«Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast»: Mit Zeilen wie dieser hat ein deutsches Fernsehmagazin einen diplomatischen Eklat ausgelöst.
Der Protest der Türkei gegen die Satire sorgte in Deutschland für Empörung. Das Aussenministerium in Ankara bestellte den deutschen Botschafter ein, um gegen den knapp zweiminütigen Satire-Film des Norddeutschen Rundfunks (NDR) über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu protestieren.
Nach Angaben aus türkischen Diplomatenkreisen vom Dienstag wurde während des Gesprächs gefordert, eine weitere Verbreitung des Films zu stoppen. Botschafter Martin Erdmann wies das zurück. Politische Satire sei in Deutschland von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckt. Deshalb gebe es «weder eine Notwendigkeit noch die Möglichkeit für ein Handeln der Bundesregierung», hiess es aus dem Aussenministerium.
Kein Kontakt zum NDR
Einen Kontakt zwischen der türkischen Regierung und dem NDR habe es nicht gegeben, erklärt «extra 3»-Moderator Christian Ehring gegenüber Spiegel online. Auch er ist überrascht über die heftige Reaktion aus der Türkei: «Mir ist die Kinnlade runtergefallen», fügt er an.
Bei allen im Parlament vertretenen Fraktionen sorgte der türkische Protest für Empörung. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) nannte das Vorgehen Erdogans lächerlich. «Der türkische Machthaber Erdogan hat offenbar die Bodenhaftung verloren», sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. Der Staatschef habe sich zum Gespött der sozialen Medien gemacht.
Erdogan nun «Mitarbeiter des Monats»
Die Satire war am 17. März in der Sendung «extra 3» ausgestrahlt worden. Zur Melodie von Nenas Hit «Irgendwie, irgendwo, irgendwann» wird darin Erdogans Vorgehen gegen Medien, Demonstranten und Kurden auf die Schippe genommen. Im Text des Liedes mit dem abgewandelten Titel «Erdowie, Erdowo, Erdogan» heisst es zum Beispiel: «Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast.» Dazu werden Bilder gezeigt, wie ein Journalist abgeführt und eine Redaktion gestürmt wird.
Aufnahmen eines Treffens zwischen dem türkischen Präsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel, bei dem sich beide die Hände schütteln, sind versehen mit der Empfehlung «Sei schön charmant, denn er hat Dich in der Hand».
Die Redaktion von «extra 3» zeigte sich am Dienstag unbeeindruckt von den türkischen Protesten, legte noch einmal nach und kürte Erdogan mit einem Foto auf ihrer Twitter-Seite zum «Mitarbeiter des Monats».
«Cumhuriyet»-Prozess unter internationaler Beobachtung
Erdmann war bereits am Dienstag vergangener Woche einbestellt worden. An diesem Dienstag folgte ein weiteres Gespräch im Aussenministerium. Dabei ging es auch um die Teilnahme des Botschafters an dem Prozess gegen zwei regierungskritische Journalisten der unabhängigen Zeitung «Cumhuriyet».
Chefredaktor Can Dündar und Hauptstadtbüroleiter Erdem Gül wird unter anderem Spionage und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Ihnen droht lebenslange Haft. Erdmann beobachtete den Prozessauftakt gemeinsam mit anderen Diplomaten - aber als einziger Botschafter.
Erdogan, der als Nebenkläger auftritt, kritisierte das scharf. Der deutsche Botschafter betonte in seinem Gespräch mit dem türkischen Unterstaatssekretär Murat Esenli am Dienstag, dass «Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Justiz und der Schutz grundlegender Freiheiten» hohe Güter seien.
Regierung gängelt Medien
Der islamisch-konservative Staatspräsident weist regelmässig Vorwürfe zurück, die Medienfreiheit in der Türkei werde eingeschränkt. Auf der Rangliste der Medienfreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180 Staaten. Einheimische kritische Medien sind unter besonders grossem Druck. So wurde Anfang März in der Türkei die grösste Oppositionszeitung "Zaman" unter staatliche Kontrolle und auf Regierungskurs gezwungen. (sda)