19.08.2014

Affäre Geri Müller

"Die Verantwortung spielt eine wichtige Rolle"

Geri Müller hat sich am Dienstag an einer Pressekonferenz entschuldigt, er bleibt im Amt. Zudem kommt es vorerst nicht zu einem Verfahren wegen Amtsmissbrauchs. Hätte die "Schweiz am Sonntag" also besser geschwiegen, wie es auch die "Weltwoche" und der "Blick" taten? Im Interview mit persoenlich.com beurteilt Journalistik-Professor Vinzenz Wyss die Rolle der Medien. Er liefert zudem eine mögliche Erklärung, warum es immer häufiger zu vorschneller öffentlicher Verurteilung kommt.
Affäre Geri Müller: "Die Verantwortung spielt eine wichtige Rolle"

Herr Wyss, was die Chefredaktoren zur Story um Geri Müller sagten (vgl. persoenlich.com), erklärten Sie kurzerhand zum Pflichtstoff für Journalismus-Studenten. Was soll der Nachwuchs daraus lernen?
Hinter ethisch heiklen Entscheiden steht eine Güterabwägung: hier das Recht der Öffentlichkeit, Irritierendes zu erfahren und dort der Persönlichkeitsschutz, bzw. das Recht auf Privatheit. Es ist interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die erfahrenen Journalisten für oder gegen eine Publikation zum jetzigen Zeitpunkt argumentieren. Wir lernen daraus viel und vor allem auch, dass gerade wegen dieser journalistischen Freiheit die Verantwortung eine wichtige Rolle spielt. Diese wird nun unterschiedlich ausgelegt.

Welche Punkte haben Sie erstaunt bei den Chefredaktoren-Statements?
Da gibt es viele Aussagen, die ich absolut nachvollziehen kann. Befremdet hat mich aber beispielsweise das Statement vom Verlegerpräsidenten Hanspeter Lebrument. Er sagte, etwas sei keine Privatangelegenheit mehr, sobald es an die Öffentlichkeit gelangt sei. Da wird meines Erachtens die Huhn- und Ei-Frage ausgeblendet. Irritiert hat mich auch die Aussage von Res Strehle vom Tagi. Er sagte, insbesondere von einem grünen Politiker müsse erwartet werden, Vorbild zu sein. Oder dass Marco Boselli von "20 Minuten" meint, sein Publikum würde sich auch für die verpixelten Fotos interessieren.

Interessant ist auch, wie sich "Fakten" ändern: Aus einer 33-Jährigen wird eine 21-Jährige, aus einer Chat-Bekanntschaft eine "Geliebte" (vgl. persoenlich.com). Grundsätzlich müssten die Medien um faktentreue und als Vierte Gewalt um angemessene Meinungsbildung besorgt sein. Welche Medien erfüllen dies Ihrer Ansicht nach?
Grundsätzlich haben alle Medien die Möglichkeit, verantwortungsvoll Missstände aufzudecken. Eine Zeit lang habe ich selbst geglaubt, die "Schweiz am Sonntag" verfüge über genügend Fakten, die einen Amtsmissbrauch plausibel machen - was meines Erachtens den Fall erst journalistisch relevant gemacht hätte. Es zeigt sich aber jetzt, dass wir noch immer zu wenig wissen. Für mich erfüllen also Medien diese Funktion erst dann, wenn sie mit der Veröffentlichung so lange zuwarten, bis die Recherche gesättigt ist. Aber vielleicht hält die "Schweiz am Sonntag" die fehlenden Fakten ja noch in der Hinterhand.

Das meinen Sie jetzt ironisch? 
Es ist durchaus eine bewährte Strategie des investigativen Journalismus; quasi mit Salamitaktik immer wieder eins draufzulegen. So geschehen im Fall Nef. Fakt ist doch: Wir kennen heute erst widersprüchliche Versionen rund um die gleichen Fakten. Dass in diesem Fall also noch Fakten unter Verschluss gehalten werden, kann schon sein. Man darf dies einem gewieften Journalisten, wie es Patrik Müller ist, durchaus zutrauen.

Es gibt zunehmend Stimmen, die kritisieren, dass die Vorverurteilung durch die Medien stark zugenommen hat. Wie dramatisch beurteilen Sie dieses Phänomen?
Ich kann mir vorstellen, dass hier mehr und mehr eine Kultur aus der Blogosphäre auf den herkömmlichen Journalismus rüberschwappt: Publizieren bevor alle benötigten Fakten auf dem Tisch sind und dies mit dem Alibi, Betroffene könnten sich ja dann noch später melden oder man könne jederzeit nachschieben. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung.

Wie könnte hier Gegensteuer gegeben werden?
Zunächst brauchen wir heute auch eine starke öffentliche Debatte über Medienleistungen, also Medienkritik, damit auch das Publikum erkennen kann, dass professioneller Journalismus Regeln kennt, über welche man sich – und das zeigen die unterschiedlichen Aussagen der befragten Chefredaktoren – immer wieder neu verständigen muss. Schliesslich ist Glaubwürdigkeit sicher auch heute noch das wichtigste Kapital eines verantwortungsvollen Journalismus. Gerade in einer Zeit, in der manche glauben, es stehe alles – sowieso – im Internet, wird dieses Gut wichtiger denn je. Das heisst also eine Differenz machen und auch mal zuwarten können, bis die Trauben reif sind. Aber ich weiss, das klingt in den Ohren mancher Journalisten wie eine Sonntagspredigt aus dem Elfenbeinturm.

Fragen: Edith Hollenstein, Bild: zVg

 

 



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