"Ein Wunder, dass viele Leser trotzdem eine Zeitung bekamen"

Tamedia - Sprecher Christoph Zimmer zum Shutdown beim Medienhaus.

Herr Zimmer, mehrere Printprodukte von Tamedia erschienen am Mittwoch gar nicht oder - wie im Falle des "Tages-Anzeigers" - in stark reduzierter Form. Wo lag genau der Fehler?
Ein Softwarefehler in der Steuerung zweier redundanter Speichersysteme führte am Dienstagabend zu einem Ausfall der Redaktionssysteme in Bern und Zürich sowie bei "20 minutes" in Lausanne und "20 minuti" im Tessin. Die Redaktionen konnten in der Folge die Zeitungen nicht mehr produzieren, während die Druckzentren auf die Daten für den Druck warteten. Die Fehlerbehebung dauerte leider bis kurz nach ein Uhr in der Nacht. Es grenzt deshalb fast an ein Wunder, dass heute die meisten Leserinnen und Leser trotzdem eine Zeitung im Briefkasten oder in der Box hatten. Möglich war dies nur dank des riesigen Engagements der Teams in den Redaktionen, in der Produktion, in der Distribution und nicht zuletzt in der IT.

Hängen die Probleme mit einem neuen System zusammen?
Nein, die beiden Speichersysteme sind seit zwei Jahren im Einsatz und liefen bisher ohne Probleme. Es ist in den vergangenen Jahren zwar ab und zu vorgekommen, dass eines der Speichersysteme übernehmen musst, aber genau um in diesem Fall weiterproduzieren zu können, betreiben wir zwei Speichersysteme an zwei unterschiedlichen Standorten in Bern. Es ist vermutlich wie so oft bei IT-Problemen: Wenn genau die falschen Umstände aufeinandertreffen, steigt die Software aus.

Können Sie sich erinnern, wann dies das letzte Mal vorgekommen ist?
Nein, das ist zum Glück ein Einzelfall und so wird es hoffentlich auch bleiben. Das eine Zeitung nicht oder verspätet erscheint, kommt allerdings von Zeit zu Zeit vor.

Was wird nun unternommen, damit dieses Desaster nicht wieder eintritt?
Wir werden den Fehler und mögliche Massnahmen in den nächsten Wochen im Detail analysieren und prüfen, welche Massnahmen wir ergreifen können. Ganz ausschliessen kann man Störungen aber leider nie. Bei Ringier war letztes Jahr ein Eichhörnchen dafür verantwortlich, dass kein "Blick am Abend" erschien, bei Tamedia führte vor zwei Jahren der Hunger eines Marders auf Stromkabel zu Verzögerungen.

Der Tagi erschien teils gar nicht, teils in einer verstümmelten, zusammengewürfelten, zweibündigen Ausgabe. Wie werden die Anzeigenkunden entschädigt?
Verstümmelt scheint mir eine etwas gar negative Beurteilung für die heutige "Tages-Anzeiger"-Ausgabe. Auch wenn sie lediglich 24 Seiten umfasste, so ist es der Redaktion trotzdem gelungen, die wichtigsten Themen des Tages aufzunehmen und eigene Akzente zu setzen. Aber klar, Umfang und Auflage waren tiefer als einem normalen Tag. Wir bieten den Anzeigenkunden deshalb Zweitplatzierungen an.

Harrte Frau Meckel, die diese Woche Herrn Strehle vertritt, ebenfalls die ganze Nacht am Produktionsdesk des Tagi aus?
Ja, Miriam Meckel war bis in die frühen Morgenstunden auf der Redaktion und begleitete die Produktion. Per Zufall erlebte sie wohl einen der schwierigsten, aber auch aufregendsten Momente der Redaktion des "Tages-Anzeigers" in den letzten Jahren, während Res Strehle das Ganze aus der Ferne begleitete.

Hingen die Doubletten in der Printausgabe von "20 Minuten" (die erste Seite des Sportteils war in der Zürcher Ausgabe doppelt drin, in der Luzerner Ausgabe ein anderer Artikel) auch mit diesen IT-Problemen zusammen?
"20 Minuten" war, genauso wie "20 minutes" in der Romandie und "20 minuti" im Tessin, ebenfalls vom Ausfall des Redaktionssystems betroffen. Auch die Redaktionen von "20 Minuten" stellten ihre Zeitung aber dank eines Efforts weit nach Mitternacht noch rechtzeitig fertig, so dass heute alle acht Ausgaben in den drei Landesteilen ihre Leserinnen und Leser erreichten.

Interview: Adrian Schräder/Hauptbild: Ruedi Baumann (Tamedia)

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