"Die Unterscheidung zwischen Internet und Fernsehen wird sich verwischen"

- Welchen Stellenwert hat die Kommunikation in zehn Jahren? Was bringt uns digitales Fernsehen? Und was bedeuten die neuen technologischen Möglichkeiten für die Werbeindustrie? Gegenüber "persoenlich blau" schildert Cablecom-Chef Rudolf Fischer seine Visionen. Ein Auszug:

Wie sieht unser Haushalt – was Kommunikation anbelangt – in zehn Jahren aus?

Kommunikation wird in zehn Jahren bestimmt einen noch wichtigeren Stellenwert einnehmen. Heute haben wir möglicherweise das Telefon-Abo, den Breitband-Internet- und den Festnetzanschluss bei unterschiedlichen Anbietern. In ein paar Jahren werden wir wahrscheinlich einen einzigen Anbieter wählen, der alle Dienste zur Verfügung stellt. Parallel dazu sehe ich eine weit gehende Integration zwischen den Medien. Der Austausch und der Zugriff auf alle Inhalte – in welcher Form auch immer – wird über Internet, Fernsehen oder Telefon Realität sein. Die Industrie arbeitet an einer Standardisierung der Technologien, und die Betreiber von Diensten haben – so wie wir – die Vision, alle Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Schon heute erhalten Sie von uns Fernsehen digital oder analog, Internet, Telefonie oder Public-wireless-Lan aus einer Hand. Sie können Ihre E-Mails über eine digitale Set-up-Box oder Ihren Telefonbeantworter über das Internet abfragen. Diese Konvergenz, die bereits eingeleitet ist, wird in Zukunft noch viel weiter reichen.

Heute brauchen wir für diese Dienste noch verschiedene Geräte und bekommen verschiedene Rechnungen. Wird sich auch das ändern?

Ja, wir haben Anfang Dezember bei uns das so genannte Selfcare-Portal eingeführt. Der Kunde kann damit über Internet alle seine Dienste abrufen. Zukünftig wird er dort auch seine Rechnungen kontrollieren und verschiedene weitere Dienste in Anspruch nehmen können. Alles wird über ein Portal laufen.

Wo sehen Sie das zukünftige Zentrum der Kommunikation? Im Büro oder im Wohnzimmer?

Sowohl als auch, denke ich. Dank der Konvergenz, die wir angesprochen haben, wird es möglich sein, ein Fernsehprogramm über den PC im Büro abzurufen. Genauso wie es technisch machbar sein wird, über den Fernseher im Wohnzimmer im Internet zu surfen. Bereits heute können Sie auf dem Internet Fernsehprogramme in gestreamter Form anschauen. Alle Inhalte werden in Zukunft über verschiedene Medien vertrieben, wobei es keine Rolle mehr spielen wird, ob das eine Ding Internet und das andere Fernsehen heisst. Vor fünf Jahren kostete eine Zwei-Megabit-Leitung ein Vermögen, heute ist sie für 75 Franken zu haben. In zehn Jahren wird das Standard-Produkt wahrscheinlich eine Hundert-Mega-bit-Verbindung auf dem Internet sein. Bei einer solchen Verbindung können Sie problemlos High-Definition-TV oder gar holografisches Fernsehen machen und empfangen. Die Unterscheidung zwischen Internet und Fernsehsender wird sich in Zukunft verwischen.

Was bringt digitales Fernsehen dem Konsumenten?

Digitales Fernsehen bringt zunächst eine grössere Auswahl. Heute haben wir rund 45 analoge Fernsehangebote; im digitalen Bereich sind es heute schon weit über 100 Angebote. 2005 werden wir auch im digitalen Bereich alle heute verfügbaren analogen Programme spiegeln, sodass die Konsumentinnen und Konsumenten mit einer Fernbedienung Zugang zu über 150 Fernsehangeboten haben. Hinzu kommt die bessere Qualität. Digitales Fernsehen hat DVD-Qualität, digitalen Ton und Surround-Sound. Noch wichtiger ist, dass Sie einen elektronischen Programmführer haben, der Ihnen gezielt hilft, zum Beispiel eine Oper, einen Krimi oder eine Sportsendung zu finden und mit einem digitalen Video-Recorder individuell aufzunehmen und anzuschauen.

Cablecom hat anderthalb Milliarden Franken in den Ausbau ihrer Infrastrukturen investiert. Welche Bereiche wurden konkret ausgebaut?

Dieses Geld ist primär in den Aufbau unseres Glasfasernetzes (‘Back bone’) geflossen. Unser Glasfasernetz haben wir bis circa 500 Meter an den Endverbraucher herangezogen. Die letzten hundert Meter bis zur guten Stube jedes Kunden sind mit dem breitbandigen Koaxialkabel erschlossen. Dank dieser Investitionen konnten wir das zweitgrösste Netzwerk – nach demjenigen der ehemaligen Monopolistin Swisscom – in der Schweiz aufbauen. Das ist unser Hauptvorteil gegenüber all unseren Mitbewerbern.

Bereits heute gibt es schon technische Möglichkeiten, mit denen Werbespots ausgeschaltet werden können. Was bedeutet das für die Fernsehsender, die ja mitunter von Werbeeinnahmen leben?

Zu diesem Thema wird bereits eine kontroverse Diskussion geführt. In den USA und in Deutschland beschäftigte die Frage, ob es zulässig sei, Spots zu unterdrücken, auch schon Gerichte. Bis jetzt hat die Kabelindustrie immer Recht bekommen. Unserer Ansicht nach soll es im Ermessen des Konsumenten sein, ob er Spots sehen will oder nicht, genauso, wie er auch den Fernseher abstellen oder jederzeit auf ein anderes Programm ausweichen kann. Zudem kann die Werbung nicht einfach unterdrückt werden, währenddem die Sendung in “real time” läuft, sondern man kann sich die Sendung mit einer Zeitverschiebung später anschauen, wobei dann die Werbung übersprungen werden kann.

Trotzdem – ist es in Ihrem Sinn, dass Werbung unterdrückt werden kann?

Wir richten uns nach den Marktbedürfnissen aus. Die Möglichkeit, Werbung zu überspringen, wird kommen und sicherlich zu erheblichen Veränderungen in der Werbeindustrie führen. Umgekehrt besteht beim digitalen und damit interaktiven Fernsehen heute schon die Möglichkeit, ganz andere Formen von Werbung zu kreieren. So können Sie zum Beispiel in einem Film, bei dem der Hauptdarsteller einen Anzug des Herstellers X trägt, eine Box einblenden und eben diesen Anzug zum Kauf anbieten. Auf der Set-top-Box kann der Konsument dann die entsprechende Werbung abrufen – mit weiteren Informationen bis hin zur Bestellung. Dies sind hybride Formen der Werbung, die auf ähnlichen Technologien basieren, wie wir sie schon zum Beispiel vom Zuschauer-Voting bei MusicStar kennen. Die Werbeindustrie wird sich dieser Entwicklung und diesem Potenzial bestimmt anpassen müssen.

Sie haben Pläne, ein eigenes Parlamentsfernsehen, den so genannten Canal Suisse, aufzuziehen, zusammen mit den Regionalveranstaltern. Wie weit ist dieses Projekt gediehen?

Das Projekt liegt fertig in der Schublade. Wir hatten dieses Jahr aber mit dem Preisüberwacher Diskussionen. Das Ergebnis dieser Diskussionen ist, dass wir die Preise für unsere Dienstleistungen, die in der Vergangenheit nicht kostendeckend waren, erst 2006 erhöhen dürfen. Im nächsten Jahr dürfen wir unsere Preise für unser analoges Fernsehangebot nicht anpassen. Das bedeutet auch, dass wir einige Netzausbauten in den nächsten Jahren nicht realisieren werden und gewisse Projekte auf Eis gelegt haben, darunter auch Canal Suisse.