Frau Gradwohl, vor rund einem Jahr sagten Sie in einem Interview, dass es keine Anhaltspunkte für grundlegende Veränderungen in der Besitzerschaft des "Landboten" gibt. Wann und wie realisierten Sie als Chefredaktorin und Verlagschefin, dass Ihre Zeitung die Unabhängigkeit ebenfalls aufgeben werden muss?
Zu damaligen Zeitpunkt war meine Aussage aufgrund meines Wissensstandes korrekt. Aber angesichts des Konkurrenzdrucks und tief greifenden Strukturwandels in der Druckerei- und Medienbranche ist mir schon lange klar, dass der Tag kommen wird und die Besitzer unseres Unternehmens in der Integration in eine gut aufgestellte Mediengruppe bessere Perspektiven sehen, als im Alleingang.
Nach einer Phase der Gerüchte und nun nach dem definitiven Entscheid von Tamedia: Wie ist die Stimmung bei Ihren Journalisten und den Verlagsmitarbeitenden?
Wir sind heute in erster Linie froh, dass nun klar ist, wie es weitergeht. Auch wenn die Prüfung durch die Wettbewerbskommission noch ansteht.
Wie fühlen Sie sich als neue Mitarbeiterin von Tamedia?
Das bin ich wohl bis zur Genehmigung durch die Weko noch nicht.
Dass Sie gerne eigenständig und unabhängig geblieben wären, kann man sich vorstellen. Wie definieren aber Sie Ihre neue Rolle als Chefredaktorin einer Zeitung, die Teil eines Grosskonzerns ist?
Dazu äussere ich mich gerne im gegebenen Moment. Und der ist nicht heute.
Welche Konsequenzen sehen Sie in der Entwicklung, wonach immer mehr unabhängige Tageszeitungen von Grosskonzernen übernommen werden?
Diese Entwicklung muss nicht a priori negativ sein. Entscheidend ist vielmehr, welche Mittel den einzelnen Redaktionen zur Verfügung stehen, damit sie ihre publizistische Aufgabe in einer ansprechenden Qualität und mit einer gewissen Eigenständigkeit erfüllen können.
Erst vor zwei Wochen vermeldeten Sie eine Werbe-Kooperation mit dem "St. Galler Tagblatt" aus der NZZ-Gruppe (persoenlich.com berichtete). War dieser Schritt, den die Tamedia bereits per Ende 2014 rückgängig machen will, sozusagen ein letztes Aufbäumen vor der Übernahme?
Es war und ist ein Schritt zur wirtschaftlichen Stärkung des "Landboten". Wie er nun umgesetzt wird, muss sich noch zeigen.
Der "Landbote" produzierte bis anhin den überregionalen Mantelteil für die "Zürichsee-Zeitung" und den "Zürcher Unterländer" (beide sind ebenfalls im Besitz von Tamedia). Nun wird stattdessen die "Berner Zeitung" die Produktion des Inland- und Auslandteils übernehmen. Per wann erfolgt diese Neuerung?
Tamedia liess in der offiziellen Medienmitteilung verlauten, dass ein Austausch mit der "Berner Zeitung" im nationalen und internationalen Bereich vorgesehen sei. Bevor sich hierzu etwas Konkretes sagen lässt, müssen erst noch ein paar Gespräche geführt werden.
Folglich würden Stellen beim "Landboten" wegfallen. Wahrscheinlich können Sie hierzu noch nicht viel Konkretes sagen können, doch: Wie werden Sie diejenigen Mitarbeiter, die bisher für den Mantelteil zuständig waren, weiterbeschäftigen?
Das ist zurzeit offen.
Wissen Sie, was bezüglich der Druckerei geplant ist? Falls es zu einem Verkauf kommt: Wie viele Mitarbeiter wären hier betroffen?
Ich muss mich wiederholen: Bis sich klare Aussagen auch zu dieser Frage machen lassen, die in den Zuständigkeitsbereichs meines Geschäftsleitungskollegen Roger Tacheron fällt, braucht es noch Zeit sowie fundierte Abklärungen und Gespräche mit Tamedia.
Tamedia, die neue Besitzerin, ist bekannt für intensive Kostenkontrolle und hohe Renditeerwartungen. Inwiefern sind Sie als Chefredaktorin und Verlagschefin sich gewohnt, solche Vorgaben umzusetzen?
Intensive Kostenkontrolle und die Erwirtschaftung einer Rendite waren und sind selbstverständlich auch in der Ziegler Druck- und Verlags-AG stets ein Thema und eine zentrale Aufgabe der jetzigen Geschäftsleitung.
Interview: Edith Hollenstein, Bild: Keystone