"Es ist der richtige Moment für den Rücktritt!"

- Am Mittwoch morgen hat Roger Schawinski seinen Rücktritt als Sat.1-Chef bekanntgegeben, dies obwohl seine Sendergruppe momentan in Verkaufsverhandlungen steckt. Im Interview mit "persoenlich.com" erläutert er, was ihn zu diesem überraschenden Schritt bewogen hat.

Herr Schawinski, Ihr Rücktritt heute morgen kommt sehr überraschend. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Als ich 2003 dieses Amt antrat, wollte ich ursprünglich nur zwei Jahre bleiben. Im letzten Sommer habe ich nochmals verlängert. Jetzt wäre der Moment gekommen, um weitere zwei Jahre zu verlängern. Ich hatte aber nicht die Lust, soweit in die Zukunft zu planen. Da ich keine „lame duck“ sein wollte, habe ich nun meinen Rücktritt auf Ende Jahr angekündigt.

Trotzdem ist der Moment ungünstig, da ProSiebenSat.1 momentan in Verkaufsverhandlungen steckt...

Ich habe meinen Entscheid gefällt, als ich noch nicht wusste, dass sich ProSiebenSat.1 jetzt erneut in Verkaufsverhandlungen befindet. Diese zeitliche Koexistenz ist rein zufällig. Ich wollte mich dadurch auch nicht dem Zwang aussetzen, deswegen den Vertrag verlängern zu müssen. Mit Matthias Alberti, der bis jetzt mein Stellvertreter war, wird eine Persönlichkeit Sat.1 leiten, die auch für Kontinuität garantiert.

Gab es ein Schlüsselerlebnis für diesen Schritt?

Nein, obwohl ich mir diesen Schritt nicht leicht gemacht habe. Ich hatte grosse Jahre in Berlin und habe dabei auch sensationell viel erlebt. Ich habe den Sender praktisch bei Break Even übernommen und konnte allein in den ersten Monaten 2006 einen Gewinn von 127 Mio. Euro erwirtschaften, das ist nochmals 46 Prozent mehr als im Vorjahr. Diesbezüglich habe ich meine Ziele erreicht. Ich glaube wirklich, dass jetzt der richtige Moment gekommen ist, um zurückzutreten. Bedauerlich ist nur der Abschied von meinem Superteam. Aber als Berater bleibe ich mit meinen Mitarbeitern auch in Zukunft in Kontakt...

Sie wollen wirklich Berater werden...

Ja, ich weiss, das tönt sonderbar. Eigentlich bin ich als Macher geboren und nicht als Berater. Ich habe in meinem beruflichen Leben viele Reinkarnationen erlebt: So wurde ich vom Piraten zum Unternehmer und dann zum Chefangestellten eines grossen Medienkonzerns in Deutschland, und jetzt also zum Berater.“

In Ihrem Communique ist von neuen beruflichen Plänen die Rede. Dies ist wohl kaum diese Beratertätigkeit?

Nein, überhaupt nicht. Der Beraterjob ist nur eine Übergangstätigkeit.

Was heisst das konkret? Haben Sie auch Pläne in der Schweiz?

Ich kann noch keine konkretere Antwort geben. Ich habe diesen Entscheid auch unabhängig von weiteren beruflichen Optionen gefällt. Tatsache jedenfalls ist, dass ich mit meiner Familie vorderhand in Berlin bleibe. Meine Frau Gabriella macht momentan ein Studium an der Freien Universität. Bei mir laufen die Sachen immer anders ab: es ist -- glaube ich -- auch das erste Mal, dass ein deutscher Senderchef freiwillig zurücktritt. In der Regel wird er geschasst oder wegbefördert.

In letzter Zeit waren Ihre Zuschauerzahlen nur suboptimal. Hat dies Ihre Entscheidung auch beeinflusst?

Nein, überhaupt nicht. Solche Zahlenschwankungen sind im Fernsehbusiness üblich, das ändert sich manchmal rasend schnell. Eine einzige tolle Sendungen kann alles umkrempeln. Übers Jahr sieht es unter Einbezug der Fussball-WM ganz gut aus. Auch unser Hauptkonkurrent RTL hat momentan mit Einbrüchen zu kämpfen. Ich habe aber im Hinblick auf das nächste Jahre ein paar Massnahmen getroffen, damit sich dies wieder verbessern wird.

Mit Nik Niethammer und Anna Maier befinden sich noch zwei weitere Schweizer bei Sat.1. Wird sich für die Beiden durch Ihren Rücktritt etwas ändern?

Nein, Nik hat im Sommer noch einen mehrjährigen Vertrag unterschrieben. Und Anna, die bekanntlich von meinem Nachfolger Matthias Alberti entdeckt wurde, hat jetzt noch eine engere Chefbeziehung als zu mir.