"Schweizerpsalm und andere Abgesänge" locken ab Samstag nicht nur Patrioten ins Basler Cartoonmuseum: Dieses zeigt zum 10-Jahre-Jubiläum des einzigen Schweizer Tageszeitungs-Comicstrips "Eva" die erste Werkschau des Autorenduos Claude Jaermann und Felix Schaad. Comicstrips, satirische Bildergeschichten, haben in angesächsischen Ländern Tradition; erstmals waren sie im 19. Jahrhundert in Sonntagszeitungen erschienen. In der Schweiz sind der Zeichner Schaad und der Autor Jaermann die einzigen, die wochentäglich eine knackig pointierte Story liefern, dies im Zürcher "Tages-Anzeiger".
Soziale Froschperspektive stand schon am Anfang der zwanzigjährigen Kooperation der beiden Winterthurer, als sie der Schweiz mit Igor, der Ratte, im "Nebelspalter" einen Comic-Zerrspiegel vorhielten. Vor zehn Jahren wünschte dann Philipp Löpfe, ein Tagi-Chef mit USA-Vergangenheit, einen richtigen Schweizer Tages-Comic: Eva Grdjic war geboren.
Bitteres mit Humor
Eva ist nicht Superheldin, sondern Supermarktverkäuferin. Ihre Erlebnisse an der Kasse, mit der arbeitslosen Tochter, ihre Träume vom besseren Leben berühren viele. Zwischen Groteske und Melancholie pendelnd, lassen Jaermann/ Schaad über Demütigungen, Probleme und Perspektivlosigkeit mit einem Lächeln nachdenken. Die Themenpalette reicht von Hausarbeit über Umwelt bis zu Ausländerfeindlichkeit. Karikiert werden auch Rollenmuster aller Art, was in der Ausstellung zwei Expertenstatements loben.
Graffiti und Videointerviews
Das Museum zeigt zahlreiche Originalblätter auf A4-Karton von Eva, Zwicky, Igor & Co., einige überlebensgrosse Original-Eva- und Zwicky-Graffiti an Wänden, ein Interview-Video mit dem Duo, farbige Starschnitte in Prachtsrahmen, tagesaktuelle Cartoons von Schaad allein und zur Einbettung internationale Zeitungen mit Comicstrips. In Bücher gebunden sind Eva & Co. über 100'000 Mal über Ladentische gegangen. Eva ist nicht nur Kult, sondern gelegentlich auch Kunst: Das Duo hatte sie sogar mit echten Plakaten auf Allmend in die Zürcher Stadtpräsidentenwahl geschickt. Und der Musiker Jaermann hat einen Eva-Song komponiert ("Brutalasozialverruckt", auf CD).
Rasche Halbwertszeit
Tagesaktuelle Satire, und sei sie noch so gelungen, ist indes anderntags veraltet. Ihr Werk von heute sei halt "Altpapier morgen", sagte Jaermann am Donnerstag schulterzuckend. Bleibende Kunstwerke seien nicht Ziel, wohl aber langlebige Kunstfiguren, denn Eva & Co. würden bewusst mit der Zeit weiter entwickelt. Comics sind für Jaermann/Schaad trotz allem Spass ernste Arbeit: Dienstags sprächen sie jeweils den ganzen Morgen über Gott, die Welt und mögliche Geschichten; diese würden dann über Tage weiter gesponnen, bis Schaad am Donnerstag die Comics zeichne. Teils retuschierten sie zuletzt gemeinsam, manchmal eile es aber auch mehr.
Für Jaermann ist es "ein Privileg", bei einer Tageszeitung eine völlige "Carte Blanche" für Cartoons zu haben. Die beiden beherrschten die "anspruchsvollste Form überhaupt" der Bildsatire, lobte Cartoonmuseumsleiterin Anette Gehrig vor den Medien. Damit das alle Besuchenden erkennen, hat sie Lupen an die Wände gehängt. Weitere Informationen unter cartoonmuseum.ch. (sda)