Herr Hartmeier, ist der Abgang Nicos für Sie persönlich der grösste Rückschlag seit Sie Chefredaktor des Tages-Anzeigers sind?
Der Weggang Nicos ist in kommerzieller Hinsicht kein grosser Rückschlag, da er sich nicht stark auf die Auflage auswirken dürfte. Für mich persönlich aber, wie auch im Hinblick auf die Redaktionskultur, ist Nicos Wechsel zum Blick tatsächlich die grösste Enttäuschung, seit ich der Redaktion des Tages-Anzeigers vorstehe.
Wie hoch bemessen Sie den Schaden für den Tages-Anzeiger?
Anfangs befürchtete ich, dass nun eine Welle von Abo-Abbestellungen auf uns zukommt. Doch bis heute ist diese ausgeblieben, es gab nur wenige Reaktionen und kaum Abo-Kündigungen. Die Resonanz des Weggang Nicos ist auch in keiner Weise mit jener vergleichbar, die Nicos SVP-Karikatur im vergangenen Oktober ausgelöst hatte. Damals, als ich Nico den Rücken gestärkt habe, gab es hunderte Reaktionen, sowohl aus dem Pro-, als auch aus dem Contra-Lager.
Wieviele Abo-Kündigungen sind schon eingegangen?
Es haben noch keine 10 Leserinnen und Leser Ihr Abo abbestellt.
Mit wievielen Abo-Kündigungen rechnen Sie?
Ich hoffe, dass es nicht mehr als 10 sein werden. Aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich diese Zahl noch nicht kenne.
Nico soll es "ausgehängt" haben, seit die neue Unternehmensführung am Ruder ist...
Redaktion und Verlag des Tages-Anzeiger haben in enger Zusammenarbeit mit Martin Kall erreicht, dass der Tages-Anzeiger heute wieder eine rentable Zeitung ist. Mutiger Journalismus bedingt Rentabilität -- und dies hat bei uns eben viel mit Martin Kall zu tun. Die Angriffe auf Kalls Person sind in ihrem Ausmass nicht gerechtfertigt. Das sage ich, der ich mit Kall so oft Auseinandersetzungen habe, wie wohl kaum jemand sonst in unserem Haus. Tatsächlich diskutiere ich sowohl mit Hans Heinrich Coninx und Martin Kall als auch mit meinen Kollegen in der Redaktion und im Verlag über Defizite in unserer Unternehmenskultur. Solche Debatten brauchen aber Standfestigkeit. Kündigungen bringen uns nicht weiter.
Nicos Weggang bestätigt viele Leserinnen und Lesern wohl trotzdem in ihrem Eindruck, dass der Tagi links und sozial schreibt, auf Unternehmensebene aber knallhart dem Shareholder-Value huldigt.
Nur eine Zeitung die rentiert, kann sich einen unabhängigen Journalismus leisten. Ich bin seit zweieinhalb Jahren Chefredaktor, Martin Kall seit drei Jahren CEO. Als ich mein Amt begann, wusste ich, dass wir mit dem bestehenden Budget nicht mehr fortfahren konnten. Wir waren gezwungen, 15 Prozent unserer Kosten einzusparen und mussten Entlassungen aussprechen und Arbeitszeiten reduzieren. Dieser Schritt hatte aber letztlich zur Folge, dass der Tages-Anzeiger heute wieder investieren kann. Und dass wir vor mächtigen Inserenten nicht Angst haben müssen. Ich kann heute sowohl zu den materiellen Rahmenbedingungen stehen wie auch zu den publizistischen. Und vergessen Sie nicht: Der Tages-Anzeiger besteht nicht nur aus Martin Kall und mir. Es gibt auch den Verleger Hans Heinrich Coninx, dem es ein grossen Anliegen ist, dass der Tages-Anzeiger seine publizistische Rolle ausspielen kann.
Wie hat Ihre Redaktion auf die Demission Nicos reagiert?
Es gibt Situationen, da sind Sie als Chef einfach in einer Verliererposition. Der Weggang Nicos ist so eine. Ich kann derzeit noch so viele Argumente einbringen, sie werden mich doch nicht vollumfänglich entlasten. Traurig stimmt mich dabei, dass Nico weder mit mir noch mit anderen Vertrauten der Redaktion über seinen Weggang gesprochen hat. Ich habe von Fernseh-Journalisten erfahren, dass Nico gekündigt hat. Gerade angesichts der guten Unternehmenskultur beim Tages-Anzeiger hat mich diese Vorgehensweise von Nico verletzt.
Wer kommt nun als Nachfolger für Nico in Betracht?
Mit Felix Schaad verfügen wir glücklicherweise über einen Zeichner, der Nachfolger von Nico werden kann. Ich werde mit ihm Gespräche führen, in welcher Form wir die Zusammenarbeit künftig gestalten wollen. Ob wir noch weitere Karikaturisten engagieren werden, ist derzeit noch offen.
Welche Auswirkungen hat die Abwerbung Nicos auf das Klima zwischen den Verlagshäusern Ringier und Tamedia?
Dass Ringier von uns Persönlichkeiten abwirbt, ist "Part of the Game". Es berührt das Klima zwischen den beiden Verlagen nicht.
Werden auch Sie versuchen, fortan vermehrt Blick-Mitarbeiter abzuwerben?
Ich bin immer auf der Suche nach neuen guten Journalisten, sei dies in anderen Zeitungen, Zeitschriften oder elektronischen Medien. Dabei lasse ich mich ganz bestimmt nicht von Rachegedanken leiten.