"Die Zeit der Parteizeitungen ist einfach vorbei"

P.S. - Seit 15 Jahren macht Koni Löpfe mit Thierry Frochaux und Nicole Soland die linke Wochenzeitung "P.S.", die über Zürcher Politik und Kultur berichtet. Sie seien unabhängig, obwohl sie in der Nachfolge des SP-Blattes "Volksrecht" stünden, sagt Löpfe gegenüber persoenlich.com. Im Gespräch gibt er Auskunft über die Geschichte und die Zukunft des Blattes - und über die alle paar Jahre stattfindenden Spendenaktionen, die irgendwie zum Geschäftsmodell gehören.

Koni Löpfe, Sie machen nun seit 15 Jahren die linke Wochenzeitung "P.S.". Davor waren Sie bei den eingegangenen sozialdemokratischen Parteizeitungen "Volksrecht" und "DAZ". Inwiefern steht "P.S." in dieser Tradition? Ist es ein Nachfolgeprojekt?
Es steht schon in der Nachfolge, wobei bereits die "DAZ" kein sozialdemokratisches Blatt mehr war. Sie war eine linke Tageszeitung, aber es waren nicht mehr alle Redaktoren in der Partei. Wir waren immer unabhängig, doch natürlich habe ich als Mensch nicht eine andere Meinung gehabt denn als Journalist.

Woran sind diese Parteiblätter gescheitert? 
Das ist schwer zu sagen. Es ist wohl in den 1950er-Jahren passiert. Es gab zu viele Parteiblätter, und sie hatten zu grosse Pläne. Beim "Volksrecht" war es zudem so, dass die Zeitung lange von der Druckerei gelebt hat. Ab den 70ern musste die Druckerei dann selber ums Überleben kämpfen.

Gibt es heute kein Bedürfnis mehr nach Parteizeitungen?
Am ehesten Parteizeitung ist ja momentan die "Weltwoche". Aber die lebt auch von der Unabhängigkeit. Wenn sie eine erklärte SVP-Zeitung wäre, dann würde sie weniger gelesen. Ich glaube schon, dass die Zeit der Parteizeitungen einfach vorbei ist.

Sie waren lange Parteipräsident der SP Stadt Zürich. Wie sind sie umgegangen mit dieser Doppelrolle als Journalist und Verleger einerseits und Politiker andererseits?
Ich hatte nie Probleme damit. Ich habe es gar nicht anders gekannt. Als ich 1991 Parteipräsident wurde, war ich schon "Volksrecht"-Redaktor - die Partei wusste das. Sie wusste auch, dass ich relativ ungeniert schreibe. Es fällt mir jetzt manchmal fast schwerer, die Partei zu kritisieren, denn es hat die Allüren dessen, der im Lehnstuhl sitzt und alles besser weiss.

Wie sind Sie überhaupt Journalist geworden? War es für Sie von Anfang an klar, dass Sie zu einer linken Zeitung gehen?
Ich habe irgendwann mal Geschichte studiert, aber nicht abgeschlossen. Ich habe dann bei den "Historischen Wegen" gearbeitet, war bei einem Arbeitslosenprojekt dabei und habe in Aussersihl eine Quartierzeitung gemacht. Irgendwann war die Stelle in der "Volksrecht"-Redaktion ausgeschrieben. Ich habe mich beworben, und sie haben mich genommen.

Wie sehen Sie denn das "P.S." heute in der Medienlandschaft in Zürich verortet?
Wir berichten sehr explizit aus linker Sicht über Politik in der Region Zürich. Die Hauptleserschaft besteht wohl aus Parteimitgliedern, aber nicht nur von SP und Grünen - es sind erstaunlich viele Bürgerliche darunter. Zunehmend ist es auch interessant für jene, die Interesse haben an einer Berichterstattung über kleinere Theater in Zürich. Das macht Thierry Frochaux in einer Ausführlichkeit, wie es sonst kaum mehr der Fall ist.

Sie müssen die Themen also gar nicht gross suchen, diese ergeben sich sozusagen von selbst: Sie berichten über das, was in der Politik passiert.
Das kann man so sagen, ja. Es ist sicher nicht unser Ehrgeiz, an diesen Aufdeckungen, die meistens keine sind, mitzumachen. Nicht dass ich wahnsinnig Respekt vor Behörden hätte. Aber ich finde die meisten dieser sogenannten Geschichten eher künstlich.

Diese Art der Politikberichterstattung, wie Sie sie betreiben, wird ja kaum mehr gemacht. Besteht danach nicht ein grösseres Bedürfnis?
Ich weiss es nicht. Wenn wir mal 200’000 Franken für eine Werbekampagne zur Verfügung hätten und sagen könnten, schaut, es gibt hier eine "altmodische" Zeitung, die über Politik berichtet - dann kämen vielleicht schon mehr, ich weiss es nicht. Wir könnten sicher 1000 bis 2000 Abonnenten mehr haben, aber eine Auflage von 100’000 läge nicht drin, und das wollen wir auch gar nicht. Wir sind ein Nischenprodukt, und wir wollen eines bleiben.

Wie bereits erwähnt, berichten Sie sehr ausführlich über Kultur. Könnten Sie nicht darüber mehr Leute ansprechen?
Das ist ein schwieriges Gebiet. Ich denke manchmal, dass es mehr Inserate aus diesem Bereich geben müsste. Aber der Kulturbereich hat wirklich nicht viel Geld.

Sie arbeiten auch mit der Musikzeitschrift "Loop" zusammen. Wie ist das zustande gekommen?
Die hat es früher bei der "DAZ" auch gegeben, und als die eingegangen ist, haben Thierry Frochaux und Verleger Bernhard Ott versucht, das "Loop" eigenständig weiterzuführen. Doch das ging irgendwie schlecht. Wir haben dann das "P.S." gegründet, und irgendwie haben sich der Blinde und der Lahme gefunden. So haben wir jeden Monat eine Musikzeitschrift, die ich sehr gut finde, an der viele Leute Freude haben. Und Thierry Frochaux macht bei uns Kultur und Produktion.

Wie lange wird es "P.S." denn noch auf Papier geben? Oder generell?
Generell ist eher die Frage. Unsere Kosten von Papier sind nicht so hoch. Doch wenn die Post keine Subventionen zahlen würde, dann bliebe uns nichts anderes übrig, als den Vertriebsweg umzustellen. Wir bezahlen momentan pro Nummer etwa 10 bis 12 Rappen für die Auslieferung. Wenn das wie normal 70 oder 80 Rappen wäre, dann müssten wir aufhören damit.

Sie haben schon mehrere Spendenaktionen durchgeführt. Gehören diese zum Geschäftsmodell?
Es wäre schön, wenn sie nicht zum Geschäftsmodell gehören würden - aber es ist einfach eine Realität. Wir bräuchten etwa 300-400 zahlende Abonnenten oder ein paar Inserenten mehr, dann hätten wir keine Probleme. Aber es gelingt offensichtlich nicht, die zu bekommen. Auf der anderen Seite haben wir eine sehr treue Leserschaft, der es offenbar wert ist, alle paar Jahre 100 Franken mehr zu geben. Insofern ist es ein Geschäftsmodell, aber nicht das angestrebte. Wenn man eine solche Sympathie von Teilen der Leserschaft hat, dann ist das auch eine Stärke - oder vielleicht eher eine Existenzgrundlage.

Glauben Sie, dass "P.S." als Nischenpublikation auf jeden Fall eine Zukunft hat?
Wir werden es bei der nächsten Spendenaktion sehen. Die wird dieses oder nächstes Jahr sicher fällig, wenn kein Wunder passiert. Denn etwas ist klar: Wir machen kein Defizit. Wenn die Abonnenten nicht kommen, die Inserate nicht kommen, die Spenden nicht kommen - dann hören wir einfach auf.


Die Wochenzeitung "P.S." wurde 1999 von Koni Löpfe gegründet und berichtet über Zürcher Politik und Kultur. Löpfe (Politik), Thierry Frochaux (Kultur) und Nicole Soland (Politik) bilden die Redaktion. Die Zeitung erscheint am Donnerstag und wird in der Stadt Zürich verkauft und an Abonnenten verschickt. Löpfe war von 1991 bis 2009 Präsident der SP Stadt Zürich.

Die Tageszeitung "Volksrecht erschien erstmals am 1. April 1898 gegründet und war das wichtigste Blatt der Schweizer Sozialdemokratie. Später firmierte sie unter dem Namen "Zürcher AZ". Von 1992 bis 1997 erschien die Tageszeitung "DAZ" als Nachfolgeprodukt im "Volksrecht"-Verlag. 1997 scheiterte ein Versuch, das Blatt als Abendzeitung im Strassenverkauf neu zu lancieren, an fehlenden finanziellen Mitteln.

Interview: Lukas Meyer//Bilder: Keystone, zVg