01.05.2007

“Es ist bedauerlich, dass es in der Schweiz keinen Medienjournalismus mehr gibt!”

In der Schweiz gäbe es keinen richtigen Medienjournalismus mehr, sagt der ehemalige Medienpionier und Sat.1-Chef Roger Schawinski. Doch das soll sich nun ändern. Von jetzt an schreibt Schawinski für die Kommunikationszeitschrift “persönlich”-rot eine monatliche Medienkolumne, in welcher er in gewohnt pointierter Manier das mediale Geschehen kommentiert. Den Auftakt macht er in der heute erscheinenden Mai-Ausgabe. "persoenlich.com" hat mit Schawinski über seine neue Aufgabe gesprochen. Das Interview:
“Es ist bedauerlich, dass es in der Schweiz keinen Medienjournalismus mehr gibt!”

Roger Schawinski, Sie haben vor 20 Jahren für die SonntagsZeitung eine wöchentliche Medienkolumne verfasst, neu kommentieren Sie nun das mediale Geschehen für die Zeitschrift "persönlich". Was hat sich zwischenzeitlich geändert?

Alles. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten, um sich vor einer grösseren Öffentlichkeit zu äussern, ich denke beispielsweise an die Blogs im Internet. Wer keine Kolumne schreibt, gehört schon bald einer aussterbenden Minderheit an.

Wie hat sich der Medienjournalismus verändert?

In der Schweiz findet, im Gegensatz zu Deutschland, wo alle grossen Zeitungen eine tägliche Medienseite haben, praktisch kein Medienjournalismus mehr statt. Das finde ich sehr bedauerlich.

Woran liegt das?

Die Verleger sind der Ansicht, dass man mit der Einstellung der Medienberichterstattung Geld spart. Zum zweiten ist der Medienmarkt in der Schweiz mit nur einem nationalen Fernsehen auch viel eintöniger und weitaus langweiliger als in Deutschland. Ohne Medienvielfalt eben keinen Medienjournalismus. Er ist damit ein weiteres Opfer das SRG-Monopols.

Kurt W. Zimmermann hat in der Weltwoche ein wöchentliche Medienseite...

Zimmermann ist in diesem Metier zurzeit als Einzelmaske tätig. Das tut er meist mit viel Witz und Sachverstand. Keine Monopolstellung gibt jedoch Anlass zur Freude.

Bei welchen Themen sind Sie befangen?

Es gibt nur wenige Themen, vor denen ich zurückschrecke.

Beispielsweise?

Spontan fällt mir keines ein. Ich bin einer der am wenigsten befangenen Menschen, die ich kenne. (lacht).

Wie ist heute Ihr Verhältnis zu den Schweizer Grossverlagen?

Ich bin mit allen wichtigen Exponenten der Branche freundschaftlich verbunden. Mit denen einen mehr, mit anderen weniger.

Betrachten Sie jetzt die Schweizer Medienszene vom Ausland aus anders als früher?

Von aussen erkennt man, wie begrenzt der Schweizer Medienmarkt ist. Ein bisschen mehr Ehrgeiz täte den meisten Schweizer Medien gut. Ich denke dabei an alle Genres. Die Schweizer Journalisten sind oftmals zu schnell zufrieden, mit dem, was sie anzubieten haben.

Sie schreiben momentan ein Buch über das deutsche Privatfernsehen. Gibt dies eine Abrechnung mit Ihrem alten Arbeitgeber?

Nein, dazu gibt es nicht die geringste Veranlassung. Ich hatte eine wunderbare Zeit bei Sat.1. Es ist eine teils lustvolle, teils analytische Darstellung dieser wichtigen Branche, geschrieben aus einer subjektiven Perspektive. Während den letzten Monaten habe ich wieder entdeckt, wie gerne ich mich schriftlich ausdrücke. In den vergangenen drei Jahren habe ich nur SMS und Mails geschrieben, war also sozusagen auf Entzug. Dies hole ich jetzt nach.

Vermissen Sie das Fernsehen?

Noch immer hole ich mir jeden Morgen als erstes die Quoten. Was ich vor allem vermisse, sind die Menschen, mit denen ich gearbeitet habe.

Haben Sie bereits ein neues Projekt?

Es gibt einige Ideen. Aber diese gehe ich bewusst langsam an. Momentan habe ich keine Lust, mich wieder sofort mit ganzer Kraft in ein neues Projekt zu stürzen. Zur Zeit geniesse ich vor allem die Freiheit.“

Und eine Rückkehr in die Schweiz?

Zürich ist unsere Heimat. Die Frage ist nicht ob, sondern wann wir zurückkehren. Ich glaube, dies kann schon sehr bald sein.


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