Wie lautet der Auftrag, den Sie als Chefredaktor von Ihrem Arbeitgeber erhalten haben?
Tristan Cerf: Meine Strategie baut auf vier Hauptachsen auf: Die bestmögliche Zeitung ihrer Kategorie zu machen, das bestehende Lektorat auszuweiten, die Lust, ein neues Publikum ans Lesen einer Tageszeitung heranzuführen und die Marke Le Matin zu stärken. Wir zielen auf die jungen aktiven urbanen 15- bis 34-jährigen, wie auch auf die mobilen Leser oder Pendler. Diese Zielgruppe erwartet rasche und zuverlässige Informationen, nützlichen Service und interessante Ausgeh-Tipps, die die urbanen Zentren des "Arc lémanique" abdecken.
Philippe Favre: Meine Mission ist es, die Marke 20 Minutes in die Romandie einzuführen mit dem Ziel, in der Region "Arc lémanique" mehr als 300'000 Leser zu erreichen.
Hat es in der Romandie für zwei Gratisblätter Platz, oder kommt es zu einem Verdrängungskampf?
Favre: Es existieren heute schon mehrere Gratispublikationen in der Westschweiz, auch wenn es nicht Tageszeitungen sind. Ihnen gelingt es zu überleben, weil sie eine eigenständige Identität und Leserschaft aufbauen konnten. Im Gebiet der Tagespresse gehe ich davon aus, dass leider einer der drei Titel Le Matin Orange, Le Matin Bleu und 20 Minutes verschwinden wird.
Cerf : Nur die Zukunft wird zeigen, ob der welsche Markt eine Gratiszeitung erträgt oder ob es genug Platz für zwei hat.
Le Matin Bleu startete schon letzten Herbst, 20 Minutes kommt erst anfangs März. Wie wichtig ist dieser Vorsprung im Kampf um die Vorherrschaft?
Cerf : Le Matin Bleu wird seit dem 31. Oktober 2005 gelesen und geschätzt. Unsere Konkurrenz kennt diesen Startvorteil sehr genau. 20 Minuten ist seiner Zeit in Zürich ein paar Monate vor dem mittlerweile gescheiterten Konkurrenten Metropol gestartet.
Favre : Drei Monate sind nicht genug, damit sich die Bekanntheit einer Zeitung festsetzen kann. Da ist noch nichts entschieden. Im Gegenteil : Le Matin Bleu hat eine Bresche geschlagen, nun muss es die Sache ausbaden. Denn von nun an gehört ein Gratisblatt zur Gewohnheit der Westschweizer Leser und Inserenten. Von dieser Dynamik werden wir profitieren. Mehr noch, die nationale Kombination mit 20 Minuten trägt die ersten Früchte: Einige unserer Anzeigenseiten sind schon bis Ende Jahr ausgebucht.
Le Matin Bleu gleicht inhaltlich sehr stark 20 Minuten. Worin wird sich Ihr Blatt gegenüber der Konkurrenz abheben, in welchen Bereichen wollen Sie Ihre Zeitung profilieren?
Cerf : Die Frage müsste eher lauten: Wie wird sich 20 Minutes von Le Matin Bleu differenzieren, dem aktuellen Leader der Gratiszeitungen in der Romandie?
Favre : Bis jetzt bietet Le Matin Bleu keinen regionalen redaktionellen Inhalt und zielt nicht ausschliesslich auf die Leserschaft der 14- bis 35-Jährigen. In diesen zwei Punkten wird sich 20 Minutes von Le Matin Bleu abheben. Weiter erwägen wir, ein Webportal zu lancieren, das sich an unsere Zielgruppe richtet. Wir werden eine starke und bekannte Marke mit dem selben Rezept einführen, das sich schon in der Deutschschweiz und in den europäischen Nachbarländern bewährt hat. Sie wird uns helfen, den Leser- und den Anzeigenmarkt zu erobern.
Herr Favre, ist es eher ein Vor- oder ein Nachteil, dass 20 Minuten als neuer Marktteilnehmer in der Westschweiz auftreten wird?
Favre : Der Printpressemarkt wird in der Region "Arc lémanique" heute durch Edipresse praktisch beherrscht. Die Ankunft eines neuen Akteurs wird die Medienlandschaft beleben. Am meisten profitiert von dieser Marktbewegung der Leser, der eine breitere Presse nutzen kann. Wir sind gekommen, um die etablierten Grundmuster umzustossen, wissen aber, dass die Rolle des Störenfrieds zugleich Chancen und Risiken birgt. Allerdings abschätzbare Risiken, da wir uns an eine Leserschaft wenden, die noch nicht die Gewohnheit hat, Newszeitungen zu durchblättern.
Herr Cerf, betrachten Sie es als Vorteil, dass Ihr Titel mit dem bekannten Brand Le Matin bereits in der Westschweiz verankert ist?
Cerf : Auf dem Anzeigenmarkt ist es klar, dass die Marke Le Matin und ihre tägliche Verbreitung, am Werktag wie auch am Wochenende, und in allen Bevölkerungsschichten der Romandie dem Titel einen weiteren Vorteil beschert.
Wie eng werden Sie mit Ihrem Schwestertitel 20 Minuten respektive Le Matin Orange zusammenarbeiten?
Favre : Wir wollen von den Erfahrungen von 20 Minuten profitieren und einen Nutzen aus dessen Niederlassung in der Wirtschaftshauptstadt der Schweiz ziehen. Uns eröffnen sich zum Beispiel exzellente Perspektiven, unsere nationalen und internationalen Rubriken zu gestalten.
Cerf: Die zwei Le Matin-Redaktionen sind vollkommen unabhängig voneinander. Wir nutzen nur dieselbe Infrastruktur, welche die Groupe Edipresse zur Verfügung stellt.
Abschlussfrage: Weshalb wird Ihr Produkt schlussendlich erfolgreicher sein als das ihres Konkurrenten?
Cerf : Ich behaupte noch nicht, dass wir mehr Erfolg haben werden -- im Moment bin ich überzeugt davon. Unsere Konkurrenz mag dasselbe hoffen. Das macht die Situation interessant und tut der Konkurrenz gut!
Favre: Weil wir uns hier in der Romandie nicht Gedanken machen müssen, wie wir auf andere Titel des selben Verlags Rücksicht nehmen müssen. Und sobald wir unser Verkaufsteam aufgestellt haben, werden wir die nötige Ellbogenfreiheit besitzen, um unsere Geschäfte eigenständig und dynamisch in Lausanne und Genf zu führen. Diese Handlungfreiheit wird unser Schlüssel zum Erfolg sein.
Der designierte 20 Minutes-Chefredaktor Philippe Favre
Der designierte Le Matin Bleu-Chefredaktor Tristan Cerf