13.07.2012

Erfolgreiche Frauen

Als Mädchen malte sie sich ein Leben als Hausfrau und Mutter aus. Jetzt hält Ariane Dayer (48) die Zügel der grössten Zeitung der Romandie in der Hand. Vor "Le Matin Dimanche" war sie bereits Chefredaktorin von "Le Matin", "Saturne" und "L'Hebdo". Im elften Teil unserer Serie spricht die Walliserin über ihre Mission bei der welschen Sonntagszeitung, ihre cholerische Veranlagung und ihre Freude, am Wochenende ihre Leser zu wecken. Das Interview:
Erfolgreiche Frauen

Heute ist Dienstag, das ist der "erste" und wichtigste Tag der Woche bei "Le Matin Dimanche“. Wie sieht Ihr Tag jeweils aus?

Die Nacht von Montag auf Dienstag schlafe ich fast gar nichts. Ich muss gut vorbereitet sein für die Sitzung am Morgen. Es ist wichtig, dass ich Ideen habe für Interviews und Themen vorschlage. Der Dienstag ist zudem ein langer Tag mit vielen Besprechungen und Planungssitzungen. Die ganze Woche hängt davon ab, wie dieser Tag verläuft, deshalb bin ich in der Nacht davor angespannt.

Fällt es Ihnen also schwer, abzuschalten?

Das fällt mir tatsächlich nicht leicht. Das liegt zu einem grossen Teil am Beruf an sich. Journalismus ist anders als andere Berufe. Alles kann ein Thema sein. Man kann nicht in einem Moment Journalist sein und im nächsten nicht mehr. Mir fällt es zudem immer noch schwer, Sitzungen zu führen, obwohl ich dies schon seit Jahren mache. Ich habe mich auch heute Morgen wieder gefragt: Kann ich das überhaupt? Bin ich auf der Höhe?

Wie definieren Sie Ihre Position als Chefredaktorin?

Es ist wie bei einer Uhr, die aus vielen kleinen Rädern besteht. Ich bin nur eines dieser Rädchen, das dreht und andere Rädchen im grossen Uhrwerk des "Le Matin Dimanche" zum Drehen bringt. Meine Funktion hat viel mit Motivation zu tun. Ich treffe Entscheidungen, damit die ganze Mechanik, die Zusammenarbeit im Team funktioniert.

Führen Männer anders als Frauen?

Männer sind etwas selbstsicherer. Das hat auch mit der Geschichte zu tun. Sie waren immer schon in Führungspositionen, deshalb ist es einfacher für sie. Männer haben mehr männliche Vorbilder, nach denen sie sich richten können. Ich hatte nie eine Chefin. Insbesondere im Nachrichtenjournalismus gibt es fast keine Chefredaktorinnen. Wenn dann am ehesten noch bei Frauenmagazinen. Ich habe also nicht unbedingt Vorbilder.

Denken Sie, dass der Inhalt der Zeitung anders wäre, wenn ein Mann Chefredaktor wäre?

Ja, das glaube ich. "Le Matin Dimanche" hat ein politisches und wirtschaftorientiertes Profil, aber wir versuchen immer die Themen aus einer menschlichen Perspektive aufzubereiten. Ich glaube, Frauen machen dies eher als Männer. Damit spricht "Le Matin Dimanche" auch die weiblichen Leser an.

Wie ist das Verhältnis Männer/Frauen auf der Redaktion von "Le Matin Dimanche“?

Das ist ungefähr 50/50. Ich arbeite mit zwei Stellvertreterinnen und einem Stellvertreter zusammen. Es ist mir wichtig, dass Frauen in meiner Redaktion auch in anderen Positionen Verantwortung übernehmen können. Ich versuche, diese Frauen in ihrer Karriere zu unterstützen. Etwa indem ich Ihnen anbiete, Teilzeit zu arbeiten.

Sie waren zuvor Chefin der Tageszeitung von "Le Matin“. Warum wollten Sie zu einer Sonntagszeitung?

Mein Chef wollte das (lacht). Nein nein. Es ist natürlich eine sehr spannende Aufgabe. "Matin Dimanche“ ist die grösste Zeitung der Romandie, ein Monument unserer Medienlandschaft. Wir sprechen jede Woche 518‘000 Leserinnen und Leser an. Eine solche Aufgabe kann man nicht ablehnen. Mir macht es grosse Freude, an einem Ort zu arbeiten, von dem aus man die ganze Welt berührt. Wir sprechen einfache Bürgerinnen und Bürger an, Top-Leader, Banker und Putzfrauen, das ist wirklich sehr interessant. Daneben gehören wir als Sonntagszeitung auch an den Familientisch. Man liest uns zum Frühstück. Mit einer grossen Zeitung hat man tatsächlich Einfluss und kann einen Unterschied machen und etwas bewirken, zum Abstimmen motivieren, die Leute zum Nachdenken anregen, das ist einfach toll.

Ihr Vater, François Dayer, ist als ehemaliger Chefredaktor von "Le Nouvelliste“ ebenfalls ein bekannter Journalist. Haben Sie den Journalismus in den Genen?

Als ich klein war wollte ich Seglerin werden. Und auf gar keinen Fall Journalistin.

Warum nicht?

Mein Vater war oft weg, hatte nicht immer Zeit für die Familie. Irgendwann faszinierte mich aber plötzlich, dass er mit so vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt treten und sich unterhalten konnte. Das ist etwas Wundervolles. Als Journalistin kann ich die verschiedensten Türen aufstossen und habe Einblick in ganz unterschiedliche Themen.

Haben Sie nebst der Faszination für verschiedene Themen und Menschen noch andere Ähnlichkeiten mit Ihrem Vaters?

Ja, wir sind beide sehr ungeduldig und cholerisch veranlagt.

Sind Sie auch eine cholerische Chefin?

Ich versuche natürlich, mich in dieser Position etwas zu beherrschen (lacht). Als Journalistin muss man aber die Fähigkeit haben, sich zu empören und ungehalten zu sein. Das können mein Vater und ich ganz gut. Er ist aber auch ein sehr integrer, hingebungsvoller Mensch, ein grosser Journalist, den ich sehr bewundere.

Sie haben vorhin gesagt, dass Ihr Vater oft weg war und wenig Zeit für Privates hatte. Gab es in Ihrem Leben einmal einen Zeitpunkt, wo sie sich für die Karriere und gegen Familie entschieden haben?

Ich bin nicht sicher, ob man sich wirklich so konkret entscheidet. Sicher ist, dass ich heute 48 bin und keine Kinder habe. Ich habe sehr viel Zeit in meine Karriere gesteckt. Für Kinder ist es nun zu spät, das ist in einer gewissen Weise ein Opfer, das ich erbracht habe. Ich weiss nicht, ob ich dies bewusst und nur für den Beruf gemacht habe. Das weiss man nie so genau.

Sie sprechen von einem Opfer. Bereuen Sie, keine Kinder zu haben?

Nein, ich bereue nichts. Es war zwar ein Opfer, aber ich bin glücklich mit meinem Leben. Ich liebe meine Arbeit. Als typische Walliserin habe ich mir als Mädchen jedoch ein anderes Leben ausgemalt. Damals stellte ich mir vor, dass ich mit 30 verheiratet, mit zwei Kindern, einem Hund und einer Katze leben würde.

Sie waren auch mal als Unternehmerin tätig: Sie gründeten und führten während mehreren Jahren das Satiremagazin "Saturne". Warum haben Sie sich für ein satirisches Magazin entschieden?

Humor ist ein wundervolles Mittel, um für eine Idee zu kämpfen und etwas auszudrücken. Man kämpft für dieselben Ziele wie alle anderen Journalistinnen und Journalist auch, aber in einem anderen Stil. Manchmal bewegt einer cleveren Karikatur mehr als seitenlanges Editorial oder eine mehrseitige Recherche.

Der deutsche Journalist Kurt Tucholsky hat einmal gesagt: "Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an." Sind Sie eine Idealistin?

Ja ganz klar. Ich sage immer: "Wir haben eine Mission“. Mein Team mag dieses Wort zwar nicht, aber ich bin überzeugt davon, dass wir eine Mission haben.

Wie lautet diese?

Die Schweiz zu wecken. Ich möchte zeigen, dass unser Schicksal ein gemeinsames ist. Wichtig ist nicht der Einzelne. Man sollte sich für den Nächsten und die Welt interessieren, Dinge in die Hände nehmen, statt einfach untätig herumzusitzen.

Sie werden bald 50. Wenn ein Freund oder Bekannter Ihnen zu Ehren eine Rede hält. Was wünschten Sie sich, dass dieser über Sie sagt?

Ich möchte menschlich sein. Als Chefredaktorin oder Karrierefrau wird man oft als hart oder tough abgestempelt. Das finde ich unfair.

Was möchten Sie sich vor Ihrem 50. Geburtstag noch erfüllen?

Nichts, denn man braucht auch unerfüllte Träume im Leben, damit man immer noch etwas zum träumen hat.

Interview: Corinne Bauer.



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