"Eine Heidi- und Geissenpeter-Publizistik tut niemandem einen Gefallen"

- Beim Spiel Österreich gegen Kroatien sahen die Fernsehzuschauer weder gezündete Rauchpetarden, noch den Fan, der auf das Spielfeld rennen wollte. Die Uefa produziert das TV-Signal zum ersten Mal selbst und will das Bild einer sauberen, problemfreien EM vermitteln. Die TV-Übertragung dürfe keine Plattform für Chaoten sein. Die Medienjournalisten Rainer Stadler, Constantin Seibt, Kurt-Emil Merki und Simon Bärtschi sowie "Blick"-Sportchef Walter De Gregorio kritisieren gegenüber "persoenlich.com" diese Bildzensur, nehmen aber auch die Sender in die Verantwortung. Die Umfrage:

Walter De Gregorio, Sportchef 'Blick'

Grundsätzlich bin ich gegen jede Form von Zensur, also auch gegen jene der Uefa. Es wäre das erste Mal überhaupt, dass eine Zensur etwas bringen würde. Die antiken Römer wollten die Evangelien verbieten -- das ging schon damals in die Hosen. Auf jeden Fall darf die Zensur der Uefa aber nicht so weit gehen, dass die Medien bevormundet werden.

Die Verantwortung sollte allein bei den TV-Stationen, bei Radio und gedruckter Presse liegen. Eine Verantwortung, die die Medien gewissenhaft ausüben müssen. Die EM ist so oder so ein wunderschönes Ereignis, auf das die Schweiz stolz sein kann. Bildkosmetik ist, was Kosmetik eben ist: oberflächlich. Am Morgen danach ist die Schminke in der Regel weg.

Rainer Stadler, Medienjournalist 'Neue Zürcher Zeitung'

Wenn die Uefa ihre Arbeit seriös machen will, muss sie die Übertragung nach journalistischen Kriterien bewerkstelligen, also das zeigen, was wichtig ist. Auch Handlungen im Stadions-Publikum gehören zum Berichterstattungsstoff. Was man jedoch zeigen soll, hängt von der konkreten Situation ab.

Ob die Uefa-Filmer Relevantes verschwiegen haben, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht im Stadion war. Grundsätzlich ist es fragwürdig, dass Sport-Veranstalter gleichzeitig die Berichterstattungsbilder produzieren. Die Gefahr besteht, dass Missliebiges verschwiegen wird. Allerdings betreiben auch viele (unabhängige) Sport-Medien freiwillig Jubel-Journalismus.

Zugunsten der Uefa muss man aber erwähnen, dass sie Kameraleute von Fernsehstationen ins Stadion lässt. Die Uefa verfügt also nicht über eine Kontrolle über das, was auf den TV-Bildschirmen zu sehen ist. Die Journalisten wiederum müssen sich der Frage stellen, ob sie Chaoten eine öffentliche Plattform geben wollen.

Diese Frage haben Journalisten schon oft falsch beantwortet, indem sie Chaoten zuviel publizistisches Gewicht gaben. Kann es darüber hinaus der Schweiz recht sein, wenn nur Schönes über sie berichtet wird? Eine Heidi- und Geissenpeter-Publizistik tut langfristig niemandem einen Gefallen.

Constantin Seibt, Medienjournalist 'Tages-Anzeiger'

Die PR-Beratung hat sie alle gleich gemacht: die Politiker, die Firmenbosse, sogar die Fussballer. Alle reden den gleichen Slang, alle produzieren gleiche Bilder -- eine Inflation an Image-Kontrollfreaks.

Nur ist das klug? Das Resultat der flächendeckenden PR-Beratung ist zutiefst zwiespältig: Ihre Opfer sind zwar kurzfristig unangreifbar. Aber sie erregen langfristig Misstrauen. Warum sonst haben SVP, der alte Hayek oder Zinedine Zidane solche Glaubwürdigkeit? Ein Schuss Rüpeltum ist in der frohsinnigen Markenwelt der letzte Beweis der Echtheit. Kluge Leute bestimmen selbst, wo ihre dunklen Seiten zu sehen sind.

Gerade die Uefa hat es mit ihrem Kontrollzwang zu einem Image geschafft, das übler nicht sein könnte. So hörte ich neulich den Witz: "1933. Eva Braun liegt neben Adolf Hitler im Bett ünd fragt ihn: 'Dölfi -- wie hast du es eigentlich geschafft, den Faschismus zu erfinden?' Worauf er antwortet: 'Nun, im Prinzip richtete ich mich nur nach den Vorgaben der Uefa.'"

Dass die Euro keine Plattform für Chaoten sein soll ist ein überzeugendes Argument. Besonders, da man weiss, dass die UEFA nicht nur die Boxkämpfe der dritten Halbzeit bekämpft. Sondern noch leidenschaftlicher sponsorfremde Leibchen.

Kurt-Emil Merki, Medienjournalist 'Sonntag'

Die Art und Weise, wie die Uefa "unschöne" Bilder verhindert, ist skandalös. Noch skandalöser ist allerdings, dass sich die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten solches Verhalten gefallen lassen.

Sie müssten im Gegenteil darauf bestehen, dass auch bei der Fussball-Berichterstattung journalistische Kriterien angewendet werden. Das heisst: Was passiert, muss auch gezeigt werden. Zumindest eines sollte das autoritäre Uefa-Gebaren bewirken: Dass sich die grossen TV-Anstalten post festum darauf verständigen, künftig die Signale wieder in eigener Regie herzustellen.

Ob ein Nachahmungseffekt entsteht, hängt allein davon ab, wie solche Bilder von den Sendern gewichtet werden. Chaoten bei ihrem Tun zu zeigen, heisst allein noch nicht, ihnen ein Plattform zu geben. Berichterstatten kann auch heissen, die Täter zu denunzieren. Was durchaus einen Verhinderungseffekt haben kann. Und es ist doch ganz einfach naiv, zu glauben, dass im Handy-Zeitalter niemand ein Scharmützel, eine Petarden-Attacke oder was auch immer filmt und ins Netz stellt.

Simon Bärtschi, Nachrichtenchef/Medienjournalist 'Sonntagszeitung'

Um ein Urteil über die Bilderzensur der Uefa abgeben zu können, muss man prüfen, welche Bilder die TV-Regisseure der Uefa zurückbehalten haben. Ich will als Zuschauer alles sehen, was im Stadion passiert -- auch Negatives. Haben die Uefa-Bosse an den Schalthebeln tatsächlich Brisantes rausgekippt, ist das sehr bedenklich.

In der Verantwortung stehen auch die TV-Anstalten inklusive Schweizer Fernsehen. Bei der Vertragsunterzeichnung hat sich die SRG mit den Bedingungen der Uefa einverstanden erklärt . Die Sender müssen jetzt darum besorgt sein, dass sie mit ihren eigenen Kameras alles einfangen und zeigen -- sonst droht die totale Uefa-Propaganda. Dann sehen wir eine Freakshow, die mit dem Vorgefallenen nichts mehr zu tun hat.

Der Entscheid, welche Bilder gezeigt werden, muss nach journalistischen Kriterien erfolgen. Da hat die Uefa nichts zu suchen. Die Sender haben im Gegensatz zum Fussballverband Kompetenz und Erfahrung in der Selektion. Ab einem gewissen Grad ist es nachvollziehbar, dass man Chaoten keine Plattform geben will. Das öffentliche Interesse am Geschehen im Stadion überwiegt aber die Gefahr eines eventuellen Nachahmereffekts.

(Umfrage: Stefan Wyss)

--> UEFA: Nur die schönen TV-Bilder werden gezeigt