Herr Russ, Sie galten jahrelang als einer der Pioniere in der Branche. Nun haben Sie nach dem ".ch"-Debakel einen Stiefel mit Wasser herausgezogen. Wie haben Sie die ganze Sache erlebt?
Dies war auch für uns kein angenehmes Erlebnis, zumal wir da viel Geld verloren haben.
Wie viel ungefähr?
Darüber gebe ich keine Auskunft, der Verlust liegt aber im siebenstelligen Bereich, da wir die Zeitung auch gedruckt haben. Mehr noch zählt aber die Energie, die wir in dieses Projekt gesteckt haben. Ich habe immer an den Erfolg und die Mannschaft geglaubt, aber wir haben .ch in einer denkbar schlechten Zeit lanciert. Diese Krise war aber so auch nicht vorausschaubar. Wer hätte geahnt, dass Lehman pleitegeht? Wer hätte vor einem Jahr vorausgeahnt, dass der Schweizer Werbemarkt um 30 Prozent einbricht? Als wir vor zwei Jahren starteten, hatte Metro International, die Mutter aller Gratiszeitungen, einen Börsenwert von 1,5 Milliarden Dollar. Als wir für .ch die Einstellungsverfügung treffen mussten, betrug der Börsenwert noch 30 Millionen Dollar. Der Wert von Metro ist also innerhalb eines Jahres praktisch um 98 Prozent geschrumpft, was beweist, wie schwierig die Situation im Gratiszeitungsmarkt ist.
Trotzdem gaben Sie sich vor einem Jahr, als Sie den Relaunch durchführten und die Hauszustellung beschlossen, noch zuversichtlich.
Im Frühling 2008 glaubten wir noch, dass wir das Blatt kehren könnten. Die wirtschaftliche Lage hat sich aber in der Schweiz innerhalb eines halben Jahres massiv verschlechtert. Unsere Massnahmen zeigten kurzfristig sogar Wirkung, wir erhöhten die Leserzahlen massiv und wurden von der Schweizer Werbeindustrie als attraktive Alternative goutiert. Doch dann waren die Rahmenbedingungen einfach zu schlecht, sodass wir die Konsequenzen ziehen mussten.
Was war neben der Krise der Hauptfehler, dass es nicht funktionierte?
Die Krise allein reicht.
Trotzdem ist der Konkurs einer Zeitung für die Schweiz neu.
Wir haben als Investor und als Drucklieferant an allen Fronten viel Geld verloren. Es blieb uns keine andere Wahl.
VR-Präsident Ernst Buob verkündete am 4. Mai, dass man .ch "mit Anstand" beenden wolle. Wenige Zeit später wurde .ch in den Konkurs gejagt. Ramponierten Sie dadurch in der Schweiz nicht Ihren bis anhin ausgezeichneten Ruf?
Nein. Nur weil der mässig erfolgreich agierende Medienunternehmer Kurt W. Zimmermann in der Weltwoche sein Mütchen kühlt, sehe ich das nicht auch so.
Die Kleinaktionäre werfen den .ch-Grossinvestoren vor, dass sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, und wollen jetzt auch noch klagen. Was bedeutet dies für Sie?
Die Vorwürfe gehen ins Leere.
Wie ist Ihre Beziehung zum ehemaligen Projektleiter Sacha Wigdorovits?
Meine Wertschätzung gegenüber Sacha Wigdorovits ist ungebrochen.
Sie haben immer den Erfolg der Gratiszeitung gepredigt. Hat sich dieses Modell möglicherweise überlebt?
Nein, aber der Startzeitpunkt für die Lancierung einer Gratiszeitung war rückblickend gesehen doch sehr ungünstig. Besonders in der Schweiz mit seinen starken Printmedien und dem schwachen Fernsehen wirken sich Konjunkturschwankungen viel stärker auf den Werbeanteil und die Stellenanzeigen aus als beispielsweise in Vorarlberg, wo der Werbeeinbruch rund zehn Prozent beträgt.
Sie haben über 50 Tages- und Wochenzeitungen. Wo ist der Werbemarkt am stärksten zusammengebrochen?
Wir sind in zehn Regionen tätig, wobei Vorarlberg eine davon ist. Den grössten Umsatzeinbruch hatten wir in Rumänien. In den Vorjahren konnten wir von einem starken Wirtschaftswachstum profitieren. Wir wussten bereits im Vorfeld, dass sich die Krise in Osteuropa massiv auswirken würde, sodass wir rechtzeitig unsere Betriebe restrukturieren und verschlanken konnten. Dieses Verschlankungsprinzip wenden wir für die gesamte Gruppe an und ist unsere Antwort auf die Strukturkrise.
Was verstehen Sie darunter?
Wir machen unsere Unternehmen effizienter, indem wir die Prozesse digitalisieren. Diesbezüglich ist die Medienbranche im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen immer noch stark im Rückstand. Früher mussten Sie am Flughafen am Schalter einchecken, heute geht alles vollautomatisch und ohne Hilfe von Menschen. Das Gleiche gilt für das Bezahlen von Strafzetteln oder der Miete über E-Banking. Oder Ihr Geld heben Sie ab beim Bankomaten. Obwohl vieles heute technisch möglich ist, ist unsere Branche in weiten Bereichen zurückgeblieben. Früher wurde ein Inserat per Post aufgegeben und musste anschliessend von mehreren Personen bearbeitet werden. Dadurch entstand ein enormer Kostenblock. Heute kann ein Kunde sein Inserat auf unserer Internetplattform deponieren und hat zudem den Vorteil, dass er dieses vor der Drucklegung kurzfristig abändern kann. 30 Prozent unserer Inserate kommen heute bereits in digitaler Form, wobei wir diesen Wert bis Ende des Jahres noch deutlich erhöhen wollen. Diesbezüglich hat bereits ein enormer Verschlankungsprozess stattgefunden. Wenn man im Mediengeschäft effizienter werden will, können wir andere Branchen wie beispielsweise die Airline-Industrie studieren.
Aber überfordern Sie durch diese Digitalisierung nicht Ihre Kunden, die Ihre Kleinanzeige nun am Computer und nicht mehr am Telefon aufgeben müssen?
Manchmal ist die technische Entwicklung schneller als die Kundenbedürfnisse. Das war am Flughafen genau gleich, wo man den Boarding Pass heute elektronisch und nicht mehr am Schalter löst. Zu Beginn der Umstellung half man den Passagieren noch, heute beherrschen sie den Automaten selbst.
Mussten Sie auch Leute entlassen?
Selbstverständlich mussten wir auch Leute entlassen. Trotzdem sind diese Verschlankungsmassnahmen primär eine Antwort auf die Strukturkrise und weniger auf die Finanzkrise.
Wie viele Leute mussten Sie entlassen?
Sehr wenige. Bei einem Grossteil handelt es sich um natürlich Fluktuation, sodass wir keine Massenentlassungen vornehmen mussten.
Sie haben in der Vergangenheit immer wieder die hohen Inseratpreise kritisiert.
Ja, wir haben auch ein neues Rabattierungssystem eingeführt, was von unseren Kunden sehr gut angenommen wurde. Ich glaube, um Erfolg zu haben, reicht es nicht, dass ein Inserat lediglich einmal geschaltet wird. Ein Einzelspot bei Radio und Fernsehen bringt auch keine Werbewirkung. Wir versuchen, neue Anzeigenkunden zu gewinnen, indem wir ihnen zum selben Preis mehrere Schaltungen anbieten.
Was heisst das konkret?
Wir schalten ein Inserat nicht nur ein- oder zweimal, sondern bis zu fünfzigmal. Solche Frequenzprodukte sind in den USA üblich, in Europa eher noch ungewöhnlich. Wir haben auch sehr viel in die Ausbildung unserer Mitarbeiter investiert, um bei der Konzeption der Werbekampagne den Erfolg unserer Anzeigenkunden sicherzustellen.
Bringen Sie dadurch nicht das ganze Preisgefüge der Branche durcheinander?
Nein, das glaube ich nicht. Unsere Branche überlebt nur, wenn sie sich auch Neues einfallen lässt. Das gilt nicht nur für den Anzeigenbereich. Auch bei den Redaktionen bemühen wir uns um deutlich höhere Produktivität. Wir versuchen hier beispielsweise mit der Zusammenarbeit von festangestellten Journalisten, Freelancern und sogenannten Bürgerjournalisten, welche unentgeltlich arbeiten, unsere Leistungen zu optimieren. Wir wollen aus allen noch so entlegenen Orten unserer Verbreitungsgebiete lückenlos berichten.
Nach dem herkömmlichen Finanzierungsmodell kommen zwei Drittel der Einnahmen durch Inserate, der Rest durch Abos. Wird dieses Modell überleben?
Nein, in Zukunft werden die Aboeinnahmen wieder einen stärkeren Stellenwert bekommen. Dabei ist aber notwendig, neue Anreize zu schaffen. Wir bieten unseren Lesern exklusive Gewinnspiele, ermässigte Tickets für Konzerte und Kulturverantstaltungen, verbilligte Bücher oder günstigen Strom an. Wir versuchen unseren Lesern möglichst viele Produkte anzubieten, ohne einen zusätzlichen Overhead zu errichten. Wir streichen auf unserer Internetplattform oder in unseren Zeitungen diese Abovorteile permanent heraus. Unsere 70 000 Abonnenten sind der Ansicht, dass sie durchschnittlich 70 Prozent der Abokosten durch Abovorteile hereinholen können. Unser Ziel wäre es, auf über 100 Prozent zu kommen. Dann wären wir eine Gratiszeitung mit Abo-Charakter.
Aber stört es Sie nicht, dass ein Abonnent die Zeitung wegen der Abovorteile und nicht wegen des Inhalts kauft?
Ich hoffe, dass unsere Leser die Zeitung abonnieren, weil sie am Produkt interessiert sind. Es sollte aber in Zukunft kein finanzieller Nachteil mehr sein, wenn man eine Zeitung abonniert. Wenn ein Abonnent sämtliche Kostenvorteile nutzt, liegt der Kostenvorteil bei 300 Euro. Ein Abo hingegen kostet 200 Euro, sodass er einen Gewinn erzielt.
Medienkritiker beanstanden diese Abovergünstigungen als fast schon unmoralisch.
Auch als Verleger sollte man permanent über den Tellerrand hinaus denken, um langfristig zu überleben. Dies ging beispielsweise Ryan Air oder Air Berlin nicht anders, als sie die streng kontrollierte, teure Flugzeugbranche aufbrachen.
In der Schweiz wird über staatliche Unterstützung für Tageszeitungen diskutiert. Was denken Sie darüber?
Ich möchte mich nicht in Schweizer Anliegen einmischen.
Bevor Sie vor 1983 in das Familienunternehmen eingestiegen sind, haben Sie sich in den USA über den amerikanischen Medienmarkt informiert. Ist dieser immer noch Ihr Vorbild?
Ja, Amerika war und ist immer noch ein grosses Vorbild. Bereits vor 25 Jahren war der Wettbewerb der Mediengattungen schon härter als bei uns. Es gab damals schon werbefinanziertes Privatfernsehen, Radio und Outdoor. Wenn man neugierig genug war, konnte man enorm profitieren. Als ich hier begonnen habe, war unsere Druckmaschine 100 Jahre alt, und auch die Bleisatzmaschinen standen überall herum. Allerdings hat sich in der amerikanischen Zeitungsbranche seither nichts mehr bewegt. Dies ist auch ein Resultat der Gewerkschaften, welche einen enormen Druck auf die monopolverwöhnten Verlagshäuser ausüben, welcher jegliche Flexibilität verhindert. Diese ist notwendig, um ein erfolgreiches Medienunternehmen zu führen. Ein Grossteil der amerikanischen Zeitungen ist einfach grottenschlecht. Allein schon der Schwarz- Weiss-Druck ist so katastrophal, dass man sich dabei die Hände schmutzig macht. Ausser Mördern und Mordopfern werden praktisch keine anderen Menschen mehr in den Zeitungen abgebildet. Eine der letzten Innovationen war USA-Today, mit dem man vor mehr als 25 Jahren mit mehr Farbe, kürzeren Artikeln, ersten Grafiken und positiven Meldungen einen Kontrapunkt setzte. Trotzdem beobachten wir den amerikanischen Medienmarkt, aber nur mehr im puren Online-Bereich, genau.
Aber trotzdem: In San Francisco gibt es keine einzige lokale Tageszeitung mehr
Weil auch dort die Gewerkschaften alles lahmgelegt haben. Doch die Verlagshäuser sind auch selbst schuld: Wenn eine Branche verkrustet ist, benötigt man Bewegung, um sie wiederzubeleben. Ich richte heute meinen Fokus verstärkt nach Skandinavien.
(Interview: Matthias Ackeret)
--> Das vollständige Interview ist in der Oktober-Ausgabe von "persönlich" zu finden.