«Es gab mehr Tief- als Höhepunkte»

Schaffhauser AZ - Gegründet zur Zeit des Generalstreiks ist die Wochenzeitung eine der letzten Überlebenden der klassischen Arbeiterzeitungen in der Schweiz. Am Freitag wird die «AZ» 100 Jahre alt. Verlagsleiter Bernhard Ott über Sorgen, Spenden und die SP.

von Matthias Ackeret

Herr Ott, Sie sind Chef und Kopf der «Schaffhauser AZ», die diesen Freitag ihr 100-Jahr-Jubiläum feiert. Was bedeutet dieser Geburtstag für Sie?
Er ist eine grosse Genugtuung für uns. Bis vor wenigen Jahren hätten wir nicht zu träumen gewagt, dass die «AZ» jemals ihren 100. Geburtstag feiern kann.

Die «Schaffhauser AZ» ist die einzige Schweizer Arbeiterzeitung, die überlebt hat. Was haben Sie besser gemacht als die andern?
Wir haben nichts besser gemacht, sondern profitierten von verschiedenen günstigen Voraussetzungen. So gibt es in Schaffhausen mit dem Medienhaus Meier einen sehr dominanten Player, dem die «Schaffhauser Nachrichten», das regionale Fernsehen, Radio Munot und einige Landzeitungen gehören. Das weckt das Interesse für eine andere Stimme, die nicht im Besitz dieses Konglomerats ist. Ein weiterer Vorteil ist die klar rechtsbürgerliche Ausrichtung der «Schaffhauser Nachrichten». Sie lässt Raum für einen Gegenpol wie die «AZ».

Die «Schaffhauser Nachrichten» gehört auch einem unabhängigen Verlag. Wie ist die Zusammenarbeit?
Als wir noch unsere gemeinsame Druckerei besassen, gab es mehr und vor allem regelmässige Kontakte, weil ich zum Beispiel mit dem früheren «SN»-Verleger Norbert Neininger im Verwaltungsrat sass und man nach den Sitzungen jeweils noch zum Essen ging.

«Wir sind schon seit einiger Zeit keine Parteizeitung mehr»

Wie fest ist Ihre Zeitung heute noch mit der SP verbunden?
Wir sind schon seit einiger Zeit keine Parteizeitung mehr, aber wir verstehen uns durchaus als linke Zeitung. Das gibt manchmal enttäuschte Erwartungen, aber ich glaube, dass auch die SP sieht, wie wichtig es ist, dass wir nicht mehr als Parteiblatt wahrgenommen werden.

Die Auflage der «AZ» beträgt rund 2300 Exemplare. Wie finanzieren Sie heute die Zeitung?
Seit vielen Jahren genügen die Inserate- und Aboerträge nicht mehr. Wir sind zum Überleben auf Spenden angewiesen. Zurzeit werden 15 Prozent unserer Einnahmen von einem Gönnerkreis von rund 150 Personen aufgebracht. Darunter hat es Leute, die Jahr für Jahr beträchtliche Summen spenden.

Kommen Sie an nationale Inserate?
Wir haben einige wenige überregionale Inserenten, die ihre Anzeigen bewusst in kleineren Blättern platzieren. Für die ganz Grossen sind wir auf Grund unserer Auflage schlicht nicht interessant.

Wie viele Leute beschäftigt die «AZ» heute?
Die Redaktion besteht aus sechs Personen, die je zu einem 60-Prozent-Pensum angestellt sind. Zum Team gehören ferner ein Fotograf, die Verkaufsleiterin (50-Prozent-Pensum) und meine Wenigkeit als Verlagsleiter (ebenfalls circa 50 Prozent). Nicht vergessen dürfen wir die beiden Freien, die abwechslungsweise das Korrektorat betreuen.

«Ich bin nur sehr ungern zurückgekommen»

Sie selber sind Historiker und seit 40 Jahren bei der «Schaffhauser AZ». Hatten Sie nie Abwanderungsgelüste?
Doch, sicher. Ich habe von 1995 bis 2000 am grossen Schaffhauser Kantonsgeschichtsprojekt mitgearbeitet und bin nach der Wahl von Hans-Jürg Fehr in den Nationalrat – er war bis 1999 Verlagsleiter – nur sehr ungern zurückgekommen.

Welches war für Sie der berufliche Höhepunkt in Ihrer 40-jährigen Tätigkeit?
Es gab mehr Tief- als Höhepunkte. Vor allem die dauernden finanziellen Sorgen waren eine grosse Belastung. Als Höhepunkt kann man die Solidarität vieler «AZ»-Fans bezeichnen, die uns immer wieder zu Hilfe kamen, sonst hätten wir schon vor 20 Jahren aufgeben müssen.

Die «AZ» pflegt einen pointierten und angriffigen Stil. Wie fest beeinflussen Sie den politischen Alltag in Schaffhausen?
Das müssten Sie die Redaktion fragen, deren Mitglied ich seit der Übergabe der Redaktionsleitung im Februar 2017 nicht mehr bin. Der heutige Stil der «AZ» wird auf jeden Fall wahrgenommen und gibt zu reden. Die überwiegende Mehrheit findet ihn gut, was auch die steigende Abozahl belegt. Es gibt aber auch andere Stimmen, wenn auch wenige, die das nicht goutieren und ihr Abo kündigen.


Und wie erwähnt feiert die «Schaffhauser AZ» am Freitag ihren ungewöhnlichen Geburtstag. Was steht auf dem Programm?

Wir feiern in der Kammgarn. Zuerst findet ein Fest mit geladenen Gästen statt, ab 22 Uhr gibt es ein Konzert mit den «Aeronauten», zu dem wir das breite Publikum einladen.

Ein Blick in die Zukunft: Wie lange kann die «AZ» so weitermachen – oder anders gefragt: Was sind für Sie die grössten Herausforderungen?
Wir werden weiterhin auf Spenden angewiesen sein. Im Klartext heisst das: Wir können so lange weitermachen, wie unsere kleinen und grossen Sponsoren unser Defizit decken.



Die «Schaffhauser AZ» (AZ steht für Arbeiterzeitung) erscheint jeweils donnerstags. Seit 1996 wird die Zeitung von der AZ Verlags AG herausgegeben. Der Verlag hat keine Verbindungen zu den AZ Medien von Peter Wanner.