Herr Engeler, Sie prägten die Weltwoche vor allem während der Weltwoche-Zeit mit Roger Köppel. Fühlen Sie sich heute ein bisschen einsam?
Einsam ist etwas übertrieben. Ich behaupte aber, ohne Roger Köppel gäbe es heute keine Weltwoche mehr. Köppel hat einem absterbenden Wald wieder Luft, Kraft und Leben eingehaucht. Durch seinen Abgang ist aber nicht alles zerstört worden. Einsam fühlte ich mich zu den Zeiten von Fredy Gsteiger, was meinen damaligen Wechsel zur SonntagsZeitung bewirkte.
Wie war es bei der SonntagsZeitung?
Ich habe mich bei der SonntagsZeitung sehr wohl gefühlt, nicht zuletzt, weil die Zeitung über eine Themen- und Wertungsfreiheit verfügt, die in der Schweiz heute sehr selten ist. Wenn Köppel damals nicht ein Positiv-Mobbing durchgeführt hätte, wäre ich bei der SonntagsZeitung geblieben. Köppel hat mich von morgens früh bis abends spät mit Telefonanrufen attackiert, bis ich schwach wurde und ihm zusagte.
Wie haben Sie die Köppel-Nachfolge unter Simon Heusser erlebt?
Dies war unter mehreren Vorzeichen eine unglückliche Geschichte, in welcher -- ohne auf Details einzugehen -- mehrere Faktoren mitgespielt haben. In dieser Zeit wurde intern auch verstärkt Unzufriedenheit über die politische Stossrichtung meiner Artikel geäussert. Die Nicht-Köppelianer haben nach dessen Abgang wieder Aufwind verspürt und haben den Kopf sogleich aus dem Sand gezogen. Viel Energie floss nicht mehr ins Produkt, sondern in Kleinkriege.
Die Weltwoche war vor allem in ein Pro-SVP- und ein Anti-SVP-Lager aufgeteilt. Gibt es diese Gruppierungen immer noch?
Die Wirklichkeit war und ist ein bisschen komplizierter. Man hat viele verschiedene Konflikte unter dieser simplen Formel gesehen. Es gab auch das Pro-Irak-Krieg- und das Anti-Bush-Lager. Weitere Auseinandersetzungen entzündeten sich an sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen. Dies führte zu unschönen Stellvertreterkriegen, von denen ich im fernen Bern zum Glück eher wenig mitbekommen habe.
Dann hat der neue Weltwoche-Chef Jürg Wildberger gar keine rechte Chance.
Dies habe ich nicht gesagt. Zuerst muss er sich einarbeiten.
Die Weltwoche macht momentan politisch nur wenig Schlagzeilen. Stört Sie das?
Sehr. Sie sollte wieder mehr, eigentlich jede Woche, ganz frech aus der Reihe tanzen.
Themenwechsel: Die Militärjustiz hat 2003 ein Verfahren gegen Sie eingeleitet, als Sie in einem Artikel den ungefähren Standort des Bundesratsbunkers erwähnten. Glauben Sie, dass man bei dieser Enthüllung ein Exempel gegen Sie statuieren wollte?
Ja, Verteidigungsminister Schmid hat auf die Justiz Druck ausgeübt hat, damit man gegen mich vorgehe. Dies, obwohl die Militärjustiz wusste, dass sie dabei auf sehr dünnem Eis geht.
Das tönt nach Verschwörungstheorie...
Überhaupt nicht. Ich weiss aus sicherer Quelle, dass gegen einen anderen Journalisten niemals in diesem Umfang ermittelt worden wäre. Deswegen habe ich vor Gericht ausgeführt, dass es sich beim ganzen Verfahren um einen reinen Racheakt seitens des VBS handelt. So hat die Luzerner Zeitung bereits im Jahr 2000 über einen geheimen Regierungsbunker im Kernser Wald berichtet, ohne dass es dabei zu Konsequenzen gekommen wäre. Auch die Basler Zeitung hat ungestraft über zwei Geheimgänge des Bundesratsbunkers berichtet. Dasselbe geschah auch im Kanton Aargau, als der Standort des Regierungsratsbunkers enthüllt wurde, ohne dass jemand bestraft worden wäre.
Wer lange in Bern ist, wird ein Teil des Systems. Mit wie vielen Bundesräten sind Sie per Du?
Mit keinem. Lediglich Bundesrat Couchepin duzt mich in der Regel und begrüsst mich mit einem herzhaften Salut, obwohl wir nie Duzis gemacht haben. Auch mit praktisch allen Nationalräten und Chefbeamten bin ich per Sie, ausser mit einigen, die ich von früher her kenne, und mit ganz wenigen, mit denen ein Du an einem Anlass situationell leider unvermeidbar war.
Wer ist der nachtragendste Politiker?
Es gehört zum Wesen der Politiker, ständig auf ihre Aussenwirkung bedacht zu sein und den Schein zu pflegen. Der Allerempfindlichste ist sicherlich Moritz Leuenberger. Die Lektüre von Artikeln, in denen sein Name oder sein Bild auftaucht, soll zu seinen Hauptbeschäftigungen gehören. Aber auch Herr Blocher ist keineswegs frei von Eitelkeiten und reagiert -- ob positiv oder negativ -- sofort auf einen Artikel. Finanzminister Merz ist im neuen Amt sehr sensibel geworden, keineswegs aber vergleichbar mit Bundesrat Leuenberger. Alle Mitglieder der Landesregierung haben Stäbe, die jede Notiz in den Medien registrieren und zu einem internen Thema machen.