Der Beobachter will zu Ringier. Weshalb?
Das müsste man primär das Beobachter-Team fragen, denn der Vorstoss kam aus der Redaktion. Was mich betrifft, so ist es kein Geheimnis, dass ich Ringier für eine gute Lösung halte. Das habe ich schon wiederholt kommuniziert.
Warum wäre Ringier eine gute Lösung?
Dreierlei ist für den Beobachter wichtig: Erstens die redaktionelle Unabhängigkeit als Voraussetzung für unsere Glaubwürdigkeit - dies wäre bei Ringier unserer Meinung nach möglich gewesen. Zweitens ein wirtschaftlich stabiles Umfeld. Auch das erachteten wir bei Ringier als gegeben. Drittens hat der Beobachter ein Betriebsklima, das von Offenheit, Transparenz und sozialem Engagement geprägt ist. Das möchten wir uns erhalten. Und darum erachtete ich damals, in der Phase des Vorvertrages zwischen der Basler Mediengruppe und Ringier, die erfolgreiche Zukunft des Beobachters als gesichert.
Der Boulevard-Verlag Ringier als Retter des Beobachters -- passt das überhaupt? Oder frisst der Teufel in der Not Fliegen?
Ringier hat immerhin eine lange Tradition im Verlagsgeschäft und kann Kompetenz und Kontinuität gewährleisten.
Was missfällt Ihnen an der gegenwärtigen Eigentümer-Situation?
Problematisch ist einerseits der Mangel an Transparenz. Andererseits besteht -- salopp formuliert -- die Gefahr, dass der Beobachter zum Spekulationsobjekt wird.
Ist es nicht paradox zu glauben, der Beobachter würde unabhängiger, wenn die Investoren bekannt sind?
Diese Auffassung teile ich nicht. Die Unabhängigkeit eines Titels und einer Institution wie der Beobachter können letztlich nur die Eigentümer garantieren. Das zeigt die Erfahrung. Ausserdem würden es Öffentlichkeit und Leserschaft nicht verstehen, wenn wir eine intransparente Situation hätten. Paradox wäre vielmehr, wenn sich der Beobachter im Heft für Transparenz einsetzt, diese im eigenen Haus aber nicht bieten kann.
Es sieht aus, als gäben Sie dem Verlagshaus Jean Frey keine Chance. Warum?
Dazu gebe ich keinen Kommentar.
Haben Sie mit Christoph Richterich gesprochen, bevor Sie an die Presse gelangten?
Die Chefredaktion ist nicht an die Presse gelangt. Sie hat aber ihre Meinung gegenüber den Entscheidungsträgern der Jean Frey deutlich zum Ausdruck gebracht.
Ist die ganze Aktion eine Extrawurst des Beobachters, oder stehen auch andere Titel der Jean Frey hinter Ihren Forderungen?
Das weiss ich nicht.
Halten Sie es für realistisch, dass die Investoren die Jean Frey zerschlagen?
Das müssen Sie die Investoren fragen. Es ist deren Sache, für den Beobachter eine gute Lösung zu finden.
Was werden Sie tun, falls keine befriedigende Lösung gefunden wird?
Im Moment bin ich nach wie vor der Hoffnung, dass eine gute Lösung für den Beobachter möglich ist.
Reaktionen: Ringier erfreut, Richterich weniger
Der Ringier Verlag äussert sich zum Vorstoss des Beobachters erfreut. "Man muss den Wunsch einer Redaktion ernst nehmen", meinte Ringier-CEO Martin Werfeli gegenüber der sda. Im Vordergrund stehe weiterhin die Übernahme der ganzen Jean Frey AG, sagte er weiter. "Wir sind aber auch bereit, einzelne Titel zu übernehmen." Ein mögliches Szenario wäre laut Werfeli auch, mit der Belegschaft des Beobachter unter dem Dach von Ringier einen "neuen Beobachter" herauszugeben. Zumal ein Projekt für ein eigenes Konsummagazin bereits existiere. Der Markt würde dies erlauben. Allerdings steht das Projekt laut Werfeli nicht im Vordergrund.
"Wir haben von diesem Angebot seitens Ringier noch nicht gehört, nehmen es aber erfreut zur Kenntnis", wird der Redaktionssprecher des "Beobachter" von der sda zitiert. Er glaubt, dass ein Grossteil des Teams bereit wäre, zu kündigen und bei Ringier wieder einzusteigen. Immer vorausgesetzt, dass man keine Einigung finde. Der Verwaltungsratspräsident der Jean Frey AG, Christoph Richterich, will solche Spekulationen nicht weiter kommentieren, wie er auf Anfrage der sda sagte. Letzlich könne man aber niemanden dazu zwingen, bei der Jean Frey AG zu bleiben. Dass nur der Beobachter an Ringier verkauft wird, ist kaum ein mögliches Szenario. "Ein Verkauf einzelner Titel der Jean Frey AG steht nicht zur Debatte", habe Richterich gesagt.

