"Die Vorwürfe waren absolut nicht berechtigt"

- Nach der fehlerhaften Berichterstattung über Ex-Botschafter Thomas Borer und Pensionskassen-Spezialist Jürg Maurer musste sich der "Blick" gestern zum dritten Mal auf der Titelseite entschuldigen. Diesmal bei Beat Dünki, dem ehemaligen Geschäftsleiter des Gästefamiliennetzwerks "Time-out". Im Interview mit persoenlich.com kritisiert Dünki den Presserat scharf und er sagt, warum er nur gegen "Blick" und nicht auch gegen die "Weltwoche" geklagt hatte. Zum Bericht:

Vor sechs Jahren lösten die "Blick"-Berichte über ein "Foltercamp" in Spanien enorme Medienresonanz aus. Anfangs April 2006 brachte der "Blick" eine Geschichte über fünf Schweizer Jugendliche in einem Erziehungscamp in Spanien, die "in Wildschwein-Käfigen wie Tiere gefangen" gehalten würden, wenn sie gegen die Hausregeln verstossen hatten. "Sie erlebten die Hölle", so der "Blick", und: "Folter pur!". Beat Dünki, damals Geschäftsleiter der Gastfamilienvermittlung "Time-Out", wurde als zuständiger "Kindervermittler" beschrieben und mehrmals mit schwarzem Balken vor dem Gesicht abgebildet. Diese Vorwürfe stellten sich bald schon als unbewiesen heraus.

Gestern Dienstag hat sich der "Blick" nach einem langen juristischen Vorspiel auf der Frontseite bei Beat Dünki entschuldigt. Ringier-Schweiz-Chef Marc Walder schrieb Dünki einen Entschuldigungsbrief, zudem wurde ihm eine Genugtuungssumme ausbezahlt. "In diesem Fall wurde handwerklich teilweise gegen grundlegende journalistische Regeln verstossen. So wurde nur einer Quelle vertraut und es kam auch nur eine der Konfliktparteien zu Wort", erklärt Ringier-Sprecher Edi Estermann auf Anfrage von persoenlich.com.

Für Beat Dünki hatte die damalige "Blick"-Berichterstattung verheerende Folgen. Persoenlich.com hat ihn befragt:

Herr Dünki, die "Blick"-Berichte liegen fünf Jahre zurück, nun diese Entschuldigung auf der Frontseite. Hat sich Ihr Stehvermögen gelohnt?

Ja, das hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Damit sind Sie erneut ein grosses Thema, im "Blick", aber auch im "Tages-Anzeiger". Ist es nicht nachteilig für Sie, dass ihr Name wiederum in aller Munde ist?

Nein, schauen Sie: Ich hatte nie etwas zu verbergen. Die Vorwürfe waren absolut nicht berechtigt, daher musste ich mich wehren. Es liegt auch für einen riesigen Konzern wie Ringier nicht drin, dass einfach so in das Leben von Menschen getrampt wird, die überhaupt nicht schuldig sind.

Sind Sie zufrieden mit dem Brief von Marc Walder und der Entschuldigung auf der "Blick"-Front?

Klar, eine "Blick"-Sonderausgabe wäre mir lieber gewesen. Doch im Rahmen des Möglichen bin ich zufrieden. Auch weil Leute bei mir Rat fragten, die selber einen Prozess ansteuern wollen.

Von der Genugtuungssumme können Sie sich gemäss "Tages-Anzeiger" eine Ferienwohnung kaufen.

Ja genau. Diese finanzielle Abgeltung ist tatsächlich beachtlich für schweizerische Verhältnisse. In Relation zum emotional-psychischen Schaden ist die Genugtuung aber lächerlich.

Im Brief entschuldigt sich Marc Walder "uneingeschränkt" für die "katastrophalen Folgen" der Berichte. Wie ordnen Sie persönlich diese Entschuldigung ein?

Es ist eine Entschuldigung, welche nachweisbar eine Konsequenz aus massivsten journalistischen Fehltritten von den Herren de Schepper und Kraushaar ist. Allerdings haben nicht diese beiden Herren unterzeichnet, sondern Menschen, die zwar solchen Journalismus unterstützen, denjenigen von damals aber nicht selber produziert haben.

Sie helfen nun anderen Betroffenen.

Wer den Weg durch die Instanzen gehen will, muss sich dies vorher gut überlegen. Denn auf halbem Weg aufhören, ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Generell muss man sich im Vornhinein sehr klar bewusst sein, ob man im Recht ist oder nicht. Wer sich in eine prozessuale Auseinandersetzungen mit Ringier oder dem "Blick", wie auch deren Exponenten, dem damaligen Chefredaktor Werner de Schepper oder dem federführenden Journalist Beat Kraushaar, einlässt wird sehr genau beobachtet. Wenn dann unlautere Dinge zum Vorschein kommen, wird man scheitern. Wenn man aber sicher ist, im Reinen zu sein, soll man hin stehen und standfest seinen Weg gehen.

Inwiefern erwies sich der Presserat als eine nützliche Instanz?

Den Presserat zu involvieren ist nach meiner persönlichen Erfahrung die falscheste Strategie, die man einschlagen kann. Ich selber habe mich mit dem damaligen Presseratspräsidenten Peter Studer unterhalten. Ich fragte Herr Studer, ob es in Ordnung sei, was der Blick mit mir mache und ob ich mir dies gefallen lassen müsse. Studer sagte: "Ja warum? Sie, Herr Dünki, haben das ja selber verursacht!". Viel mehr sagte er nicht, sondern äusserte sich nach dem Motto: Wo Rauch ist, gibt’s auch Feuer. Ich fragte ihn, ob ich nicht ein Opfer einer Medienkampagne sei, ähnlich wie Katharina Blum. Da entgegnete mir Studer: "Dies kann schon sein. Doch es gibt schon noch einen Unterschied: Katharina Blum brachte sich um." Dies war sein Kommentar! Das ist doch eine Bemerkung, die ich einem Presseratspräsidenten nicht verzeihen kann. Das ist eine Arroganz sondergleichen! Ich habe zwischenzeitlich von verschiedenen Seiten gehört, dass der Presserat oftmals keine grosse Hilfe ist.

Wenn Sie auf den Fall zurückblicken, hätten Sie den Kontakt zu den Journalisten früher suchen müssen?

Das hätte gar nichts gebracht. Werner de Schepper hat zwar Theologie studiert und nach der Zeit als "Blick"-Chefredaktor bei einem katholischen Blatt gearbeitet. Doch Herr de Schepper ist ein Zyniker: Er braucht Opfer wie mich. Ich frage mich, wie er als Mensch mit dieser Tatsache zurechtkommt. Früher in Kontakt zu treten mit diesen Journalisten, hätte sicher nichts gebracht.

Warum klagten Sie nur gegen "Blick" und nicht auch gegen andere Medien?

Ich hätte auch gerne gegen die "Weltwoche" geklagt. Damals war dies nicht möglich, weil mein Anwalt der Schwager von "Weltwoche"-Journalist Alex Baur ist und somit befangen war in dieser Sache. Baur hatte nämlich einen ganz grässlichen Artikel geschrieben, der journalistisch äusserst bedenklich war.

Gemäss Ringier-Mediensprecher Edi Estermann ist handwerklich teilweise gegen grundlegende journalistische Regeln verstossen worden. So wurde nur einer Quelle vertraut und es kam auch nur eine der Konfliktparteien zu Wort. Sind dies tatsächlich die Hauptfehler?

Bevor der "Blick" mit mir Kontakt aufgenommen hatte, lancierte er bereits die Story "Schweizer Jugendliche tagelang in Wildschweinkäfig". Einige Wochen davor gab es in Spanien einen Fall von einem gravierenden Missbrauch in einer Familie, bei dem Kinder durch sehr starke Verwahrlosung gestorben sind. Dieser Fall war einige Kilometer weit entfernt und hatte gar nichts mit der schweizerischen Gastfamilie zu tun. Der Fall wurde in Spanien stark diskutiert und man zweifelte an der Einsatzbereitschaft der Polizei. Die Polizei wollte dann aber beweisen, wie fähig sie ist, und tat dies indem sie den zusammengeschlagenen Jugendlichen aufgriff und eine grosse Untersuchung einleitete. Der Jugendliche wurde aber lediglich im Zusammenhang mit dem Komplott der Jungendlichen gegenüber dem Gastfamilienvater blutig geschlagen. Die Jugendlichen lösten sich sozusagen die Heimfahrtstickets, indem sie den Gastfamilienvater ungerechtfertigterweise beschuldigten. Diese Sache wurde von "El Pais" thematisiert und dann von Ringier ins Deutsche übersetzt.

Ihre Existenz und Ihr Ruf waren zwischenzeitlich ruiniert. Was änderte sich in ihrem Leben im Vergleich zu vor fünf Jahren?

Meine Geschichte ist eigentlich eine spannende Geschichte, doch dummerweise stand ich mittendrin. Das tönt jetzt vielleicht ironisch, aber es ist so. Durch die Berichterstattung habe ich die Hälfte der Leute in meinem sozialen Umfeld verloren. Viele Freunde und Bekannte liessen bis heute nichts mehr von sich hören. Ausserdem gehe ich heute nicht mehr in Lokale, in denen der "Blick" gelesen wird.

Sie sind ehemaliger Lehrer und Erwachsenenbildner. Was machen Sie nun beruflich?

Ich werde für socialmarkets.ch arbeiten. Das ist eine Internetplattform, die auf innovative Art Spendengelder für verschiedene Hilfswerke fördert. Sie wird demnächst online geschaltet.

Interview: Edith Hollenstein