«Die Wurstmaschine zerstört den Journalismus»

VSM - Andrea Masüger, Präsident des Verlegerverbands Schweizer Medien, warnt vor der künstlichen Intelligenz. Er vergleicht Chatbot-Angebote mit einem Staubsauger und einer Wurstmaschine. Damit das Geschäft nicht zerstört werde, brauche es eine Regulierung, so Masüger.

von Matthias Ackeret

Herr Masüger, Sie wehren sich gegen die Anwendung von ChatGPT und künstlicher Intelligenz in der Medienbranche. Sind Sie da nicht ein bisschen ein Don Quijote?
Ich wehre mich überhaupt nicht dagegen. Im Gegenteil: Es ist wichtig, dass auch die Schweizer Medienhäuser künstliche Intelligenz, namentlich ChatGPT und Konsorten, für die journalistische Arbeit nutzen. Grössere Verlage tun das bereits in Ansätzen, etwa zur Generierung von Zusammenfassungen aus Agenturmeldungen, für Newsletter oder als Rechercheassistenz. Das bringt Erleichterungen bei der täglichen Arbeit. Das Potenzial ist riesig, und wir stehen erst am Anfang.

Aber?
Was mich erstaunt: Die Branche denkt nicht darüber nach, welche enormen Risiken für sie selbst in diesen Entwicklungen stecken. Fast täglich erscheinen in unseren Medien Beiträge über KI, über Chancen und Gefahren. Aber die Frage, was beispielsweise generative Chatbots wie ChatGPT, Bing-Chat von Microsoft oder Google Bard mit den traditionellen Medien – und da zähle ich auch News-Angebote im Netz dazu – anstellen könnten, wird nicht gestellt. Ich bin deshalb froh, dass das Thema am Swiss Media Forum breit thematisiert wird, mit einem Auftritt von Thomas Höppner und mit einem Panel des Verlegerverbands Schweizer Medien.

Welche Nachteile ergeben sich denn für den Journalismus bei der Anwendung von künstlicher Intelligenz?
Stellen Sie sich vor: Solche Chatbot-Angebote funktionieren wie ein Staubsauger und eine Wurstmaschine. Der Staubsauger saugt alle von professionellen Redaktionen erstellten Inhalte ab, die im Netz erscheinen – und das ist sozusagen alles, was produziert wird – und leitet es in die Wurstmaschine. Dort werden die Texte zerstückelt, neu zusammengesetzt, vermengt, vermatscht und zu einem Informationsbrei verarbeitet, aus dem je nach Anfrage ans System eine individuelle Wurst zusammengesetzt wird. Dabei verschwinden die Quellen vollständig, alles ist völlig intransparent. Der künftige Nutzer braucht nicht einmal mehr eine Suchmaschine, geschweige denn ein Medienangebot. Die Mediennutzung ist dann nicht einmal mehr emergent, sondern komplett eindimensional. Experten meinen, dass in ein paar Jahren die Kommunikation der meisten Bürger nur noch über ein elektronisches Gadget erfolgt. Da stellt man dem iPhone eine Frage, und ChatGPT stellt aus dem Informationsangebot unserer Medien die Antwort zusammen. Es gibt bereits heute komplett automatisch generierte News-Sites, die sich wie beispielsweise newsgpt.ai mit der Aussage brüsten: «The world’s first AI generates news delivered directly in your inbox. No reporters. No fake news.» Einem Journalisten oder einer Journalistin wird da übel. Und es müssen bei ihnen alle Alarmglocken läuten.

«Es braucht klare wettbewerbsrechtliche und urheberrechtliche Regeln»

Kann man diese Entwicklung überhaupt noch stoppen?
Nein, aber man muss sie regulieren. Die Gefahr besteht, dass diese Wurstmaschine das journalistische Geschäft zerstört. Dieses lebt heute von Aboeinnahmen und von Werbung. Wenn diese Maschinen alle unsere Inhalte gratis verwenden und zu neuen Angeboten bündeln, die den Ansprüchen der Konsumenten genügen, brechen den Verlagen alle Einnahmen weg, und seriöser Journalismus kann nicht mehr finanziert werden. Das würde alle treffen, es gäbe bald keine NZZ, keine Weltwoche und keine WoZ mehr. Hier braucht es klare wettbewerbsrechtliche und urheberrechtliche Regeln.

Plant der Verband der Schweizer Medien gewisse Aktivitäten gegen künstliche Intelligenz?
Nicht Aktivitäten gegen die KI, sondern solche zu deren Regulierung. In der NZZ am Sonntag schrieb kürzlich ein Experte, generative News-Bots seien «ein Anschlag aufs Urheberrecht». Da muss man ansetzen. Es werden ja nicht nur die Urheberrechte verletzt, es findet auch eine Art illegale Zweitnutzung statt, indem diese Angebote die Textgrundlagen nicht nur gratis absaugen, sondern diese auch noch über künftige Bezahlmodelle oder Werbeeinnahmen vermarkten. Man bezahlt nichts und verdient daran, eine Art Schlaraffenland. Die Diskussionen um das Leistungsschutzrecht für die grossem Techplattformen scheinen da nur wie ein laues Lüftchen. Künftig wird es darum gehen, den Sturm zu kanalisieren, den diese neuen KI-Anwendungen auslösen werden.

Wo stehen wir in der Schweizer Medienbranche in fünf Jahren?
Ich hoffe, dass sich bis dann ein neues Leistungsschutzrecht etabliert hat, das auch maschinelle Intelligenz verpflichtet, von ihr genutzte journalistische Leistungen fair abzugelten. Der Verlegerverband wird entsprechende Forderungen in die Vernehmlassung zum Leistungsschutzrecht einbringen, die demnächst starten sollte. Und Politiker und Politikerinnen, welche die Brisanz dieser Entwicklung für Demokratie und Medien erkennen, werden uns sicher unterstützen.

«Wir müssen lernen, mit KI umzugehen»

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Herausforderungen der Branche in der unmittelbaren Zukunft?
Wir müssen lernen, mit KI umzugehen und sie für unsere Produkte zu nutzen. Viele Verlage experimentieren schon damit. Wichtig ist auch, dass Medienhäuser interne Richtlinien für den richtigen Umgang damit erlassen. Wir werden im Verlegerverband Angebote für einen Ideenaustausch und für Schulungen für kleinere und mittlere Verlage erarbeiten, die dafür zu wenig Ressourcen haben. Wir wollen sie in diesem Prozess unterstützen. Grosse Verlage haben da bereits ihre Mithilfe angeboten, diese Solidarität freut mich sehr.

Haben Sie selbst schon künstliche Intelligenz angewendet, und was waren Ihre Erfahrungen?
Ich habe in der Adventszeit ChatGPT gefragt, ob es Weihnachten feiere. Die Antwort war Ja. Auf meinen Einwand, dass eine KI-Maschine doch wohl kaum Weihnachten feiere, war die Antwort: Da sehe man eben, wie weit KI-Technologien inzwischen gekommen seien … Noch Fragen?