Herr von Burg, der Presserat erhält vom Publikum zwar gute Noten, wird aber im Redaktionsalltag kaum wahrgenommen. Sind Ihre Bemühungen damit nicht völlig nutzlos?
Nein, sicher nicht. Der Presserat musste sich erst einmal etablieren, das ist namentlich unter meinen zwei Vorgängern Roger Blum und Peter Studer geschehen. Der Presserat ist heute bekannt. Trotzdem überrascht mich die Aussage der Studie nicht allzu sehr. Auch ich arbeite auf einer Redaktion, und bin mir deshalb bewusst, dass der Presserat formell nicht sehr präsent ist. Wichtig ist, dass wir unsere Arbeit fortführen. Schliesslich ist der beste Beweis für die Notwendigkeit des Presserats, dass das Publikum an uns appelliert.
Wie wollen Sie der fehlenden Relevanz des Gremiums in der Praxis konkret entgegenwirken?
Der Presserat muss zu den Redaktionen einen persönlichen Draht etablieren. Er muss die Verantwortlichen anhören um herauszufinden, weshalb die Wirkung des Presserats so gering ist. Durchaus möglich ist, dass wir dabei einige Überraschungen zu hören bekommen -- auch im positiven Sinne. Um dies zu erreichen, braucht es allerdings mehr Mittel. Der Presserat ist eine Milizorganisation und schon so stark ausgelastet. Wir erhoffen uns vom Einbezug der Verleger und der SRG, dass mehr Mittel frei werden, um diese Arbeit angehen zu können.
Müsste die Institution Presserat nicht auch Sanktionen aussprechen können, um mehr Einfluss zu erhalten?
Nein, das glaube nicht. Auch eine moralische Kraft wird beachtet. Denn es gefällt den Zeitungen nicht, wenn sie angeprangert werden -- auch wenn sie nicht immer dazu stehen. Vor allem aber gibt das Fehlen einer Sanktionsgewalt dem Presserat eine gewisse Freiheit, die er sonst wohl verlieren würde. Unsere Hauptaufgabe besteht doch darin, dass die Medien aufgrund unserer Arbeit medienethische Richtlinien entwickeln können. Hinzu kommt: Heute betrachtet das Publikum den Presserat als faires und fachkompetentes Gremium. In einer gerichtlichen Welt mit Sanktionen würde diese Einschätzung wohl weniger positiv ausfallen. Das wäre schade. Auch in formeller Hinsicht hätte die Einführung von Sanktionen Konsequenzen: Der Rat würde möglicherweise nicht mehr zur Mehrheit aus Journalisten bestehen, sondern aus Juristen.
Derzeit hat der Presserat vor allem eine Urteilsfunktion. Er nimmt Stellung zu Beschwerden, die eingegangen sind. Müsste das Gremium nicht stärker auch eine beratende Funktion einnehmen, der den Redaktionen und dem Publikum ad hoc in medienethischen Fragen zur Seite steht?
In der Praxis hat der Presserat diese Funktion bereits. Peter Studer hat regelmässig Fragen aus den Redaktionen beantwortet. Das ist bei mir noch nicht im selben Masse der Fall. Ich bin aber auch noch nicht sehr lange im Amt. Zugleich haben auch die Medienhäuser selber beratende Stellen eingebaut; bei Edipresse etwa gibt es einen Ombudsmann, der ziemlich aktiv ist. Noch stärker aber gefragt ist aus meiner Sicht eine beratende Funktion in einem breiteren Sinne. Der Presserat sollte nicht nur konkrete Fälle aufgreifen, sondern sich auch positionieren gegenüber Entwicklungen in der Medienlandschaft. Ich spreche dabei etwa vom wachsenden finanziellen Druck, der auf dezimierten Redaktionen lastet oder der zunehmenden Verrechtlichung der Medienarbeit. Hier muss sich der Presserat überlegen, wie er aktiver werden könnte. Mir liegt sehr viel daran, dass der Presserat vom Publikum und den Journalisten nicht nur als eine rügende Instanz angesehen wird, sondern auch als eine Instanz, die den medienethischen Diskurs fördert.
Der Presserat will also kein Gericht sein?
In diesem Sinne nicht, nein. Die Sanktion auf der wir bestehen müssen, ist die Veröffentlichung unserer Stellungnahmen. Hier müssen wir Fortschritte machen wie auch ganz generell in der Öffentlichkeitsarbeit. Sanktionen gerichtlicher Natur dagegen würden uns nicht weiter bringen.
Sie wollen die Verleger an Bord holen. Ist der Presserat falls es tatsächlich soweit kommt -- in medienethischen Fragen dann überhaupt noch glaubwürdig? Die Verleger sorgen doch dafür, dass die Redaktionen immer weniger gut bestückt sind und die Trennlinie zwischen kommerziellen und publizistischen Inhalten verwischt wird.
So einfach liegen die Dinge nicht. Ich glaube nicht an diese Art Schwarz-Weissmalerei. Vergessen Sie nicht: Die Verleger und die SRG haben die Erkärung der Pflichten und der Rechte des Journalistinnen und Journalisten angenommen, ohne Sie verändern zu wollen, wie manche befürchteten. Offensichtlich legt die Arbeitgeberseite Wert auf die Einhaltung unseres Berufskodex. Nehmen wir sie doch beim Wort! Dabei scheint mir ihr Interesse an diesem Kodex gar nicht abwägig zu sein. Die Verleger wissen doch auch, dass niemand mehr die von ihnen veröffentlichen Informationen abkaufen würden, wären sie nicht glaubwürdig. Grundsätzlich haben die Verleger dasselbe medienethische Interesse wie die Journalisten.
Besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass sich die Vertreter der Journalistenverbände und die Verleger dauernd in die Haare geraten?
Liegen sich die Verleger und die Berufsverbände "in den Haaren", wie sie sagen, hat dies mit wirtschaftlich-sozialen Faktoren zu tun, und nicht mit der Berufsethik. Doch warum sollten wir uns von offen ausgetragenen Konflikten fürchten, wie sie möglicherweise im Rahmen des Stiftungsrates "Presserat" stattfinden könnten? Im Gegenteil glaube ich an die Tugend von fairen Auseinandersetzungen, wenn man sich über den Rahmen einig ist, wie das hier der Fall wäre. In diesem Sinn meine ich, dass eine Einbindung der Arbeitgeberseite in die Stiftung "Presserat" dem sozialen Dialog eher förderlich sein wird.
(Interview: David Vonplon)