"Ernst zu nehmende Konkurrentin" oder "zu wenig mutig"?

- Inwiefern fühlen sich die etablierten Wochenzeitungen durch die Konkurrenz der "Tageswoche" bedroht? Persoenlich.com fragte die Chefredaktoren. Finn Canonica, Peer Teuwsen, Patrik Müller und Roman Schürmann erklären, wo sie sich bedrängt fühlen und was sie von den Baslern lernen können. Zur Umfrage:

Finn Canonica, Chefredaktor 'Das Magazin'

"Bei der Print-Ausgabe fällt mir das schlichte Design positiv auf. Die Zeitung erscheint nicht protzig. Insgesamt finde ich, die Print-Version ist gut gemacht und mit 64 Seiten auch erstaunlich umfangreich. Online haben sich die 'Tageswoche'-Macher mit der Autorenansicht als Rückseite der Artikel (vgl. Abbildung unten) oder dem Webcode ein paar nette Features überlegt. Die iPad-Ausgabe funktioniert noch nicht, soweit ich weiss, bzw. ist es die Online-Ansicht und nicht die Printausgabe. Aber die sind schnell, die werden das sicher bald anpassen. Das Feuilleton könnte man - sofern das in der heutigen Zeit überhaupt noch jemanden interessiert - ein wenig ausbauen.

Eine Konkurrenz sehe ich in der 'Tageswoche' eigentlich nicht, da sie sich als Online-Tageszeitung versteht. Erst im Print wird sie zur Wochenzeitung, also zur möglichen Konkurrenz. Wir haben aber ganz andere Themen und die Tageswoche ist sicherlich auch regionaler orientiert, mit dem Schwerpunkt Basel. Wir sind da breiter.

Was ich mir vielleicht auch für 'Das Magazin' vorstellen könnte, ist die einfache Autorenansicht im Web. Ausserdem finde ich die multimediale Verbreitung der 'Tageswoche' - viele Autoren twittern - und die starke Verbindung von Print- und Online-Ausgabe interessant. Klar ist aber, dass ohne spannenden Inhalt auch die überzeugendste Strategie in die Hosen geht. Ich wünsche der 'Tageswoche' aber auf jeden Fall viel Erfolg."

Peer Teuwsen, Chefredaktor Schweizausgabe 'Die Zeit

"Ich finde es gut, dass es die 'Tageswoche' jetzt endlich gibt und der Monopolist daran zu kauen hat. Einige Kollegen konnten sich damit einen Traum erfüllen. Leider ist in der ersten Ausgabe ein bisschen viel Vorproduziertes, aber vom Layout her gefällt sie mir gut. Dass so etwas gesponsert werden muss, ist auch ein kleiner Wermutstropfen. Es wird dem Blatt sicherlich gut tun, wenn es unter realen Bedingungen entsteht. Ich glaube die 'Tageswoche' hat gute Zukunfts-Aussichten, wenn sie sich unverzichtbar machen kann, was nur durch hervorragende Rechercheleistungen gelingen wird.

"Ich finde es gut, dass es die 'Tageswoche' jetzt endlich gibt und der Monopolist daran zu kauen hat. Einige Kollegen konnten sich damit einen Traum erfüllen. Leider ist in der ersten Ausgabe ein bisschen viel Vorproduziertes, aber vom Layout her gefällt sie mir gut. Dass so etwas gesponsert werden muss, ist auch ein kleiner Wermutstropfen. Es wird dem Blatt sicherlich gut tun, wenn es unter realen Bedingungen entsteht. Ich glaube die 'Tageswoche' hat gute Zukunfts-Aussichten, wenn sie sich unverzichtbar machen kann, was nur durch hervorragende Rechercheleistungen gelingen wird.

Eine Konkurrenz für 'Die Zeit' kann ich nur auf dem Platz Basel erkennen. Aber dort tummeln sich ja gerade noch ein paar mehr. Interessant finde ich den Versuch, Gedrucktes und Elektronisches so offensiv zusammenzubringen."

Patrik Müller, Chefredaktor 'Der Sonntag'

"Positiv ist die neuartige Kombination von Print und Online, hier wird experimentiert, das gefällt mir. Negativ beurteile ich - trotz grosser Sympathien für das Projekt 'Tageswoche' - die erste Printausgabe. Das Layout ist kraftlos, und inhaltlich fehlen Storys, die man gelesen haben muss. Vor allem die Politgeschichten sind harmlos, und die neue Zeitung riecht für mich zu wenig nach Basel. Wo ist die Recherche, die zum Stadtgespräch wird? Auch zum FC Basel, der wichtigsten Institution der Stadt, hätte ich eine aufregende Story erwartet.

Trotzdem nehme ich die 'Tageswoche' als eine sehr ernst zu nehmende Konkurrentin wahr, auch für die Basler 'Sonntag'-Ausgabe. Die Erstausgabe von neuen Zeitungen ist oft enttäuschend, das Blatt wird sich bestimmt steigern. Aus dem Zusammenspiel Print und Online kann man sicher lernen. Hier hat es tolle Ansätze. Die Zukunftschancen sind gut, solange sich die Tageswoche nicht über den freien Markt finanzieren muss, was mit Frau Oeri für eine gewisse Zeit gewährleistet ist. Ansonsten wären die Aussichten schwierig, weil die Zeitung in dieser Machart wohl eher ein Minderheitenpublikum ansprechen wird."

Roman Schürmann, stv. Redaktionsleiter 'Woz'

"Positiv fällt mir das eher ruhige, unaufgeregte, aber auch nicht sonderlich aufregende Layout auf einem attraktiven Format auf. Ausserdem gefällt mir der überlegte und grosszügige Einsatz von Bildern und Fotos und der Themenmix. Stellvertretend für das, was noch nicht so klappt, sehe ich die Infografik auf den Seiten 26/27 der ersten Ausgabe (vgl. Abbildung unten): Auf den ersten Blick attraktiv und professionell gemacht, zeigt sich beim näheren Hinsehen, dass die Grafik zwar gut gemeint, aber nicht sehr hilfreich ist. Auch als einer, der gerne Infografiken studiert, hat sich mir diese nicht erschlossen. Was will sie mir sagen? Griechenland geht‘s schlecht? Ein Euro kostet 1.20 Franken? Sie ist schön und etwas konfus.

"Positiv fällt mir das eher ruhige, unaufgeregte, aber auch nicht sonderlich aufregende Layout auf einem attraktiven Format auf. Ausserdem gefällt mir der überlegte und grosszügige Einsatz von Bildern und Fotos und der Themenmix. Stellvertretend für das, was noch nicht so klappt, sehe ich die Infografik auf den Seiten 26/27 der ersten Ausgabe (vgl. Abbildung unten): Auf den ersten Blick attraktiv und professionell gemacht, zeigt sich beim näheren Hinsehen, dass die Grafik zwar gut gemeint, aber nicht sehr hilfreich ist. Auch als einer, der gerne Infografiken studiert, hat sich mir diese nicht erschlossen. Was will sie mir sagen? Griechenland geht‘s schlecht? Ein Euro kostet 1.20 Franken? Sie ist schön und etwas konfus.

Auch die Artikel sind gut aufgemacht, die Themen und Inhalte aber eher etwas harmlos und beliebig - mit einigen Ausnahmen, etwa der Wahlberichterstattung. Insgesamt macht die 'Tageswoche' einen freundlichen Eindruck, sie dürfte indes durchaus etwas frecher und mutiger sein. Spannend ist jedoch die Verbindung von Print und Online. Wir werden genau verfolgen, wie sich die erstrebte Ergänzung und Verknüpfung von digital und Zeitung, von Redaktion und Lesern oder Bloggern bewähren wird.

Als Zeitung, die links von der 'BaZ' steht, ist die 'Tageswoche' für die 'Woz' in Basel wohl die grössere Konkurrenz als die 'BaZ'. Zwei Punkte lassen mich allerdings zweifeln, ob sie tatsächlich eine echte Konkurrenz für uns sein wird: Erstens ist ihr politisches Profil noch nicht wirklich erkennbar, während die 'Woz' eine klare Haltung einnimmt; zweitens bietet die 'Woz', so mein Eindruck, mehr Stoff, genauere Recherchen und interessantere Reportagen. Wobei dies nach der ersten Nummer selbstverständlich noch nicht definitiv zu beurteilen ist. Es ist auf jeden Fall ein ambitiöses Projekt, auch angesichts der beschränkten personellen Ressourcen auf der Redaktion. Es wird sich zeigen müssen, ob damit über eine längere Zeitdauer ein qualitativ gutes Produkt machbar ist. Zu hoffen ist es auf jeden Fall."

Umfrage: Sibylle Lagler