Drei Verlage investieren in neues CMS

Publishr - Freiburger Nachrichten, Gassmann Media und Pomona (Walliser Bote) nutzen alle das gleiche Content Management System (CMS), das sie nach ihren Bedürfnissen entwickeln lassen. Beteiligte sehen darin ein Modell für eine weiterreichende Zusammenarbeit unabhängiger mittelgrosser Medienunternehmen.

von Nick Lüthi

Da waren es schon drei. Seit einem Monat produzieren die Freiburger Nachrichten ihre Zeitung mit dem Redaktionssystem Publishr. Sie folgen damit den Verlagen des Walliser Boten und des Bieler Tagblatt, die ihre gesamte Medienproduktion schon länger auf das neue System umgestellt haben. Auch in Freiburg wird die Redaktion dereinst sämtliche Kanäle, von App bis Zeitung, mit der neuen Plattform bewirtschaften. «Nun haben wir ein einziges Produkt und nicht mehr sechs wie vorher für die gleichen Prozesse», erläutert Sandro Jenny einen wichtigen Vorteil. Als Produktmanager begleitet und betreut er die Einführung von Publishr bei den Freiburger Nachrichten. «Bei der Zeitungsproduktion können die Redaktorinnen und Redaktoren nun Standardartikel selbst layouten», erklärt Jenny einen konkreten Nutzen der neuen Software. Es gehe aber nicht darum, Personal einzusparen, sondern Abläufe zu vereinfachen und die Fachleute dort einzusetzen, wo sie ihre Expertise am besten einsetzen können. «Für Spezialseiten und Sonderbeilagen, brauchen wir immer noch Layouterinnen und Layouter.»

Zeitung erhofft sich Schub für «online first»

Als gelernter Polygraf und späterer Produktmanager in Digitalagenturen kennt Jenny den Medienwandel und die unterschiedlichen Anforderungen an gedruckte und Onlinemedien aus eigener Berufserfahrung. «Wir haben schon früher versucht, nach dem Prinzip von online first zu arbeiten, aber das hat nicht wirklich funktioniert», sagt Jenny im Gespräch mit persoenlich.com. Von der neuen Plattform erhofft man sich in Freiburg den nötigen Schub, da hier die digitale Produktion im Zentrum steht.

«Wir haben verschiedene Lösungen getestet und waren bei Publishr anfänglich skeptisch, weil eine vergleichsweise junge und kleine Firma dahintersteht», sagt Jenny im Gespräch mit persoenlich.com. Schliesslich sei man zur Einsicht gekommen, dass Publishr genau das biete, was man brauche. «Das unschlagbar gute Preis-Leistungs-Verhältnis kam dann noch obendrauf», so Jenny.

Kunden wie die Freiburger Nachrichten zahlen eine monatliche Lizenzgebühr ab 5500 Franken. Gegen zusätzliches Entgelt können sie Entwicklungen nach ihren eigenen Bedürfnissen in Auftrag geben. Dass zwei andere, ähnlich grosse Medienhäuser das Produkt einsetzen, sprach auch für diese Lösung. Insbesondere eine kostenpflichtige App, wie sie pomona.ch im Wallis und ajour.ch in Biel bereits anbieten, wollen die Freiburger Nachrichten auch einführen. Dazu kooperiert der Zeitungsverlag mit Radio Freiburg, das seine bisher kostenlose News-App «Frapp» mit Zeitungsartikeln ausbauen und aufwerten will.

«Bei uns läuft es weitgehend gut»

Bereits einen Schritt weiter ist man bei Gassmann Media in Biel. Die Redaktionen von Bieler Tagblatt, Radio Canal 3 und ajour.ch, die kostenpflichtige Website und App des Verlags, arbeiten schon seit rund zwei Jahren mit Publishr. Die Integration von Video für TeleBielingue soll folgen. «Bei uns läuft es weitgehend gut», sagt Nicoletta Cimmino. Die ehemalige Radiojournalistin und Redaktorin des «Echo der Zeit» arbeitet seit Mitte Januar als publizistische Leiterin bei Gassmann. Wie bei jedem technischen System gebe es natürlich auch hier Dinge, die einen aufregen, weil sie nicht so funktionieren, wie man sich das wünscht.

Cimmino sieht den Einsatz von Publishr als Modell und Grundlage für weiterreichende Kooperationen zwischen mittelgrossen, unabhängigen Medienunternehmen. «Wir sollten auch in anderen Bereichen vermehrt zusammenspannen, etwa bei der Weiterbildung oder für den Austausch von Know-how», sagt Cimmino im Gespräch mit persoenlich.com.

Kontakte bestehen bereits zu Pomona Media in Visp, wo Gassmann-Verleger Fredy Bayard weiterhin im Verwaltungsrat sitzt. Zu den Freiburger Nachrichten dürften die Wege auch kürzer werden. Nicht zur, weil sie das gleiche Redaktionssystem verwenden, sondern auch, weil mit Marc Lehmann ab Ende November ein ehemaliger Kollege von Nicoletta Cimmino aus gemeinsamen Zeiten bei Radio SRF die publizistische Leitung übernehmen wird.

Angefangen hat die Publishr-Geschichte im Oberwallis. Als der Modeunternehmer Fredy Bayard Anfang 2018 in Visp den Walliser Boten und das Lokalradio Rottu übernahm, sah er schnell, dass diese auf schlankere, digitale Prozesse setzen müssen, um erfolgreich weiterbestehen zu können. Neben der räumlichen Zusammenführung von Zeitung und Radio an einem gemeinsamen Standort unter dem neuen Markendach Pomona Media sollte auch ein gemeinsames Redaktionssystem den Weg in die digitale Zukunft ebnen. Die IT-Firma, die ursprünglich mit der Entwicklung des Publishr-CMS beauftragt wurde, ist inzwischen als Pomona Innovation, kurz: Pomino, eine Tochter von Pomona Media.

«Die Entwicklung brauchte viel Geduld»

Den Entwicklungsprozess von Anfang an begleitet hat Rebecca Schüpfer, Online- und Digitalchefin und Mitglied der Chefredaktion. «Wir haben während der Weiterentwicklung immer wieder bei anderen Verlagen reingeschaut, was wir anders machen müssen, damit es besser, einfacher und schneller für uns geht», erinnert sich Schüpfer an die ersten Schritte. Bis zum ausgereiften, funktionsfähigen Redaktionssystem habe es sehr lange gedauert. «Und es brauchte viel Geduld», so Schüpfer.

Von Anfang an sei klar gewesen, dass die Redaktion ihre Bedürfnisse formuliert, welche die Softwareentwickler dann umsetzen. «Das ist eine der Stärken von Publishr, dass er von den journalistischen Prozessen her gedacht ist», so Schüpfer. Ausserdem sei es ein Ziel gewesen, durch technische Innovation Ressourcen zu sparen, etwa mit der Automatisierung von Prozessen. Als Beispiel nennt Schüpfer die Platzierung und Priorisierung von Artikeln auf der Website, die in den meisten handelsüblichen Redaktionssystem händisch erfolgt. «Bei uns geht das automatisch. Wir können im Voraus einstellen, wie die Website zum Zeitpunkt X aussehen soll», erklärt die Journalistin. «So brauchen wir weniger Leute für die Seitenbewirtschaftung und können diese Ressourcen in den Journalismus stecken.»

Auf den ersten Blick sieht das Publishr-CMS so aus wie heute alle browserbasierten Redaktionssystem aussehen: Eingabefelder, Navigationsleisten, Mediatheken, Listen. Der Mehrwert gegenüber anderen Plattformen zeigt sich erst auf den zweiten Blick, wenn es darum geht, die Inhalte auszuspielen. Von Print bis Social Media lässt sich der hier erstellte und verwaltete Content ohne den Umweg über Drittplattformen und zusätzliche Applikationen direkt publizieren. Und wie überall in der modernen Softwareentwicklung ist auch dieses Produkt nie fertig entwickelt. Je nach Bedürfnis (und den finanziellen Möglichkeiten) der Kunden kommen laufend neue Funktionen hinzu von denen dann wiederum alle Kunden profitieren. Das können kleinere Module sein oder grössere Elemente, wie demnächst eine umfassende Anbindung an die grossen Social-Media-Plattformen Facebook, Instagram, X und LinkedIn. Das geschieht über die Integration einer bisher eigenständigen Plattform namens Storyshaker, welche die Berner Firma Newsroom Communication entwickelt hat. Während Corona musste die Firma ihre Ressourcen bündeln und hat deswegen entschieden, für den Storyshaker «ein neues Zuhause zu suchen, das den vollen Fokus auf die Software legen kann», erklärt Benjamin Blaser, Verwaltungsratspräsident von Newsroom Communication. Dass die Integration des Social-Media-Moduls bei Pomino im Wallis für deren Produkt Publishr geschieht, liegt letztlich an der Gassmann Media AG in Biel, die das Redaktionssystem auch verwendet.

Welche Rolle die Berner Young Boys spielten

Nach den Oberwalliser Medien übernahm Fredy Bayard auch das Medienhaus im Berner Seeland und brachte «seine» Software mit, die nun auch die Redaktionen von Bieler Tagblatt, Radio Canal 3 und der Onlineplattform ajour.ch verwenden. Stefan Niedermaier, der vor gut einem Jahr bei Gassmann als Mitaktionär neben Bayard eingestiegen war, kannte Newsroom Communication von seiner Zeit als Geschäftsführer beim Fussballclub Young Boys her, für den die Kommunikationsagentur verschiedene Dienstleistungen erbringt. So brachte Niedermaier die beiden zusammen.

Und es sollte nicht nur bei der Integration des Storyshaker-Moduls in das Publishr-CMS bleiben. Die Firma Newsroom Communication übernimmt die Vermarktung des Redaktionssytems, das sich auch für kleine und mittelgrosse Unternehmen eignet, die damit ihre Kommunikation organisieren können. «Wir können als neutraler Verkäufer auftreten und haben aufgrund unserer übrigen Geschäftstätigkeit bei der Konzeption, Einführung und des Betriebs von Corporate Newsrooms auch grössere Erfahrungen im Unternehmensumfeld als ein Medienunternehmen», kommentiert Benjamin Blaser diesen Schritt.

Mit dem Einsatz bei den drei Medienhäusern in Visp, Biel und Freiburg sieht Blaser den Beweis dafür erbracht, dass Publishr als leistungsfähiges Redaktionssystem taugt. «Wir sehen unser Produkt als Standardlösung für kleinere und mittelgrosse Verlage», sagt Blaser. Mit dieser Zielgruppe positioniert sich Publishr zwischen zwei anderen Schweizer CMS-Lösungen, die in den letzten Jahren entstanden sind. Livingdocs zählt mit NZZ, Swisscom und Bundesverwaltung sowie zahlreichen Zeitungsverlagen aus Deutschland vor allem grosse Unternehmen zu seiner Kundschaft. WePublish auf der anderen Seite entstand als Vernetzungs- und Produktionsplattform reiner Onlinemedien wie Bajour, Tsüri oder Hauptstadt.