"Die Zukunft des Schweizer Privatfernsehens liegt in der Vergangenheit"

- Mit seinem Buch "Die TV-Falle" sorgt der frühere Sat.1-Senderchef Roger Schawinski für Furore. Wenige Tage nach Verkaufsstart geht bereits die dritte Auflage in Druck. Im Interview mit "persoenlich.com" spricht der TV-Profi über den Medienrummel der letzten Tage sowie seine umstrittene Darstellung der Kirch-Pleite und sagt, weshalb Privatfernsehen in der Schweiz auch heute keine Chance hat.

Herr Schawinski, Ihr vor Wochenfrist erschienenes Buch "Die TV-Falle" ist derzeit eines der grossen Themen in der deutschen Medienwelt. Haben Sie mit soviel Aufsehen gerechnet?

Der Rummel ist überwältigend. Und zwar sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz gleichzeitig. Ich war gestern an einer grossen Party in Berlin. Da ist mir eine Woge von Interesse und Zustimmung entgegengeschwappt. Viele Menschen kamen auf mich zu und wollten noch viel mehr erfahren.

Wie ist der Buchverkauf angelaufen?

Der offizielle erste Verkaufstag war am Freitag. Die erste Auflage ist jedoch bereits weg, die zweite wird nun ausgeliefert. Und bereits geht die dritte in Druck.

Die deutsche Presse nahm Ihr Buch fast ausnahmslos positiv auf. Haben Sie mehr Schelte erwartet?

Nein. Anfangs hat man mir gesagt, dass ein Buch über die Medien niemanden interessiere. Nun ist genau das Gegenteil passiert.

Besprochen wurde in der Presse vor allem Ihre Abrechnung mit den grossen Stars, weniger aber Ihre Gedanken zum Qualitätsverlust des Fernsehens. Enttäuscht Sie das?

Ich glaube, das kommt noch. Man kann von einer Bild am Sonntag nicht erwarten, dass Sie etwa ein brisantes politisches Kapitel mit vielen Enthüllungen in den Vordergrund stellt. Ich hoffe aber, dass man darauf noch eingehen wird.

Ihre Darstellung der Kirch-Pleite hat in Deutschland für Wirbel gesorgt. Laut Spiegel haben sie einfach "falsch geguckt". Was stimmt nun?

Die Sache ist so: Die Süddeutsche hat auf Teufel komm raus versucht, einen Fehler in meinem Buch zu finden und wollte ihn skandalisieren. Damit ist sie aber voll auf die Nase gefallen. Das kann man im Buch "Der Fall des Leo Kirch" von Thomas Clark nachlesen. Überhaupt war ihre Berichterstattung ziemlich lausig. So wurde mein Buch von einem Journalisten besprochen, der es offensichtlich nicht gelesen hatte.

Stars wie Otti Fischer, Alexandra Neldel und Ange Engelke erscheinen in Ihrem Buch nicht immer in vorteilhaftem Licht. Wie haben die Stars reagiert? Hat man sich bei Ihnen über die Darstellung beklagt?

Nein, ich habe keine Anrufe der Stars erhalten. Jedoch hat mir ein Geschäftsführer einer der indirekt betroffenen Produktionsfirmen zu meinem Buch gratuliert. Er teilte mir mit, dass er dank meinem Buch viel gelernt habe.

Gibt es Unterschiede wie das Buch in der Schweiz aufgenommen wurde, und wie in Deutschland?

In Deutschland stand weniger meine Person im Vordergrund. Dort entdeckt man mich erst. In der Schweiz hat man sich dagegen schon von Beginn weg stark mit mir als Person auseinandergesetzt.

Im Gegensatz zur Presse bekunden Ihre früheren Kollegen von Sat.1 weniger Freude an Ihrem Buch. Die Mitarbeiter seien "entsetzt" über Ihr Vorgehen, sagte eine Sprecherin…

Die Aussagen der Konzernsprecherin bestätigen doch nur, was ich im Buch beschreibe. Ein Sender muss sich immer vor seine Stars stellen, unabhängig davon, was man von ihnen hält oder wie sie sich verhalten. Das ist die Aufgabe einer Pressesprecherin. Gerade deshalb habe ich aus meiner heutigen Position etwas Aufklärungsarbeit betrieben, bin dabei aber recht liebevoll mit dem Thema umgegangen. Übrigens: Zum Zeitpunkt dieses Interviews hatten bei Sat.1 erst zwei oder drei Leute das Buch überhaupt gelesen.

Es gibt Pläne für eine neue Sendung auf Sat.1 Schweiz. Ging mit Ihrer Abrechnung in Buchform für Sie die Türe zu, um dereinst ein Talkformat in Deutschland zu moderieren?

Es war nie mein Anliegen, eine Sendung in Deutschland zu moderieren. Im Übrigen ist mein Buch eine Lieberklärung an das Privatfernsehen, meine Kritik richtet sich beinahe ausschliesslich gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die deutsche Medienpolitik.

Sie kommen wieder zurück in die Schweiz. Wie hat sich der Markt verändert, seit Sie nach Berlin zu Sat.1 gewechselt sind?

Gar nicht. Die Zukunft des Schweizer Privatfernsehens liegt in der Vergangenheit. Auch heute hat ein sprachnationales Privatfernsehen hierzulande keine Chance.

3+ hält sich seit rund einem Jahr erstaunlich gut im Markt. Gibt das nicht Hoffnung?

3+ ist kein richtiger TV-Sender, sondern bloss ein Abspielkanal für ausländische Serien und Filme. Ein Sender definiert sich über seine Eigenleistungen und nicht über die im Ausland eingekauften Formate. Leider hat 3+ kaum Eigenproduktionen zu bieten. Das ist schade.

Dann schätzen Sie Dominik Kaisers Arbeit nicht allzu hoch ein?

Doch, Kaiser zeigt mit viel Einsatz und Know How, was in der Schweiz möglich ist. Er kauft die ausländischen Inhalte günstig ein und hat seine Kosten im Griff.

Kaiser betreibt mit seiner Gegenprogrammierung doch das Controller-Fernsehen, das sie in ihrem Buch beklagen. Kann man hierzulande nur mit einer buchhalterischen Programmplanung Erfolg haben?

Ja, und das zudem nur auf absoluter Sparflamme.

Was würden Sie einem jungen TV-Unternehmer raten, der ein neues Fernsehen machen will?

Er darf sich nicht von der TV-Show-Welt blenden lassen. Nur wer knallhart rechnet, überlebt. Und dann kann er wie Kaiser hoffen, dass er bald einen sehr lukrativen Exit schafft.

(Interview: David Vonplon)