die Magazine, konkret die "Schweizer Illustrierte" und "Cicero", weil sie von einer visuellen Sprache geprägt sind, die auf dem iPad gut umgesetzt werden kann. Aber auch die Blick-Gruppe feilt an einer iPad-App. Ringier glaubt an die Monetarisierung der iPad-Inhalte. Wenn eine App gut sei, sei der Konsument bereit, dafür zu bezahlen. Vor allem auch, weil das Inkasso sehr einfach ist. Die ersten Apps sollen im Spätsommer an den Start gehen.
Tamedia: Weiterhin kostenlose Inhalte
Auch bei Tamedia spielt das iPad künftig eine wichtige Rolle. Mediensprecher Christoph Zimmer sagt auf Anfrage: "Die Geschwindigkeiten und Lösungen unserer Medien für das iPad werden unterschiedlich sein. Während 20 Minuten Online und die Newsnetz-Partner wie zum Beispiel tagesanzeiger.ch seit dem Start mit eigenen Apps auf dem iPad vertreten sind, werden andere Medien erst mit der Zeit über ein eigenes Angebot entscheiden." Kostenpflichtige Angebote wie das Live-TV-Angebot seien möglich, das Grundangebot an Nachrichten werde aber weiterhin kostenlos und grösstenteils werbefinanziert verfügbar sein. "Entscheidend sind für uns angesichts der schnellen technischen Entwicklung Vielfalt, Experimentierfreude und unterschiedliche Zugänge zum Thema", sagt Zimmer. Deshalb konzentriert man sich bei Tamedia nicht auf eine einzelne Plattform, sondern beschreitet, beispielsweise mit dem Projekt Codex, gleichzeitig verschieden Wege. "Wir gehen davon aus, dass es auch in Zukunft eine Vielfalt von Plattformen geben wird, die ein jeweils angepasstes Angebot verlangen", meint Zimmer. Fazit: Das iPad ist für Tamedia ein interessanter neuer Vertriebskanal, aber nicht die Antwort auf alle Zukunftsfragen der Medienbranche.
Weltwoche: Wartet Entwicklung ab
Die Weltwoche Verlags AG sieht grundsätzlich grosses Potential in Tablet-Geräten wie dem iPad. "Wir sind sehr gespannt, wie rasch sich diese neue Geräteklasse beim Zielpublikum durchsetzen wird", sagt Online-Leiter Andreas Thut. Sobald Verbreitung und Nutzung von Tablets ein Niveau erreicht hat, womit sich ein entsprechendes Angebot mindestens kostendeckend betreiben lässt, werde man Weltwoche-Apps für Tablets lancieren.
Axel Springer: iPad-Digitalisierung weit fortgeschritten
"Wir begrüssen die Lancierung des iPads, da sich Inhalte sehr benutzerfreundlich darstellen lassen und individuelle Modelle für Paid-Content möglich werden. Wir erhoffen uns direktere Kundenbeziehungen und neue Leser", sagt der Onlineverantwortliche Adrian Bührer. Alle Bereiche bei Axel Springer haben entsprechende Projekte in der Pipeline: Beim "Beobachter" wird man die iPhone-App auch fürs iPad anbieten und inhaltlich laufend ausbauen. Bei den Wirtschaftsportalen darf man voraussichtlich im Winter mit ersten, spezifischen iPad Apps rechnen. Die TV-Sites sind bereits jetzt iPad-kompatibel und die Videos werden speziell für iPads als HTML5 ausgeliefert. Die Webseiten der Amiado-Group (Students.ch, Usgang.ch, PartyGuide.ch) sind ebenfalls weitgehend an die neuen Geräte angepasst und es werden noch diesen Herbst erste, einfache Applikationen erscheinen, grösstes Handycap im Moment ist allerdings die fehlende Unterstützung von Flash.
AZ Medien: Erste Angebote im Herbst
Auch bei den AZ Medien ist eine iPad-Strategie vorhanden. "Wir arbeiten an einer Strategie, beobachten die Entwicklungen und werden voraussichtlich im Herbst 2010 mit einem Angebot auf dem Markt sein", sagt Mediensprecherin Eva Keller. Die AZ Medien planen ein kostenpflichtiges Angebot. Die Gestaltung von Preismodellen ist in der Definitionsphase.
NZZ: Alte Tante wartet Entwicklung ab
Wie Online-Redaktionsleiter Fredy Greuter auf Anfrage sagt, beobachte die NZZ Gruppe die Entwicklungen rund um neue Endgeräte genau. Für das iPad würden derzeit drei Optionen geprüft: Ein E-Paper der NZZ, eine modifizierte iPhone-App und weitere hybride Varianten. Ausgehend vom jetzigen E-Paper-Angebot sei es wahrscheinlich, dass die Ausgaben zumindest für Nicht-Printabonnenten kostenpflichtig werden. Das Pricing sei grundsätzlich pro Produkt zu definieren. Dabei werden Printpreise eine Rolle spielen, ebenso aber auch das sich entwickelnde Preisgefüge im iPad-Markt selber.
Umfrage und Text: Christian Lüscher