Die Trash-Invasion aus Deutschland

Schawinski - Über D-Prominenz, hirnlose TV-Shows und die langlebigste Schmuddelsendung Deutschlands.

In der Schweizer Event-Landschaft gibt es einen Trend, der mich total auf die Palme treibt: Immer öfter werden deutsche Moderatoren eingeflogen, um eine hochkarätige Veranstaltung aufzuwerten. Doch der erzielte Effekt ist meist genau gegenteilig. Statt dass man sich gross und bedeutend macht, wirkt man provinzieller – also genau das, was man mit dem Import aus dem Norden vermeiden wollte.

Einige Beispiele gefällig? Die Präsentatorin der Eröffnung des Zurich Film Festival war Colleen Fernandez, vor allem bekannt als Model aus dem Katalog des Otto-Versandhauses und dem “Simple-Life”-Verschnitt “Gülcan und Colleen ziehen aufs Land”, mit der man die Paris-Hilton-Niederungen im deutschen Fernsehen erfolgreich unterbot. An keiner renommierten deutschen Veranstaltung wäre Colleen Fernandez, ein wichtiges Mitglied der Gilde der D-Prominenz, die sich völlig schmerzfrei in zahllosen hirnlosen TV-Shows als überkandidelter Gast produziert, zu ähnlichen Ehren gekommen. Denn in Deutschland kennt man ihren Stellenwert genau. Noch grotesker war die Wahl des Moderators der Abschlussveranstaltung, einem offenbar aus Bayern stammenden völlig unbekannten, namenlosen TV-Arbeiter, der sich ohne Fortüne und Inspiration durch den Abend zu arbeiten versuchte, bei dem eine so eminente Persönlichkeit wie Costa Gavras geehrt wurde. Das wirkte wie die Faust aufs Auge.

Den diesjährigen Schweizer Fernsehpreis moderierte Sonya Kraus, die sich seit Jahren ausschliesslich aufgrund ihres einzigen erkennbaren Assets, eines pausenlos penetrant in die Kamera gehängten Dekolletés, durch “TalkTalkTalk”, die langlebigste und schmuddeligste Schmuddelsendung des Landes, profiliert hat. Dies ist ein “Worst of” des deutschen TV-Angebots, ein internationales Konzentrat der grössten Talkshow-Peinlichkeiten. Für ein sicher respektables Honorar stotterte sie sich durch den Abend, sprach die Namen von Preisträgern falsch aus, von denen sie noch nie etwas gehört hatte, schwärmte ab Manuskript von Sendungen, die sie – wie jeder im Saal wusste – noch nie gesehen hatte, und führte Interviews, die kaum einen der theoretisch erdenklichen Anfängerfehler umschifften. In Deutschland agiert Sonya Kraus ausschliesslich auf Dschungelcamp-Niveau, wo sie wohl nur deshalb noch nie eingecheckt hat, weil sie bei ProSieben ihr Brot verdient und sich deshalb nicht auch noch bei RTL exhibitionieren darf. Selbst vor dem Eklat beim letzten Deutschen Fernsehpreis, mit dem Marcel Reich-Ranicki die Qualitätsdiskussion im Fernsehen reanimierte, wäre Sonya Kraus auf der Liste der potenziellen Moderatoren einer solchen Veranstaltung nie über Platz 837 hinausgekommen. Doch in der Schweiz wurde sie als angebliche Zierde des einzigen TV-Awards des Landes eingeflogen.

Diese Manie, sich deutscher TV-Prominenz aus der untersten Schublade zu bedienen, muss aufhören. Sie ist Ausdruck eines mangelnden Selbstbewusstseins von Leuten, die in einer provinziellen Haltung verhaftet sind, von Menschen, die glauben, sich und ihre Veranstaltung automatisch auf ein internationales Event-Niveau hieven zu können, sobald sie jemanden auf die Bühne stellen, selbst wenn sie oder er in einer der untersten Schubladen eines grossen deutschen TV-Privatsenders ihr Unwesen treibt. Und dabei schreckt man offenbar vor keiner Schandtat zurück. Anke Engelke war als Präsentatorin der ersten Ausgaben des Zurich Film Festival eine nachvollziehbare Wahl, auch wenn sie die gleichen Standardsprüche absonderte wie jeweils bei der Eröffnung der Berlinale. Das war zwar wenig kreativ, aber zumindest gekonnt. Eine Colleen Fernandez ist als Entertainerin im Vergleich zu Anke höchstens Kreisklasse. Da fallen mir auf Anhieb mehrere Schweizer Moderatorinnen und Moderatoren mit mehr Charme, Witz, Sprachkenntnis und Know-how ein. Zusätzlich ersparen die uns das Gefühl, mit der Resteverwertung aus Deutschland abgespeist zu werden. Wir sollten uns nicht kleiner machen als wir sind. Ich sage dies als einer, der das deutsche Fernsehen von ganz innen studieren konnte. Natürlich haben wir keine richtige Fernseh-Industrie, das hat man zielgerichtet sabotiert. Damit ist unser Personalangebot zwangsläufig beschränkt. Trotzdem gibt es auch hierzulande Talente, für die man sich nicht zu schämen braucht. Ich freue mich, wenn sie in Zukunft bei solchen Veranstaltungen ihre Chance erhalten und nicht wegen eines unsinnigen Schweiz-Malus im eigenen Land ausgeschlossen werden. Eine Colleen Fernandez oder Sonya Kraus hätte ich mir in Deutschland nie gefallen lassen. Noch viel weniger möchte ich es hier in der Schweiz tun.