Der Strukturwandel in der Medienbranche scheint einen neuen Höhepunkt erreicht zu haben. Die NZZ ist daran, ihre Konvergenz- und Paywall-Strategie umzusetzen und Tamedia liebäugelt ebenfalls damit, bald Geld fürs Online-Angebot zu verlangen. Doch nicht nur in der Schweiz, auch im Ausland brechen den Verlagshäusern Einnahmen weg und man versucht, diese Mindereinnahmen anderweitig hereinzuholen. Von welchen Verlagen kann man sich auf der Suche nach dem künftigen Geschäftsmodell eine Scheibe abschneiden? Und welche Ideen geisterten in den Köpfen herum, wurden aber nie realisiert? persoenlich.com hat sich am Swiss Media Forum in Luzern umgehört:
Patrik Müller, Chefredaktor Sonntag
"Ich hätte gerne das iPad erfunden, aber es ist leider die Erfindung eines anderen. Klar, alle suchen jetzt nach einem zukunftsträchtigen Modell, doch die Lösung hat bisher niemand gefunden. Auf den mobilen Geräten sind die Leute durchaus bereit für Inhalte zu bezahlen, sie sind es sich gewohnt, denn auch für Sms oder Apps zahlen sie. Doch Geld zu verlangen für Inhalte, die über den Desktop abgerufen werden, wird sehr schwierig werden, weil sich die Leute gewohnt sind, diese gratis zu bekommen. Für den "Sonntag" hatte ich einmal eine etwas verrückte Idee. Ich dachte, dass wir doch jedem Abonnenten einen Billig-iPad schenken könnten, solche, die in Indien für 35 Dollar verkauft werden. Wenn wir allen Sonntag-Abonnenten einen solchen iPad schenken, so dachte ich mir, hätten wir die grösste iPad-Leserschaft von ganz Europa. Aber ich musste dann realisieren, dass diese Idee zu utopisch gewesen ist."
Roger Schawinski, Besitzer Radio 1
"Es herrscht grosse Ratlosigkeit. Man merkt den Wandel, aber dabei, wie man den Wandel für sich nutzen kann, herrscht viel Trial und Error. Ich habe beispielsweise die "New York Times" online abonniert und ich zahle dafür, soviel ich weiss, 19.90 Dollar pro Monat. Aber wie viele Zeitungen von dieser Qualität gibt es weltweit? Ausser der "New York Times" kommt mir jedenfalls keine andere in den Sinn, für die ich ein solches Online-Abo lösen würde. In diesem Sinne glaube ich nicht, dass die "New York Times" für andere Zeitungen ein Modell sein kann. Mein Sohn gehört zu einer anderen Generation, die meint, das Internet müsse gratis sein. Bei der NYT arbeiten 1'250 Journalisten. Dafür bin ich auch bereit, etwas zu zahlen. Aber alles darunter, muss gratis sein. Welche eigene kreative Idee ich verworfen habe? Ich habe meistens den Drang, Ideen zu verwirklichen. Zum Beispiel hatte ich vor x Jahren einmal die Idee, Opus Radio, einen Radiosender mit klassischer Musik zu gründen. Ich wusste, ein solcher Sender hat nur eine kleine Zielgruppe. Ich habe das Projekt auch nicht in erster Linie aus kommerziellen Gründen verfolgt, sondern, weil ich es wertvoll fand und selber sehr gerne klassische Musik höre. Fazit: Begeisterung reicht nicht, am Schluss muss auch noch die Rechnung stimmen. Zudem haben wir auch keine Luftfrequenz bekommen, weil Herr Ogi damals sagte, es sei keine einzige mehr verfügbar, obwohl in der Zwischenzeit hunderte von Frequenzen gefunden und eingesetzt wurden und bald jedes Provinzradio über zwanzig Lokalfrequenzen verfügt. Das Projekt wurde also auch wegen politischen Gründen abgeklemmt. Heute weiss ich, man darf nicht versuchen Hobbys auch wenn sie gut gemeint sind ohne die wirtschaftliche Lage in Betracht zu ziehen, umzusetzen. Helmuth Thoma, der damalige Chef von RTL, hat zu mir gesagt: "Wenn Sie gern klassische Musik hören, machen Sie es doch zuhause, aber gründen Sie keinen Sender." Ich fand die Aussage damals grässlich. Aber leider war sie richtig."
"Es herrscht grosse Ratlosigkeit. Man merkt den Wandel, aber dabei, wie man den Wandel für sich nutzen kann, herrscht viel Trial und Error. Ich habe beispielsweise die "New York Times" online abonniert und ich zahle dafür, soviel ich weiss, 19.90 Dollar pro Monat. Aber wie viele Zeitungen von dieser Qualität gibt es weltweit? Ausser der "New York Times" kommt mir jedenfalls keine andere in den Sinn, für die ich ein solches Online-Abo lösen würde. In diesem Sinne glaube ich nicht, dass die "New York Times" für andere Zeitungen ein Modell sein kann. Mein Sohn gehört zu einer anderen Generation, die meint, das Internet müsse gratis sein. Bei der NYT arbeiten 1'250 Journalisten. Dafür bin ich auch bereit, etwas zu zahlen. Aber alles darunter, muss gratis sein. Welche eigene kreative Idee ich verworfen habe? Ich habe meistens den Drang, Ideen zu verwirklichen. Zum Beispiel hatte ich vor x Jahren einmal die Idee, Opus Radio, einen Radiosender mit klassischer Musik zu gründen. Ich wusste, ein solcher Sender hat nur eine kleine Zielgruppe. Ich habe das Projekt auch nicht in erster Linie aus kommerziellen Gründen verfolgt, sondern, weil ich es wertvoll fand und selber sehr gerne klassische Musik höre. Fazit: Begeisterung reicht nicht, am Schluss muss auch noch die Rechnung stimmen. Zudem haben wir auch keine Luftfrequenz bekommen, weil Herr Ogi damals sagte, es sei keine einzige mehr verfügbar, obwohl in der Zwischenzeit hunderte von Frequenzen gefunden und eingesetzt wurden und bald jedes Provinzradio über zwanzig Lokalfrequenzen verfügt. Das Projekt wurde also auch wegen politischen Gründen abgeklemmt. Heute weiss ich, man darf nicht versuchen Hobbys auch wenn sie gut gemeint sind ohne die wirtschaftliche Lage in Betracht zu ziehen, umzusetzen. Helmuth Thoma, der damalige Chef von RTL, hat zu mir gesagt: "Wenn Sie gern klassische Musik hören, machen Sie es doch zuhause, aber gründen Sie keinen Sender." Ich fand die Aussage damals grässlich. Aber leider war sie richtig."
Andres Büchi, Chefredaktor Beobachter
"Sehr irritierend ist doch dieser heftige Streit bei Spiegel über die Ausrichtung von "Spiegel" und Spiegel Online. Dies zeigt doch, dass niemand die richtige Strategie gefunden hat! Beim "Beobachter" haben wir den Vorteil, dass wir zweigleisig fahren. Wir verfügen zum einen über ein Journalistenteam mit grosser Recherchekompetenz, zum anderen haben wir ein Ratgeberteam, das verschiedene Beratungsdienstleistungen anbietet. Wir werden online den Ratgeberteil noch stärker in den Vordergrund stellen und sind daran, zu einer bedeutenden Online-Plattform für Hilfeleistungen zu werden. Den journalistischen Teil haben wir vor drei Jahren mit dem neuen Printprodukt "Beobachter Natur" ausgebaut. Und wir wollen auch Fernsehen machen. Wir können uns vorstellen, Ratgeber-Sendungen zu produzieren, die unsere Beratungsdienste konkret in kurzen TV-Sendungen aufzeigen. Wie diese ausgestaltet sind und wo diese ausgestrahlt werden, muss sich aber erst noch zeigen. Ich selber habe eine gewisse Zeit lang Videokommentare gemacht, also vor der Kamera kurz erklärt, was in der nächsten Beobachter-Ausgabe zu lesen ist. Diese Kurzkommentare habe ich nun aber wieder gestoppt, das hat sich nicht gelohnt."
Werner de Schepper, stv. Chefredaktor Aargauer Zeitung
"Bei den AZ Medien spürt man, dass sie zukunftsträchtig sind. Deshalb schauen plötzlich alle nach Aarau. Abgesehen davon, glaube ich an folgendes Modell: Lokal und Social Media gleichzeitig. Aber Social Media soll nicht nur virtuell, sondern immer auch real sein. Wenn ich irgendwo bin, finde ich es immer spannend zu sehen, dass Social Media erst wirklich funktioniert, wenn man real vor Ort ist, sonst kann man diese Kanäle nicht sinnvoll nutzen. Ich versuche immer die Ideen, die ich habe, auch zu verwirklichen. Aber klar, immer geht das nicht. Ich finde etwa, der Newsroom sollte auch ein Coffeeroom und gleichzeitig eine Beiz sein. Das konnten wir bis jetzt aber tatsächlich noch nicht verwirklichen. Bei uns ist das gute Restaurant des Verlegers oben in der Stadt und wir sind im Newsroom unten im Industriegebiet. Diese beiden Institutionen müssten viel näher beisammen sein."
"Bei den AZ Medien spürt man, dass sie zukunftsträchtig sind. Deshalb schauen plötzlich alle nach Aarau. Abgesehen davon, glaube ich an folgendes Modell: Lokal und Social Media gleichzeitig. Aber Social Media soll nicht nur virtuell, sondern immer auch real sein. Wenn ich irgendwo bin, finde ich es immer spannend zu sehen, dass Social Media erst wirklich funktioniert, wenn man real vor Ort ist, sonst kann man diese Kanäle nicht sinnvoll nutzen. Ich versuche immer die Ideen, die ich habe, auch zu verwirklichen. Aber klar, immer geht das nicht. Ich finde etwa, der Newsroom sollte auch ein Coffeeroom und gleichzeitig eine Beiz sein. Das konnten wir bis jetzt aber tatsächlich noch nicht verwirklichen. Bei uns ist das gute Restaurant des Verlegers oben in der Stadt und wir sind im Newsroom unten im Industriegebiet. Diese beiden Institutionen müssten viel näher beisammen sein."
Norbert Neininger, Chefredaktor und Verleger Schaffhauser Nachrichten
Natürlich müssen auch wir uns auch im Internet engagieren, deshalb haben wir bereits 1995 die Online Consulting AG gegründet, die inzwischen mit über 60 Mitarbeitern internetbasierte technische Lösungen anbietet und einen Zweigbetrieb in Polen hat. Das Unternehmen läuft sehr gut. In Schaffhausen haben wir ein kleineres Internet-Unternehmen, die Sobag und die Schaffhauser Nachrichten waren die erste Schweizer Tageszeitung mit einer Online - Ausgabe. Im Zeitungsbereich haben wir seit jeher auf Paid Content gesetzt und verfolgen amüsiert die etwas spät einsetzende Diskussion über die Einführung einer Paywall bei den grossen Zeitungen. Und mit unserer digitalen Sonntagszeitung SNamSo auf dem iPad beschreiten wir wiederum seit Ende letzten Jahres Neuland. Das gilt auch für das neuste neuste Engagement, ein Startup, das Facebook - Communities in Schwellenländern aufbaut. Und in den Social Media finden wir uns auch sonst ganz gut zurecht. Unser Geschäft ist und bleibt aber die Information, wir können den Menschen die Welt erklären und das Geschehen ordnen. Und darüber hinaus Geschichten erzählen. Alles basiert auf Vertrauen und Glaubwürdigkeit: Die Menschen vertrauen uns, weil sie aus Erfahrung wissen, dass es Verlegern um mehr als um hohe Renditen geht. Die Zeitung steht dabei noch immer im Zentrum, sie ist der Kompass, der den Weg durch den Mediendschungel weist. Ich bin also kein allzu grosser Freund von Diversifikationen. Der Weinverkauf oder das Weiterbildungsgeschäft mag manchem Verlag lukrativer scheinen als unser Kerngeschäft, eigentlich aber müssen wir einfach besser machen, was wir ohnehin tun. Und dies natürlich - auch auf anderen Plattformen. Ja, auch ich habe meine Enttäuschungen erlebt. So finde ich es schade, dass die news 1 AG Strategie- und Handwechseln bei den Partnern zum Opfer fiel. Und nach wie vor brauchen wir Verleger einen Thinkthank, in dem die innovativsten Köpfe unternehmensübergreifend über die Zukunft unserer Branche nachdenken können. Da geschieht viel in den Arbeitsgruppen des Verbandes und in den einzelnen Unternehmen, aber man könnte gemeinsam mehr tun. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Weder Google noch Twitter und schon gar nicht Facebook geht es um Aufklärung und Wahrheitssuche, das sind eiskalt rechnende Unternehmen, die nur ein Ziel habe: sie wollen an die Werbegelder, von denen wir leben. Da müssen wir uns besser wappnen.
Rund 340 Meinungsführer aus Medien, Kommunikation, Wirtschaft und Politik trafen sich am Donnerstag, 31. Mai und Freitag, 1. Juni im KKL Luzern zu einem zweitägigen Symposium. Auf dem Podium referierten zum Beispiel CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner, Swiss-CEO Harry Hohmeister, Katharina Borchert, Geschäftsführerin von Spiegel Online oder Annabelle Yu Long, die China-Chefin des Bertelsmann-Konzerns. Und als besonderer Gast: die "New York Times"-Chefredaktorin Jill Abramson (persoenlich.com berichtete).
Umfrage: Benedict Neff und Edith Hollenstein