"Diese Kritik wegen Quotenbolzerei ist blauäugig und scheinheilig"

- Wie viel Risiko verträgt eine Livesendung? Nach dem tragischen Unfall im "Wetten, dass..?" wird die Quotenbolzerei durch gefährliche Darbietungen hinterfragt. Unterhaltungsprofi Kurt Felix forderte auf "persoenlich.com" sogar einen Verhaltenskodex. Er soll verhindern, dass Menschen ihre Gesundheit am Fernsehen riskieren. Wie denken die TV-Experten, Sportberichterstatter, Programm- und Unterhaltungschefs in der Schweiz darüber? "persoenlich.com" hat nachgefragt. Zur Umfrage:

Klaus Vieli, Journalist und Fernsehschaffender

Diese Kritik wegen "Quotenbolzerei" ist blauäugig und scheinheilig. Klar müssen die Produzenten von Unterhaltungsformaten alles zum Schutze der Teilnehmer vorsehen - aber ein kleines Restrisiko bleibt. Eigentlich passiert sensationell wenig. Das Leben fernab von Kameras ist gefährlicher. Jetzt reflexartig einen Papiertiger "Verhaltenskodex" zu verlangen ist etwa gleich sinnvoll wie ein grosser Teil des Paragraphenmülls, der von den Politikern aller Länder fleissig produziert wird.

Wenn im Fernsehen Gefahr zynisch als Zuschauermagnet eingesetzt wird, dann in der Sportunterhaltung, z.B. bei der Formel 1 und bei den Abfahrtsrennen im Skizirkus. Kommt es dort zu Horrorcrashs und Horrorstürzen, wird das slow motion unzählige Male ausgekostet. Und später gibt es dann die nochmals quotenträchtigen comeback Stories - siehe gerade jetzt bei Daniel Albrecht…

Dominik Hug, Unterhaltungschef Blick Gruppe

Ich glaube, dass mit Emotionen mehr Quote gemacht werden kann als mit Action-Spektakel. Ein Verhaltenskodex sollte sich eigentlich aus dem gesunden Menschenverstand erschliessen. Sobald für eine TV-Show Leib und Leben aufs Spiel gesetzt werden, wird die Grenze überschritten.

Gabriela Amgarten, Unterhaltungschefin SF

Das Allerwichtigste ist immer die Gesundheit der Kandidatinnen und Kandidaten. In den letzten 29 Jahren ist so ein tragischer Unfall bei "Wetten, dass..?" nicht passiert. Nach der Unfalluntersuchung, die jetzt läuft, wird man mehr dazu sagen können, was am Samstagabend genau passiert ist und wie es dazu kommen konnte. Die Produzentinnen und Produzenten von Unterhaltungssendungen tragen seit je her eine grosse Verantwortung ihren Kandidatinnen und Kandidaten gegenüber. Dieses Verantwortungsbewusstsein darf sich niemals einer Quote beugen. Dennoch kann leider niemand je hundertprozentig ausschliessen, dass trotz aller Sicherheitsvorkehrungen etwas passiert.

Peter Rothenbühler, Journalist und Direktor Edipresse

So ein Unfall hätte nie passieren dürfen, Unterhaltungskisten sind das Kontrastprogramm zum Alltag mit seinen Sorgen, Unfällen, Krankheiten, mit Streit und Neid. Es muss bei "Wetten, dass..?" um jeden Preis heiterer Sonnenschein herrschen. Es darf nicht mal Nachdenklichkeit aufkommen. Das Publikum will unterhalten werden, mit einem Nervenkitzel, der auf dem Niveau: "Huch, das ist ja eine Spinne!" Oder: "Dieses Wasser ist aber kalt!" Oder: "Muss ich mich jetzt wirklich nackt ausziehen?", bleiben muss.

Was am Samstag passiert ist, ist der absolute Super-GAU. Und leider muss man sagen, dass er vermeidbar war. Wo auch nur das geringste Risiko einer Gesunheitsgefährdung besteht, muss auf einen Wetteinsatz verzichtet werden. Wenn der Moderator schon zu Beginn sagen muss, bei dieser Wette habe er echt angst gehabt, dann ist die Grenze schon überschritten.

Es braucht keine neuen Reglemente, ich glaube, ARD und ZDF sind durch den Zwischenfall für längere Zeit geimpft. Wenn die Quote zurückgeht, dann muss man halt zurücktreten und neue Ideen verwirklichen.

Roger Schawinski, Gründer Radio1 und ehemaliger Sat1-Chef

"Wetten, dass?“ hatte während Jahrzehnten einen geschützten Programmplatz am Samstagabend. Kein Sender getraute sich richtig dagegen zu programmieren, weil man sich fürchtete, seine Perlen an dieser Stelle vor die Säue zu werfen. So wurden bei den Konkurrenzsendern meistens Spielfilmwiederholungen eingesetzt, die wie erwartet, wenig erfolgreich waren. Und so blieb Thomas Gottschalk der unbestrittene Quotenkönig mit bis zu 14 Millionen Zuschauern - und in dieser Rolle gefiel er sich ungemein, weil er seit Jahren mit allen Sendungen ausser „Wetten, dass..?“ nur Misserfolge eingefahren hat.

Schon zu meiner Zeit als Chef von Sat.1 wurde darauf gewartet, welcher Sender dem ZDF als erster den Fehdehandschuh hinwerfen würde, um so die Paradesendung des Zweiten anzugreifen. Natürlich war RTL dazu am ehesten in der Lage und programmiert seit einiger Zeit mit "Deutschland sucht den Superstar" und "Das Supertalent" klar gegen "Wetten, dass..?". Damit sanken die Zuschauerzahlen für die Gottschalk-Sendung kontinuierlich bis weit unter die 10-Millionen-Grenze. In der sogenannten Zielgruppe, der Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren, liegt Bohlen & Co. schon klar vorne.

Verständlich, dass der angeschlagene King of Television reagieren musste. Aber weder Michelle Hunziker noch tolle Couchgäste brachten die erforderlichen Resultate. Also musste es das ganz grosse Spektakel bringen: Atemberaubende Stunts auch für ein jüngeres Publikum. Um diese wichtige Gruppe an die Sendung zu binden, wurde deshalb am letzten Samstag die gefährlichste Wette - die zur Erhöhung der Spannung auch als solche mit bedrohlichen Worten angekündigt wurde - gleich zu Beginn platziert.

Die unmittelbaren Folgen sind bekannt. Die Verquickung verschiedener unglücklicher Umstände führte vor einem mit vielen Millionen von Kindern durchsetzten Publikum zu einer Live-Tragödie. Die mittelbaren Konsequenzen müssen erst noch gezogen werden. Ich glaube, dass sie das bisher oft allzu selbstherrliche öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland tiefgreifend durchschütteln werden.

Roger Benoit, Formel-1-Experte Blick Gruppe

Niemand will am TV bei Direktübertragungen, welcher Art auch immer, Blut oder Tote sehen! Wer Formel-1-Rennen schaut sollte wissen - wie jeder Zuschauer an der Strecke - dass dieser Sport auch sehr gefährlich sein kann. Weil aber der letzte Todesfall fast schon 17 Jahre zurückliegt (Ayrton Senna 1. Mai 1994), haben dies viele Fans beinahe vergessen. Was mich richtig stört ist die Tatsache, dass gewisse Kritiker immer erst auf der Kanzel der Moralprediger auftauchen, wenn etwas geschehen ist. Und dann fodern diese meist auch gleich das Verbot dieser Sportart. Hoffen wir, dass die ständigen Sicherheitsvorkehrungen im Grand-Prix-Zirkus, betrifft Autos und Strecken, auch in Zukunft den hohen Standard halten. Unfälle, die diesen Showsport auch attraktiv machen, wird es immer geben - nur die Folgen sind nicht mehr die gleichen wie bis vor 20 Jahren. Dem Weltverband FIA sei Dank!

Umfrage: Christine Schnyder, Christian Lüscher