Ein schönes Bild von sich selbst

SRG - «Die Schweiz im Herzen» heisst die neue Vision der SRG. Bisher hiess es: «Wir schaffen Vertrauen.» Im Rahmen des Transformationsprojekts «Enavant» hat Generaldirektorin Susanne Wille das Leitbild erneuern lassen. Das alte beschrieb einen Auftrag, das neue eine Haltung.

von Nick Lüthi

Mitte August wandte sich Susanne Wille mit einer Standortbestimmung an alle SRG-Angestellten. Im Schreiben blickte die Generaldirektorin zurück auf die bisherigen Schritte des Transformationsprozesses, aber vor allem voraus auf das, was im Rahmen von «Enavant» noch folgt.

Unter anderem kündigte sie an, dass die SRG bis Ende Jahr eine neue Strategie im Unternehmen verankern wolle. Diese schaffe Orientierung und basiere «auf einer klaren Vision, Mission und gemeinsamen Werten». Die drei Elemente sind zusammen das Leitbild, das der Verwaltungsrat verabschiedet und die SRG im Juni auf ihrer Website veröffentlicht hat. Aktiv kommuniziert hat das Unternehmen die Erneuerung bisher nicht.

Die neue Vision lautet: «Die Schweiz im Herzen. Wir bringen Menschen, Meinungen und Regionen zusammen, für Vielfalt und Zusammenhalt.» Die Mission: «Unsere Inhalte inspirieren, begeistern und machen hör- und sichtbar, was die Schweiz bewegt. Unser unabhängiger Journalismus stärkt Orientierung und Vertrauen. Dabei richten wir uns an den Bedürfnissen der Nutzenden und der Gesellschaft aus.» Dazu kommen die sechs Werte Nähe, Unabhängigkeit, Mut, Verantwortung, Offenheit und Transparenz.

Von Wille angeschoben

Die Überarbeitung des Leitbilds hat Wille selbst angeschoben. Die operative Leitung des Projekts lag bei Swissinfo-Direktorin Larissa Bieler und RTS-Direktor Pascal Crittin, in einem Prozess, an dem der Verwaltungsrat, die Geschäftsleitung und Mitarbeitende aus der ganzen SRG beteiligt waren, wie es auf Anfrage heisst.

Das neue Leitbild löst eine Fassung von 2019 ab. Das Dokument aus der Ära von Generaldirektor Gilles Marchand orientierte sich stark am gesetzlichen Auftrag: demokratische Meinungsbildung, ausgewogene Information aus dem In- und Ausland, Kultur, Sport und Unterhaltung. Die neue Fassung spricht eine andere Sprache. Es geht um Nähe und Zusammenhalt, um Orientierung und Vertrauen – und um die Bedürfnisse der Nutzenden, an denen sich die SRG ausrichtet. Geblieben ist das Konzept der Meinungsbildung – allerdings nicht mehr als «demokratisch» in der Mission, sondern als «faktenbasiert» im Wert der Unabhängigkeit verankert.

Der Wandel zeigt sich auch bei den neu formulierten Werten. Die meisten Themen von früher finden sich wieder, etwa Dialog, Qualität oder Vielfalt – teils unter anderem Namen, teils in die Beschreibung anderer Werte verschoben. Wirklich neu ist nur ein Wert: Transparenz. Das passt zu einem Anspruch, den Wille schon länger formuliert. Auch im erwähnten Schreiben an die Mitarbeitenden erinnert sie daran, dass es nicht mehr reiche, Journalismus und Programme zu machen: Man müsse vermehrt erklären, was man tue. Das Leitbild hält es nun fest. Die SRG will sichtbar machen, wie Journalismus entsteht, und sich dabei selbstkritisch zeigen.

Verantwortung neu definiert

Die Unabhängigkeit gilt neu ausdrücklich in zwei Richtungen: Die SRG sei frei von politischem, wirtschaftlichem oder institutionellem Einfluss, «von aussen wie von innen». In der alten Fassung war nur von politischen, wirtschaftlichen und weiteren Interessen die Rede – ohne Angabe einer Richtung. Mit dem Zusatz bekennt sich die SRG zur inneren Pressefreiheit.

Auch die Verantwortung wurde neu definiert. Bisher war damit der sorgsame Umgang mit Ressourcen und den zur Verfügung gestellten Mitteln gemeint. Davon steht heute nichts mehr im Leitbild. Verantwortung übernimmt die SRG nun für ihre Arbeit, für die eigenen Leute und für die Gesellschaft. Man stehe für Qualität und Relevanz, recherchiere sorgfältig, stärke die Meinungsvielfalt und gebe Orientierung in den Themen, welche die Gesellschaft bewegen. So entstehe Vertrauen.

Ein Schlüsselsatz aus dem bisherigen Leitbild ist verschwunden. Als Qualität definierte die SRG, Relevanz höher zu gewichten als kurzfristige Aufmerksamkeit. Die SRG-Medienstelle widerspricht auf Anfrage von persoenlich.com der Feststellung, der Grundsatz sei ersatzlos gestrichen worden: Relevanz bleibe ein zentraler Grundsatz der publizistischen Arbeit. Sie verweist dazu auf eine Formulierung, wonach die SRG für «eine hohe Qualität und relevante Themen» stehe. Das ist aber eine andere Aussage als der gestrichene Grundsatz Relevanz vor kurzfristiger Aufmerksamkeit. Die neue Fassung richtet sich dafür an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer aus. Sie stehen «im Mittelpunkt unserer Angebots- und Produktentwicklung», heisst es nun.

«Kompass für langfristige Orientierung»

Die SRG begründet die Neufassung mit einem veränderten Umfeld: digitaler Wandel, fragmentierte Mediennutzung, Desinformation und ein damit steigender Bedarf nach Orientierung. Es habe ein gemeinsames «Warum» gebraucht, das Transformation, Kultur und Ausrichtung verbinde. Die inhaltliche Verschiebung will die Medienstelle nicht als Akzentverschiebung verstanden wissen, sondern als Ergänzung der Perspektive: Das neue Leitbild beschreibe stärker den gesellschaftlichen Beitrag, den die SRG mit ihrem Auftrag leisten wolle.

Auffällig ist, dass die neue Vision gar keine Vision im engeren Sinn ist. Sie beschreibt keinen angestrebten Zustand, sondern eine Haltung, welche die SRG bereits heute einnimmt. Die alte Fassung wies wenigstens nach vorn: Das Publikum solle befähigt werden, «die Zukunft weitsichtig und vielfältig zu gestalten». Ein solches Ziel fehlt nun. Darauf angesprochen, bezeichnet die Medienstelle die Vision als Kompass, der langfristige Orientierung biete und verdeutliche, wofür die SRG stehe.