"Edipresse hat Horror vor Entlassungen"

- Der Westschweizer Medienkonzern Edipresse gab letzte Woche bekannt, dass 50 Stellen abgebaut werden. Dies aufgrund von sinkenden Werbeerträgen. Die Gewerkschaften werfen Edipresse "Profitgier" vor. "Chabis", meint "Matin"-Chefredak Peter Rothenbühler gegenüber "persoenlich.com". "Die Gewerkschaften wissen sehr wohl, wie es um die Branche steht." Das Interview:

Herr Rothenbühler, Edipresse gab bekannt, dass 50 Arbeitsplätze abgebaut werden. Zeitgleich wurde kommuniziert, dass Sie befördert werden. Stehen Sie jetzt nicht als "Kriegsgewinnler" da?

Nein, Edipresse hat nicht nur Stellen abgebaut, sondern auch die Führungsstruktur vereinfacht: bisher war die Leitung der Publikationen zweigeteilt, jetzt gibt es einen einzigen Pool Publikationen, mit einem Leiter, Eric Hoesli, und einem Stellvertreter. Für diese Funktion hat er mich ausgewählt. Ich habe mich darüber sehr gefreut. Als ich beim Matin vor knapp einem Jahr zwei hervorragende neue Stellvertreter anstellte, Ariana Dayer und Michel Jeanneret, tat ich dies mit der Absicht, in absehbarer Zeit den Stab zu übergeben und etwas Neues zu machen. Jetzt weiss ich, was dieses Neue sein wird.

Die Gewerkschaften werfen Edipresse Profitgier vor, der Abbau erfolge ohne wirtschaftliche Notwendigkeit. Was entgegnen Sie dem?

Chabis. Die Gewerkschaften wissen sehr wohl, wie es um die Branche steht. Edipresse hat Horror vor Entlassungen, darum werden auch alle so gut wie möglich sozial abgefedert.

Generaldirektor Theo Bouchat erklärte am Mittwoch vor den Medien, dass der Leser den Personalabbau in den Redaktionen nicht bemerken werde. Allein "24 heures" verliert 10 Journalisten-Stellen. Hat das wirklich keine Folgen für die Leser?

Ja. Die Leser von 24 heures werden ihre Zeitung ab Oktober sogar besser finden. Die Entlassungen haben vorwiegend mit dem Internet und dem Abbau einzelner Regionalbüros zu tun. Die Redaktion konzentiert sich künftig vermehrt auf die Kernaufgabe.

Edipresse sprach davon, dass immer mehr Inserenten den Zeitungen den Rücken kehren oder zumindest ihr Engagement reduzieren. Andere Medien werden bevorzugt. Haben die Schweizer Verleger zu lange vor allem nur auf Printprodukte gesetzt?

Alle Verleger haben das gleiche Problem, alle sind auch frühzeitig ins Internet eingestiegen, einzelne, wie Edipresse, auch sehr erfolgreich in den Markt der Gratiszeitungen. Beides sind interessante neue Geschäftsfelder, die aber erst nach einiger Zeit Gewinne abwerfen werden. Wenn zu dieser Mutationsphase eine Rezession dazu kommt, wirds etwas eng, vorübergehend.

Werden andere Medienhäuser ähnliche Massnahmen wie Edipresse ergreifen müssen?

Edipresse hat als Grösster zuerst reagiert, andere werden nachziehen müssen, ohne Zweifel. Vergessen Sie nicht, dass die grossen Deutschschweizer Verlage ihre Sparprogramme mit Entlassungen schon vorletztes und letztes Jahr durchziehen mussten.

Die Schweiz gilt nach wie vor als Printland, es werden immer wieder neue Titel lanciert. Stehen wir nun vor dem Anfang vom Ende des Printzeitalters?

Nein, nur in einer gewaltigen Umwälzungsphase. Es wird auch in zehn Jahren starke Printtitel geben, aber nicht mehr so viele, die alles allein machen wollen wie heute

Sie sind ein Vollblutjournalist und werden jetzt neu einen reinen Manager-Posten übernehmen. Fällt es Ihnen nicht schwer, die publizistische Karriere an den Nagel zu hängen?

Halt, stopp. Ich werde weiterhin publizistisch tätig sein, vielleicht sogar mehr als vorher. Ich werde mich auch in der neuen Position vorwiegend um Inhalte und Konzepte kümmern.

Streben Sie einen Werdegang wie Marc Walder bei Ringier an und sehen sich künftig als CEO?

Sie sind nett, mir so etwas zuzutrauen. Ich bin ein Kreativer -- Journalist, Blattmacher, Talker, Konzepter, Fotograf. Das ist für mich das Höchste.

(Interview: Stefan Wyss)