"Eine Zeitung muss rentabel sein, um ihre Unabhängigkeit zu gewährleisten"

- Der "Tages-Anzeiger" hat zwei neue Chefredaktoren. Ein Teil des neuen Führungsduos ist Markus Eisenhut, der bereits als Co-Chefredaktor der "Berner Zeitung" über Erfahrung mit einer Doppelspitze verfügt. Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt er, wie der "Tagi" von einer Sechs- auf eine Vierbund-Zeitung reduziert wird. Er streitet ab, dass die Zeitung mit der Einführung des "weichen Bundes" mehr Boulevard betreiben will. Das Interview:

Herr Eisenhut, warum setzt der "Tages-Anzeiger" auf ein Führungsduo anstelle von einem einzelnen Chefredaktor?

Diese Frage muss letztlich der Verwaltungsrat von Tamedia beantworten. Aber ich denke, dass Res Strehle und ich im Verlauf der letzten Monate sehr gut zusammengearbeitet haben und dies den Verwaltungsrat überzeugt hat.

Und was halten Sie persönlich davon?

Ich begrüsse diesen Schritt. Ich habe Res Strehle während unserer gemeinsamen Arbeit am neuen Zeitungskonzept als tollen Journalisten und Menschen kennengelernt. Die vielen Aufgaben, die in den nächsten Monaten und Jahren warten, können wir als Duo, das harmoniert, sicher besser bewältigen. Ich habe schon bei der "Berner Zeitung" zusammen mit Michael Hug sehr gute Erfahrungen mit der Teilung der Führungsverantwortung gemacht.

Hat sich das Modell mit zwei Co-Chefs schon lange abgezeichnet?

Nein, Res Strehle und auch ich wären auch einzeln zur Verfügung gestanden. Die Möglichkeit einer Doppelspitze stand zwar seit einiger Zeit im Raum, erfahren haben wir es aber erst vor einer Woche.

Wie sieht die Aufgabenteilung aus?

Festgelegt wurde noch nichts, aber wir haben natürlich gewisse Vorstellungen, wie wir uns organisieren wollen. Wir werden die publizistische Leitung gemeinsam übernehmen, teilen also nicht einfach die Ressorts auf. Bei der Tagesverantwortung möchten wir uns abwechseln. Die Verantwortlichkeit bei Personalfragen haben wir noch nicht geregelt.

Es gibt auch keine Unterteilung in Innen- und Aussenminister?

Nein, wir werden beide sowohl nach innen als auch nach aussen auftreten.

Ab Herbst bekommt der "Tages-Anzeiger" eine neues Gesicht. Nur äusserlich oder auch inhaltlich?

Durch das neue Layout wollen wir die Leserführung verbessern. Inhaltlich wollen wir auch mit dem neuen Vierbund-Konzept Qualität bieten. Zurzeit definieren wir die Ressourcen, die dafür notwendig sind. Diese Ressourcen gleichen wir dann mit den Möglichkeiten des Marktes ab und sehen, was wir uns leisten können. Unter dem Strich wird der "Tagi" aber nach wie vor über ein sehr gutes Budget und eine komfortable Personalsituation verfügen.

Die Einsparungen führen zu einem Personalabbau in allen Bereichen. Wie hart wird es die Redaktion treffen?

Wie gross diese Einschnitte sein werden, steht noch nicht fest.

Stimmt es, dass das Redaktionsbudget von 47 Millionen auf 36 Millionen Franken gekürzt wird?

Diese Zahl ist völlig aus der Luft gegriffen. Diese Reduktion von 11 Millionen wird seit längerem kolportiert, aber man muss ja nicht alles glauben, was man hört.

Ist es nicht ein komisches Signal, wenn man Stellen abbauen muss, den Chefposten aber doppelt besetzt?

Eine Chefredaktion besteht meistens aus mehreren Personen. Es ist noch nicht gesagt, dass die Redaktionsleitung am Ende mehr Leute umfasst als bisher. Diese Fragen werden wir in den nächsten Wochen gemeinsam mit den Ressortleitern und dem erweiterten Führungsteam des "Tages-Anzeigers" klären. Auf der anderen Seite sind wir uns auch den wirtschaftlichen Zwängen bewusst, denen eine Zeitung unterliegt. Eine Qualitätstageszeitung muss rentabel sein, um ihre Unabhängigkeit zu gewährleisten.

Warum werden beim "Tages-Anzeiger" Stellen abgebaut, währenddem das nicht profitable "News" am Leben gehalten wird?

"News" ist ein wichtiger Bestandteil in der Medienfamilie Tages-Anzeiger. Die Pendlerzeitung wurde lanciert, um "Tages-Anzeiger", "Basler Zeitung" und "Berner Zeitung" für die Werbewirtschaft attraktiver zu machen.

Sie reduzieren den "Tages-Anzeiger" von sechs auf vier Bünde. Wie stellen Sie das an?

In Stein gemeisselt ist noch nichts, aber es gibt natürlich schon Vorstellungen. Der erste Bund gehört weiterhin den Themen Schweiz und Ausland mit Analysen und Hintergründen. Der zweite Bund bleibt ein Regionalbund. Allerdings wird der bisherige sechsten Bund aus den verschiedenen Regionen in den zweiten Bund integriert. Das heisst, die Zeitung wird künftig einen regional unterschiedlichen zweiten Bund haben. Im dritten Bund fassen wir Wirtschaft und Sport zusammen, ohne dabei zu definieren, mit welchem Thema aufgemacht wird. Der vierte Bund wird ein "weicher Bund", der für alle sinnlichen Themen aus Kultur und Lifestyle Platz bietet.

Es geht also mehr in Richtung Boulevard?

Nein, überhaupt nicht. Die Marktforschung hat aber gezeigt, dass die Leserschaft das Bedürfnis hat, auch die schönen Seiten des Lebens mitzunehmen. Diesem Wunsch wollen wir gerecht werden.

Ist mit der Einstellung des sechsten Bundes das Regionalkonzept gescheitert?

Nein, im Gegenteil. Jetzt haben wir endlich gleich lange Spiesse bezüglich Abschlusszeiten. Der Regionalteil und der Rest der Zeitung haben nun gemeinsam Redaktionsschluss gegen 22.00 Uhr, so dass wir in Sachen Aktualität bei der regionalen Berichterstattung nicht mehr hinter den Landzeitungen herhinken.

Werden die externen Regionalredaktionen geschlossen?

Nein, sie bleiben bestehen. Wir erstellen für die Regionen ja weiterhin eine Regionalausgabe.

In Zusammenarbeit mit dem Newsnetz und News sollen vermehrt auch die Stärken eines umfassenden Medienverbundes ausgespielt werden. Was heisst das konkret?

Es ist kein Newsroom geplant. Auf der Hand liegt aber, dass wir bei der Bearbeitung von Agenturmeldungen die redaktionelle Zusammenarbeit enger gestalten. Prinzipiell geht es aber darum, dass wir im Leser- und Werbemarkt noch mehr gemeinsam auftreten können.

Zur Situation in der Hauptstadt: Wird Michael Hug jetzt wieder alleiniger Chefredaktor bei der "Berner Zeitung"?

Es werden in Bern zwei verschiedene Projekte zu "Berner Zeitung" BZ und "Der Bund" vorangetrieben. Der Entscheid, welches Modell weiterverfolgt wird, sollte im Sommer fallen. Bis dahin wird Michael Hug die BZ sicher alleine führen. Das weitere hängt davon ab, welche Lösung für den "Bund" angestrebt wird. .

Werden Sie schon vor Ihrem offiziellen Amtsantritt am 1. Juni für den "Tages-Anzeiger" wirken?

Es ist klar, das Res Strehle und ich ab sofort operativ anpacken werden. Die Gespräche mit der Redaktion beginnen noch diese Woche. Es ist mit Michael Hug vereinbart, dass ich jetzt schon einen Teil meiner Zeit in Zürich verbringen werde.

(Interview: Stefan Wyss)