"Eher sterben, als zur BDP"

Natalie Rickli - Online-Werbung brachte Wahlerfolg.

Sie hat im Kanton Zürich mehr Stimmen erzielt als Christoph Blocher. SVP-Nationalrätin Natalie Rickli erklärt im Interview mit persoenlich.com, warum sie bei ihrem überraschend grossen Wahlerfolg auch von ihrem Know-how als Goldbach-Vermarkterin profitiert hat.

Frau Rickli, Gratulation zum Glanz-Ergebnis. Hat Ihnen auch Ihr Chef, Klaus Kappeler, gratuliert?

Ja, natürlich hat er mir gratuliert. Zuerst schickte er mir ein SMS ins SF-Studio. Am Montag, als ich dann ins Büro kam, tranken wir mit den Mitarbeitern zusammen eine Flasche Champagner und stiessen auf meinen Erfolg an.

Dass Herr Kappeler Ihr politisches Engagement unterstützt, ist sehr umstritten (vgl. persoenlich.com).

Goldbach fördert Mitarbeiter, die sich politisch engagieren wollen. Wir haben in der Schweiz ein Milizsystem, das heisst, dass Politiker auch berufstätig sind. Goldbach als Schweizer Firma steht zum Milizsystem. Bei uns arbeitet auch ein Gemeinderat der GLP. Es ist nicht richtig, dass Klaus Kappeler oder Goldbach deswegen immer wieder kritisiert werden. Und dass er voll hinter mir steht, wenn ich oder die Firma kritisiert werde, weiss ich zu schätzen – das ist nicht selbstverständlich für einen Chef.

Ihre Freude über den eigenen Erfolg ist aber getrübt, weil die SVP enttäuschte. Wechseln Sie nun zur BDP?

Ich würde eher sterben, als dass ich zur BDP wechseln würde.

Wie wichtig war für Ihren Wahlerfolg, dass Sie Vermarktungsprofi sind?

Ich entschied mich für Online-Werbung, dies ist sicher ein Grund für meinen Wahlerfolg. Ich konnte die Leute spezifischer erreichen. Ich setzte auf die Medien im Raum Zürich: Ich buchte 20 Minuten, Tagi Rubrik Zürich, Tele Züri und Radio 24. Dann war ich auch auf gmx.ch mit Targeting auf "Kanton Zürich, 18 +" präsent. Dass ich so effizient werben kann, sind natürlich Erfahrungen aus meiner langjährigen Arbeit in der Online-Vermarktung früher und während der ersten vier Jahre bei Goldbach.

Was lief weniger als gewünscht?

Ich schaltete das klassische Rectangle auch auf willmaa.com. Die Clickrate war dort aber sehr schlecht. Das zeigt mir, dass für diese Site offensichtlich ein Video besser wäre als ein klassisches Werbemittel.

Und Offline?

Mein Budget war bescheiden. Neben Online-Werbung waren die Flyer für mich das wichtigste Werbemittel. Es geht noch immer nichts über das persönliche Flyer-Verteilen. Am Hauptbahnhof und Stadelhofen war ich mit dem grossen F-24-Plakat präsent. Die restliche Werbung haben Kantonsrat Gregor Rutz und ich zusammen gemacht: F-12-Plakate und Taschentücher mit unserem Konterfei drauf. Für meine Werbung war Rutz&Partner verantwortlich.

Sind Sie eher Vermarkterin oder Politikerin?

Ich bin beides, wir haben ein Milizsystem und das ist richtig und wichtig. Viele Parlamentarier, vor allem auf der linken Seite, arbeiten nicht mehr. Das ist eine bedenkliche Entwicklung. Sind wir doch froh, dass wir Politiker haben, die Berufserfahrung aus verschiedenen Branchen haben und sich direkt einbringen können, wenn es um Gesetze geht, die eben diese Branchen betreffen. In Ländern mit Berufsparlamenten fällen Technokraten diese Entscheie, davor warne ich.

Was haben die Medien in Ihrer Wahlberichterstattung gut gemacht?

Wahlen und die Politik wurden zum Thema. Das erlebte ich dieses Jahr besonders stark. Fast alle Radios, Fernsehstationen, Online- und Printmedien machten etwas zu Wahlen. Die Hörer, Zuschauer und Leser wurden eingebunden und durch Social Media ergab sich eine spannende Interaktion.

Und wenn Sie drei konkrete Beispiele nennen müssten?

Das SRF war sehr präsent auf dem Bundesplatz, oder auch Radio Energy hat jeden Morgen etwas Spezielles zu den Wahlen gebracht. Newsnet war ebenfalls sehr aktiv, täglich, fast stündlich neue Artikel. Das fand ich cool. Heute produzieren die Online-News-Sites z.B. auch Videos, die ich als Politikerin dann wieder über meine Social-Media-Kanäle verbreiten konnte. Meine Wähler wiederum konnten diese ebenfalls weiterleiten und kommentieren.

Sie haben von Facebook und Twitter profitiert. Warum wissen Sie das jetzt schon?

Natürlich liegen noch keine detaillierten Auswertungen vor. Doch mein erster Eindruck ist, dass mir die regelmässige Pflege von Facebook und Twitter geholfen hat. Ich konnte meine Vorstösse, Artikel oder Videos verlinken, damit löste ich Kommentare und Weiterverlinkungen aus. Ich bin in direktem Kontakt mit den Bürgern.

Wie geht es weiter mit der Gebühren-Petition?

Viele Leute, die mich gewählt haben, finden offenbar auch meine Medienpolitik gut. Sie sind nicht mehr bereit, so hohe Gebühren zu bezahlen, ohne dazu etwas zu sagen zu haben. Das heisst, ich werde die Billag, die Radio- und Fernsehgebühren und die Definition des Service Public in der nächsten Legislatur wieder thematisieren. In der Herbst-Session habe ich während der Debatte zur Gebührenmonster.ch-Petition Bundesrätin Doris Leuthard und SRG-Chef Roger de Weck aufgefordert, eine öffentliche Veranstaltung zu organisieren, bei der die Gebührenzahler ihre Anliegen erstmals selber einbringen können. Dies ist bis heute nicht erfolgt. Ich will die beiden in der neuen Legislatur nochmals daran erinnern.

Interview: Edith Hollenstein