Bald sind Ihre ersten hundert Tage um. Was haben Sie geändert?
Einiges, was man noch nicht sehen kann, denn Du ist ein Tanker: Selbst heftige Korrekturen am Ruder wirken sich erst nach einer längeren Frist aus. Weil Du in der Planung den Regeln des Buchhandels folgt und in Frühjahrs- und Herbstprogrammen denkt, standen zahlreiche Themen bei meinem Antritt bereits fest, da musste rasch und heftig umgeplant werden. Das erste thematisch von mir verantwortete Du wird die kommende Ausgabe zu Georges Simenon sein. Darauf folgen "Venedig", "Terrorismus", "David Bowie" und "Zwinglis Zürich". -- Insgesamt ist es bei der Themensetzung fürs Erste darum gegangen, grössere Eindeutigkeit zu formulieren, aber auch mehr politischen Tiefgang und mehr Sinnlichkeit: Man muss auf den ersten Blick erkennen können, was einen in Du erwartet, denn die Hemmschwelle ist bei einem Einzelverkaufspreis von zwanzig Franken sehr, sehr hoch.
Könnte man diesen hohen Verkaufspreis nicht senken?
Ich trage, wann immer ich hier durchs Haus gehe, eine Flagge, auf der gross die Ziffer zwölf steht. Das wäre mein Lieblingspreis für Du. Doch die nötigen Entscheidungen werden bekanntlich nicht auf Chefredakteursebene gefällt.
Dann heisst "grössere Eindeutigkeit" auch "grössere Leserschaft"?
Das hoffe ich, denn die Auflage ist nicht in bestem Zustand. Wir haben vor, ein auf den ersten Blick als neu zu erkennendes Du zu machen. Das ist ein normales Vorgehen, denn jede Zeitschrift hat ihre natürlichen Lebenszyklen. Bei Du dauert dieser Zyklus traditionell etwa fünfzehn Jahre. Die bisher letzte Phase war das Du von Dieter Bachmann, dessen Reform vom September 1988 durch seinen Stellvertreter und Nachfolger Marco Meier bis zuletzt fortgeführt wurde.
War diese Ära Bachmann die intellektuelle Ära von Du?
Es gibt bei Du nur intellektuelle Abschnitte, Du ist per definitionem ein elitäres Blatt. Das stellt natürlich hohe Ansprüche ans journalistische Handwerk, das ich zuletzt etwas vernachlässigt fand. Der Leser soll es in Zukunft ein bisschen leichter haben, schwierige Themen zu erobern. Das heisst nicht zwangsläufig kürzere Stoffe. Die Vielfalt der Themen und Formen wird grösser werden, und ich würde in diesem Sinn nicht einmal ausschliessen, dass ein Heft mal aus einem einzigen Text bestehen könnte, oder aus einem Fotoessay, wenn die Themen zwingend sind.
Inhaltlich wird verschiedentlich eine Trivialisierung befürchtet.
Dieser Vorwurf ärgert mich! Die dreissig- bis vierzigjährigen sind kulturbewusst wie wenige Generationen vor uns: Neben dem klassischen Bildungskanon und den immer wichtiger werdenden Naturwissenschaften interessieren wir uns für Kleidung, Comics, Design, die Beatles -- das alles ist als möglicher Stoff für Du genau so wichtig wie Cézanne, das muss man einfach mal sagen! Ich finde, dass Du in den letzten Jahren zu sehr auf gesichertem Terrain unterwegs war. Wir werden jetzt stärker in die Gegenwartskultur eintauchen und diese Kultur, die uns umgibt und prägt, thematisieren. Aber das heisst alles andere als Trivialisierung. Was zählt ist erstens, zweitens und drittens die Qualität, mit der wir unsere Themen behandeln.
Wo liegen thematisch die Grenzen? Sind pornografische Mangas denkbar?
Würde ich jetzt nicht machen, weil ich es als Thema für zu unbedeutend halte. Aber Pornographie ist ein interessanter Bestandteil unserer Kultur -- vielleicht fällt uns was Spannendes ein.
Besteht nicht das Risiko, die Stammleserschaft zu vergällen?
Die ersten Stammleser von Du sind tot, die zweiten Stammleser von du sind tot, die dritten Stammleser von Du sind im Altersheim und die vierten sind auch nicht mehr die Jüngsten -- bei allem Respekt vor den treuen Lesern muss sich jede Zeitschrift ihre Stammleserschaft neu erarbeiten.
Wie wird Du in Zukunft aussehen?
Wir werden ab Herbst ein sichtbar neues Du machen. Das Grafikbüro Müller + Hess hat mit Das Magazin und Weltwoche bereits zwei Relaunches von Traditionsmagazinen ganz ausgezeichnet bewältigt, und ich gehe davon aus, dass Du ihr Meisterstück sein wird. Gegenwärtig wird hier alles in Frage gestellt und überprüft. Wir hatten vergangene Woche eine Redaktions-Retraite, wo wir viele Themen und Ideen gesammelt haben. Konkret nur so viel: Wir arbeiten an der Entwicklung eines Journalteils, also eines Kulturmagazins innerhalb des Hefts. Dazu gehört auch ein deutlich ausgebauter Veranstaltungskalender. Im Thementeil werden wir noch mehr Risiken eingehen und Themen wählen, die alle verblüffen. Das Risiko muss zu spüren sein. Man erreicht eine gewisse Phase der Qualität nur, wenn man an die Grenzen geht.
Bedeutet das auch eine Aufstockung der Redaktion?
Nominell nicht. Die Kleinheit der Redaktion hat etwas Übersichtliches, gerade in der Kommunikation. Allerdings muss man permanent von Aussen Anregungen holen. Ich möchte, dass wir der Hauptplanet sind, um den viele Trabanten kreisen. -- "Grossfamilie" ist ein guter Begriff, jetzt brauchen wir noch ein paar Nichten, Onkel, Grossväter und Enkel. Ich möchte, dass wir Spass haben, Leidenschaft entwickeln. Denn Ideen entstehen nicht nur bei Sitzungen, und Ideen verbessern sich nicht, wenn man allein über der FAZ sitzt und frei assoziiert. Es braucht ein paar leidenschaftlich engagierte Leute, die in der Kneipe sitzen und über irgendein Thema zu streiten beginnen. Und plötzlich macht es "Bong". So funktioniert Ideenfindung.
Wird es innerhalb der Redaktion Veränderungen geben?
Akut geplant sind keine. Erfahrungsgemäss müssen sich die Macher bei einem Relaunch aber immer überlegen, ob sie sich im neuen Heft wiederfinden. Nach unserer erfolgreichen Retraite bin ich zuversichtlich, dass die Redaktion, so wie sie jetzt ist, begeistert ist. Begeisterung und Leidenschaft sind Eigenschaften, die ich von einer solchen Redaktion absolut haben möchte.
Es scheint eine gewisse Annäherung an NZZ Folio stattzufinden.
Folio und Du sind beide monothematisch und um Zeitgenossenschaft bemüht. Folio hat eine eigene, sehr trockene Form gefunden, Themen zu behandeln. Die machen das zum Teil sehr gut, zum Teil ein bisschen langweilig. Und sie haben die optische Frage für sich so geklärt, dass sie sie ausklammern. Es gibt keine Optik im Folio. Das ist bei Du völlig anders.
Wo wird das neue Du im gesättigten Markt seine Nische finden?
Der Markt ist nicht gesättigt. Ich sehe überhaupt keine Konkurrenz für Du, kein Medium, für oder gegen das ich mich entscheiden müsste, wenn ich am Kiosk bin und mich für etwas wie Du interessiere. Unsere Pflicht ist es nur, interessant zu sein.
Ist die Rentabilität ein Ziel?
Jeder Chefredakteur muss ein rentables Heft machen wollen. In erster Linie müssen wir es einmal schaffen, den Trend der letzten paar Jahre umzudrehen: Wir müssen Auflage machen, und zwar über den Inhalt, denn das Geld für eine aufwändige Marketing-Kampagne haben wir nicht.
Welche Agentur wird Du in Zukunft betreuen?
Wir sind in einem Evaluierungsprozess. Es läuft aber kein Pitch, sondern wir reden mit grossen und kleinen Agenturen, um herauszufinden, wer so denkt wie wir. Wir haben noch ein bisschen Zeit und werden nichts überstürzen. Neu entwickelte Werbung wird sinnvollerweise mit dem Relaunch zu sehen sein.