Barbara Lüthi war als Sonderkorrespondentin des Schweizer Fernsehens nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan. Aus Sicherheitsgründen verliess sie am letzten Mittwoch in Absprache mit SF das Krisengebiet wieder. Was sie dort erlebt hat, kann sie mit nichts vergleichen. In zahlreichen anderen Einsätzen in Krisengebieten hat sie so etwas Schlimmes noch nie gesehen. Über ihre Eindrücke und das Arbeiten in Japan spricht sie mit "persoenlich.com":
Barbara Lüthi, wie geht es Ihnen?
Gut. Aber es geht jetzt ja nicht um mich, sondern um die Menschen vor Ort.
Mit welchen Eindrücken sind Sie am Mittwoch aus Japan abgereist?
Die Eindrücke aus dem Tsunami Gebiet waren apokalyptisch. Das Ausmass der Katastrophe wird täglich deutlicher sichtbar. Japan und die Menschen kämpfen mit den Folgen des Tsunamis und gleichzeitig droht eine nukleare Katastrophe. Es scheint nichts zu geben, was diesen Menschen erspart bleibt. Ich war tief beeindruckt von der unglaublichen Beherrschtheit, der Disziplin der Japaner. Sie behalten selbst in dieser Situation ihre Ruhe, sie nehmen es gefasst hin.
Sie hatten schon verschiedene Sondereinsätze in Krisengebieten. Was war diesmal anders beim Arbeiten?
Es war sehr schwierig in die betroffenen Gebiete zu kommen, da viele Strassen verschüttet waren und erst freigeräumt werden mussten.
Anders waren auch die Menschen. Ich habe noch in keinem Katastrophengebiet Menschen erlebt, die so ruhig bleiben, ihr Schicksal so gefasst hin nehmen und sich so sehr umeinander kümmern. Auch wenn sie stundenlang für Wasser, Nahrung oder Benzin in der Reihe standen, gab es kein Gedrängel, keine Ungeduld. In den Notunterkünften war kein Ton zu hören; kein lautes Weinen, kein Klagen. Die Japaner tragen ihre Gefühle nicht zur Schau. Sie machen das mit sich selber aus. Wir sahen Menschen, die sich still vor den Ruinen ihrer Häuser verbeugten, im Wissen darum, dass unter den Trümmer vielleicht ihre Liebsten begraben liegen. Andere verbeugten sich vor den Rettungskräften und zeigten so ihre Dankbarkeit.
Es gab auch neue Tsunami-Warnungen und Nachbeben. Dazu kam die Ungewissheit der Situation im AKW. Das führte dazu, dass ich öfters im Kontakt war mit meinen Vorgesetzten beim SF, als das bei anderen Einsätzen in Katastrophengebieten der Fall war. Gemeinsam mit SF beschlossen wir, dass ich am Mittwoch abreiste. Wir nehmen bei diesen Einsätzen sowieso auch eine Rotation der Korrespondenten vor.
Wie gingen Sie mit der Angst um? Konnten Sie überhaupt konzentriert arbeiten?
Ja, wir konnten konzentriert arbeiten. Bei dem was man sieht, stehen diese Menschen, die Katastrophe im Vordergrund und nicht die eigenen Angst. Es war uns sicherlich nicht ganz geheuer, denn diese Strahlen sind eine unsichtbare Gefahr. Aber die Japaner um uns herum waren so ruhig und gefasst, da kann man doch selber nicht auf Panik machen. Wir waren ja auch nicht alleine. Es gab ganz viele Journalisten vor Ort. Wir haben uns so gut wie möglich informiert und ich war mit dem SF in Zürich regelmässig in Kontakt.
Wie schützten Sie sich vor der Gefahr weiterer schwerer Beben oder gefährlicher Strahlen?
Wir reisten am Dienstag aus Sendai ab, als sich die Situation im AKW verschlechterte. Sendai liegt 70 km von den Reaktoren entfernt. Wir fuhren nach Akita, das ca. 200 km weit weg liegt. Das schien für den Moment sicher.
Es gibt Kritik an der japanischen Informationspolitik, die für viele zu zurückhaltend ist. Wie empfinden Sie sie?
Die Informationspolitik der japanischen Regierung ist eher defensiv. Sie wollten sicherlich verhindern, dass Panik ausbricht. Aber es ist auch nicht klar, wie viel sie wirklich selber wissen. Die Informationen kamen ja hauptsächlich von der Betreiberfirma des AKWs.
Wie frei waren Sie in der Berichterstattung? Gab es Auflagen von Seiten Japans?
Wir waren frei. Es gab keine Auflagen. Wir erhielten mit unserem Journalistenausweis eine Spezialbewilligung, so dass wir die Autobahn benutzen konnten, die sonst nur für die Rettungskräfte offen war.
Wie einfach war es, Japan wieder zu verlassen?
Wir mussten etwas nach Flügen suchen, aber dann war es einfach. Wir flogen nach Tokio. Und von Tokio aus weg.
Wie verarbeiten Sie in der nächsten Zeit die Eindrücke?
Ich möchte so schnell wie möglich zurück, um über die Menschen vor Ort zu berichten und über die riesige Aufgabe, die diesem Land jetzt bevorsteht.
Interview: Christine Schnyder