"Die UBS duckt sich weg und stellt sogar ihre Imagekampagne "wir werden nicht ruhen" ein."

- Der Journalist und Bankenschreck René Zeyer schlägt wieder zu. Nach dem Bestseller "Bank, Banker, Bankrott" steht seit kurzem sein neustes Werk "Cash oder Crash" im Bücherladen zum Verkauf - zeitgleich mit dem neusten UBS-Fiasko. Am 8. Oktober diskutiert er mit Christoph Blocher die Frage "Sind wir noch zu retten?". persoenlich.com wollte dies und mehr schon jetzt von ihm wissen. Das Interview:

Herr Zeyer, genau am Tag des neusten UBS-Desaster ist ihr drittes Buch "Cash oder Crash. Abzocker durchschauen - eine Gebrauchsanweisung" erschienen. Hatten Sie eine Vorahnung, dass ein einzelner Mitarbeiter über 2 Milliarden verzocken kann?

Dafür muss man keine hellseherischen Fähigkeiten haben. Seit der letzten Finanzkrise hat die Politik, der Gesetzgeber, ausser Wortblasen herzustellen, nichts, nada, null verändert. Gleiches Spielfeld, gleiches Spiel. Hohe Volumen mit riesigen Hebeln, also wenig Eigenkapital und viel geliehenes Gratisgeld, das generiert sagenhafte Gewinne und Boni. Genau wie riesige Verluste. Denn es handelt sich ja nur um Wetten, es wird kein Rappen Wertschöpfung erzielt. Und bei einer Wette gewinnt einer, was ein anderer verliert. Das ist die banale Wahrheit hinter dem dummen Gequatsche von High-tech Financial Engineering, das mit mathematischer Präzision alles kontrollierbar mache.

Die UBS hat schnell reagiert: Herr Grübel ist zurückgetreten. Sie haben selbst als Kommunikationsberater bei einer Bank gearbeitet: Wie beurteilen Sie diesen Schritt?

Oswald Grübel hatte vor einer Woche die Verantwortung übernommen und wollte das lecke Schiff UBS durch die Krise steuern. Gut so. Aber sein Kapitän, VR-Präsident Kaspar Villiger, tauchte eine Woche lang kommunikativ ab, sagte keinen Ton, den man als Vertrauenserklärung hätte interpretieren können, und heuchelt nun im Nachhinein Bedauern. Da kann man kommunikativ nichts mehr machen, ausser, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Was würden Sie Herrn Villiger raten, wenn Sie noch als Kommunikationsberater von Banken tätig wären?

Der ist beratungsresistent. Aber gut: Verantwortung übernehmen, denn der Verwaltungsrat, nicht der Steuermann Grübel, ist für den Kurs, die Strategie der Bank verantwortlich. Einen Wandel der ganzen Kultur, der Strategie, der Ausrichtung der Bank ankündigen - und umsetzen. Oder, durch einen sofortigen Rücktritt seine Verantwortung für eine gescheiterte Strategie beweisen.Wollen wir eine Derivat-Wette abschliessen, dass er beides nicht tut?

Was raten Sie ihm als "René Zeyer"?

Nichts, was mich nicht in juristische Schwierigkeiten bringen würde, wenn ich es öffentlich sagte.

Wie kann man als Bank in der heutigen Zeit überhaupt richtig kommunizieren?

Man sollte endlich aufhören, daran zu glauben, dass wohlbezahlte Kommunikationsspezialisten, Wortschnitzer, Schönredner einem Desaster einen schillernden, aber falschen Schein verleihen können. Bankenkommunikation besteht heute weitgehend darin, Worthülsen zu produzieren, Aufgeschäumtes und Hochglänzendes, dem dann noch von der juristischen Abteilung der Bank alle Kanten abgeschliffen werden. Die UBS macht nicht mal das. Sie duckt sich weg, stellt sogar ihre Imagekampagne "wir werden nicht ruhen" ein. Soweit, so schlecht, aber was macht die fett bezahlte Abteilung Corporate Communication stattdessen? Krisenkommunikation, retten, was noch zu retten ist? Das herausstellen, was doch immer noch gut ist an der UBS? Fehlanzeige.

Die Banken haben bei der Öffentlichkeit stark an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Sie haben vor 3 Jahren die Seiten gewechselt und liegen damit mit ihren Büchern voll im Trend. Zufall oder guter Riecher?

Zufall. Das war, wie ein Banker sagen würde, "unvorhersehbar". Der auslösende Faktor war meine Entscheidung, Sprecher des Vereins der Schweizer Lehman-Opfer zu werden. Man erinnert sich: Tausende von Kleinanlegern, meistens ältere finanztechnische Laien, verloren über 600 Millionen Franken mit Lehman-Schrottpapieren, die ihnen unter dem Logo einer Schweizer Grossbank mit "Bankgarantie" und "100 Prozent Kapitalschutz" angepriesen wurden. Und immerhin, ich konnte einen Beitrag dazu leisten, dass sie rund 150 Millionen wieder zurückbekamen. Dafür konnte ich nicht mehr als mediale Kriegstänze aufführen. Auf diese kommunikative Tat bin ich stolz.

Kritisieren ist immer einfach. Was für Verbesserungsvorschläge präsentieren Sie den Banken?

Ich bin Diagnostiker, kein Therapeut. In all dem Meer von sich völlig widersprechenden Meinungen von Bankspezialisten, Wirtschaftswissenschaftern, HSG-Absolventen, Black-Belt-Trägern und Sprachrohren von Banken ist es schon ziemlich abendfüllend, mit klarem Blick die entscheidenden und richtigen Diagnosen herauszuarbeiten, Wahrheiten einfach, verständlich und richtig zu formulieren. Da liegt meine Trefferquote bislang bei 100 Prozent, das ist ja auch schon was. Und ich bin doch nicht so überheblich zu glauben, dass irgendein Bangster auf einen Ratschlag von mir hören würde.

Ihr neues Buch ist ein "Abzocker-Lexikon". Wen wollen Sie damit ansprechen?

All die finanztechnischen Laien, die doch bis heute nicht verstehen, was Banker im Gestus der wissenschaftlichen Überlegenheit schwätzen. Wie funktioniert eigentlich die Börse heute, was ist ein Derivat, wer ist Kaspar Villiger, wie tickt Joe "Victory-Zeichen" Ackermann, was muss man von Währung verstehen, was ist genau mit Griechenland los, was ist die Zukunft des Euro? Insgesamt mehr als 90 verständliche, unterhaltsame und vor allem richtige Erklärungen für jeden, der sich Sorgen um sein Geld macht. Und das machen wir uns doch alle.

Was wollen Sie mit dem Buch erreichen?

Aufklärung, so altmodisch das klingen mag. Die moderne Pseudo-Finanzwissenschaft hat alles, was mit Geld zu tun hat, in einen undurchdringlichen Dschungel, in überkomplexe Systeme, in ein Ungetüm verwandelt, das uns zurzeit zum zweiten Mal in einen Abgrund zu stürzen droht. Mit meinem Buch kann man es zwar nicht erlegen, aber es ist immerhin eine Machete, mit der man sich Durchblick verschaffen kann.

Am 8. Oktober findet zu „Cash oder Crash“ eine Podiumsdiskussion mit der Leitfrage "Sind wir noch zu retten?" statt. Sind wir noch zu retten?

In der Finanzkrise 1 konnten die industrialisierten Staaten das Finanzsystem mit Billionenhilfen vor dem Kollaps retten. In der aktuellen Finanzkrise sind die Staaten selbst so verlumpt, dass viele von ihnen vor dem Bankrott stehen. Woher sollte da noch Rettung kommen? Christoph Blocher und ich werden in der Debatte versuchen, uns wohl teilweise widersprechende Antworten zu geben. Leider kann ich sonst nur empfehlen, die Schweizer Nationalhymne zu singen: "Betet, freie Schweizer, betet."

Interview: Corinne Bauer.