Bei seiner Eröffnungspräsentation am Mittwochmorgen beim Journalismustag in Winterthur sparte der deutsche Journalist und Blogger Richard Gutjahr nicht an markigen Worten: "Ich glaube, dass nach diesem Jahr nichts mehr so sein wird, wie es war." Das Jahr 2015 habe neue Fakten geschaffen und markiere einen Wendepunkt im Journalismus.
Gutjahr arbeitet als freier Mitarbeiter für die ARD und schreibt gelegentlich für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Berliner Tagesspiegel". Daneben ist er einer der eifrigsten Beobachter des Medienwandels und ein vielbeachteter digitaler Vordenker. Wenn Gutjahr sagt, dass er eine Zeitenwende im Journalismus beobachtet, so meint er damit in erster Linie das Vordringen von amerikanischen Tech-Giganten in das Reich der klassischen Verleger.
.@gutjahr Wir sind Zeugen einer Machtverschiebung #JourTag15
— Joel Grolimund (@Joel_Grolimund_) 4. November 2015Facebook kennt die Konsumenten am besten
"2015 ist das Jahr, in dem die sozialen Netzwerke die Funktion der klassischen Verlags- und Sendeanstalten übernommen haben", erklärt Gutjahr. Ob "Instant Articles" von Facebook, die "Digital News Initiative" von Google, Apples "News"-App oder "Discover" von Snapchat: Das Prinzip bleibe stets gleich. Die digitalen Giganten übernehmen die Funktion des Lieferanten und bringen journalistische Inhalte direkt zum Konsumenten.
"Die Botschaft der grossen Techgiganten an die Verleger: Geht Golf spielen - wir regeln das schon für euch!" @gutjahr am #JourTag15
— Martin Oswald (@oswaldmartin) 4. November 2015Gutjahrs Rechnung ist einfach: "Nehmen wir also die Druckerpressen, die LKW-Flotten und die Sendetürme aus der Gleichung – dann bleiben am Ende: Der Inhalte-Ersteller und der Inhalte-Konsument." Der klassische Verleger hat in dieser Gleichung keinen Platz mehr. Denn, so der digitale Vordenker, wer kann mich besser ansprechen als die Tech-Firmen? "Kein Chefredaktor der Welt kennt mich besser als Facebook oder Twitter."
Unumgängliche Anpassung
Das Fazit des bekannten Netzjournalisten lautet denn auch: "Google, Facebook und Co. haben uns abgehängt. Wir haben es uns zu lange zu kuschelig gemacht." Guter Journalismus sei zwar nach wie vor gefragt und die Zukunft könne für gewappnete Journalisten richtig gut werden. Dies erfordere allerdings eine Anpassung an die laufende Entwicklung, sagte er vor rund 200 Zuhörern.
Journalismus und die Technik würden noch näher zusammenrücken. "Eines können wir uns nicht mehr leisten: Dass die Techniker im einen Raum sitzen und die Journalisten im Raum nebenan. Wir gehören in einen Raum und an einen Tisch", so Gutjahr. Ziel müsse sein, dass es gleich viele Programmierer wie Journalisten gibt.
Watson und Joiz als Pioniere
In der Schweiz gäbe es einige spannende Projekte, die diesen Ansatz bereits verfolgen, sagte Gutjahr nach dem Referat gegenüber persoenlich.com. Watson, Joiz oder auch NZZ.at nennt er auf die Frage nach den hiesigen Vorreitermedien. Darauf angesprochen, dass es bei diesen drei Projekten ökonomisch nicht sehr rosig aussieht und in den letzten Tagen von Kündigungen, schlechten Abo-Zahlen oder dem Verlust von wichtigem Kaderpersonal die Rede war, sagt Gutjahr schlicht: "Nur wer oft genug scheitert, kann erfolgreich sein."
Denn es sei unumgänglich, davon ist der deutsche Journalist überzeugt, dass Journalisten vermehrt zu Technikern werden müssen. Denn sonst werden einfach die Techniker zu Journalisten.
@gutjahr: Techniker werden immer mehr zu Journis. Was ist leichter? Programmieren für Journis oder Journalismus für Techleute? #JourTag15
— Claudine Traber (@klioblog) 4. November 2015Gutjahr ist gerade aus einem USA-Aufenthalt zurückgekehrt. Dort hat er auch Kayvon Beykpour, den CEO der Livestreaming-App Periscope, getroffen. Auf Gutjahrs Frage, ob die Programmierer in Zukunft für ihn, also den Journalisten, arbeiten oder er für die Programmierer, habe Beykpout nur gegrinst, bevor er sagte: "Ich fürchte, Mr. Gutjahr, das werden Sie selbst herausfinden müssen."
Text: Boas Ruh, Bild: Mathias Vietmeier