Erklärt ihren neuen Blog

Michèle Binswanger - Schreibt über plumpe Klischees in der Werbung.

Michèle Binswanger bloggt wieder: Nachdem die "Journalistin des Jahres 2010" dem sehr erfolgreichen Mama-Blog im letzten Jahr den Rücken gekehrt hatte, ist sie nun mit einem neuen Blog zurück. Auf dem Anfang Mai lancierten Blogmag von tagesanzeiger.ch (persoenlich.com berichtete), schreibt Binswanger ab sofort ein Mal wöchentlich unter dem Titel "Gender Police" über Geschlechterrollen-Klischees in den Medien. Persoenlich.com hat sich die Details erklären lassen:

Frau Binswanger, welche Idee steht hinter Ihrem neuen Blog "Gender Police"?

Gender Police möchte anhand von medialen Bildern, Artikeln und Beobachtungen aus dem Alltagsleben aufzeigen, wie unser Männer- und Frauenbild konstruiert wird, wo Klischees zementiert werden und wo Verschiebungen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Beurteilungen stattfinden. Klischees sind Denkprothesen, mit denen wir alle operieren, weil die Welt in ihrer ganzen Komplexität nie erfasst werden kann und wir aus Effizienzgründen vereinfachen müssen. Gerade die Medien operieren gern mit Klischees und zwar besonders dort, wo es um Geschlechterrollen geht. Diese will ich in meinem Blog aufzeigen.

Sie sagten vor rund einem Jahr, dass Sie sich vom Image der Mama-Bloggerin lösen wollen (vgl. persoenlich.com). Inwiefern trägt "Gender Police" zu Ihrer neuen Positionierung bei?

Ich bin Feministin und Gender-Themen haben mich immer schon interessiert. Im Mamablog behandelte ich sie vor allem aus der Perspektive der Rollenverteilung in der Familie. In Gender-Police möchte ich wieder auf die gesamtgesellschaftliche Ebene zurück kommen. Insbesondere interessiert mich dabei eben die mediale Konstuktion und Fortschreibung von Geschlechterrollen.

Sie schreiben jedoch weiterhin über Geschlechterunterschiede, ähnlich wie Sie es beim "Mama-Blog" taten.

Ja, nur dass der Fokus diesmal nicht auf meiner Rolle als Mutter, sondern als Frau liegt.

Daneben arbeiten Sie als Kultur- und Gesellschaftsredaktorin bei tagesanzeiger.ch/newsnet. Einer Ihrer meistbeachteten Texte in den letzten Wochen war der Initialtext über den Fall "Kristallnacht-Twitterer". Wie eigenständig konnten Sie bei diesem Artikel vorgehen?

Ich habe die Diskussion über den Tweet am Sonntag auf Twitter gesehen und beschlossen, darüber zu schreiben. Wie üblich informierte ich meine Vorgesetzten über dieses Vorhaben und nachdem sie mir grünes Licht gegeben hatten, legte ich den fertigen Text dem Blattmacher vor, bevor wir ihn dann produziert und publiziert haben.

Wie beurteilen Sie im Rückblick die Dynamik dieser Geschichte und die Konsequenzen für Alexander Müller?

Die Konsequenzen für Herrn Müller sind in der Tat sehr gravierend und ich war mir punkto Verhältnismässigkeit nicht immer ganz sicher. Aber die Dynamik folgt letztlich einer gewissen Logik. Erstens tummeln sich auffällig viele SVP-Vertreter in den sozialen Medien und wie auch Herr Müller bedienen sich viele einer äusserst aggressiven Rhetorik. Zweitens ist Twitter seit diesem Jahr im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit angekommen und dies war wohl die erste wirklich brisante Twitter-Story in den Schweizer Medien, weshalb sie dankbar aufgegriffen wurde. Drittens – und das ist das eigentliche Thema – muss sich die SVP der Tatsache stellen, dass ihr Wachstumsprozess ihr auch viele Mitglieder beschert hat, die bedenkliches Gedankengut vertreten. Es liegt nun an der Partei, sich in aller Deutlichkeit abzugrenzen.

Sie scheinen bei tagesanzeiger.ch quasi Narrenfreiheit zu geniessen bezüglich Themenwahl. Inwiefern spezialisieren Sie sich trotzdem auf bestimmte Themen?

Tatsächlich existiert bei Newsnet kaum das für Redaktionen sonst so typische Gärtchendenken und seitens der Vorgesetzten herrscht eine sehr liberale Haltung. Ich schätze das sehr, weil ich mich vor allem für Menschen und gute Geschichten interessiere. Und die gibt es in jedem Ressort.

Nochmals zum neuen Blog: Ihr aktuellster Beitrag handelt von devoten Frauenbildern in der Werbung. Sie fordern grösseren Effort seitens der Werber. Welches wäre denn eine gelungene Werbekampagne?

Ich weiss nicht, ob es Aufgabe der Werbung ist ein neues Frauenbild zu etablieren. Interessant ist ja, dass vielen Werbern scheinbar nicht bewusst ist, dass das Publikum höhere Ansprüche hat, als mit plumpen Klischees abgespeist zu werden. Mir gefällt zum Beispiel die Arbeit von Cindy Gallop, die mit ihrem Projekt Make-Love-Not-Porn die Tech-Szene aufmischt, Frauenklischees bekämpft und sich dafür stark macht, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen.

Interview: Edith Hollenstein