"Es ist Zeit, über den ethischen Aufpreis von Red Bull nachzudenken"

DOK - Helmar Büchel über seinen reisserischen Film, der am Mittwoch auf SRF 1 läuft.

Herr Büchel, Sie haben einen Dokumentarfilm über den Getränkegiganten Red Bull gedreht. Was gab für Sie den Anstoss, dieses Thema zu behandeln?
Eine von Red Bull gesponserte Motorrad-Stuntshow in Hamburg mit gefährlichen Stürzen.

Der Titel lautet "Die dunkle Seite von Red Bull". Das klingt nach illegalen Machenschaften. Was werfen Sie dem Energydrink-Hersteller vor?
Es geht nicht um formale Rechtsverstösse, sondern um Information und letztlich auch um Moral. Um die Frage: Wie weit darf Produktmarketing gehen? Die meisten von uns kennen die atemberaubende Extremsport-Show, die Red Bull mit einem Milliardenaufwand inszeniert. Die Unfälle, die Todesfälle in diesem riskanten Zirkus spielen sich aber – auch wegen der Marktmacht von Red Bull im Medienbereich – eher im Schatten ab.

Hinter Red Bull steckt eine gigantische Marketing-Maschinerie. Ein Drittel des Umsatzes, über eine Milliarde Euro, fliesst ins Sponsoring, in Events, in Werbemassnahmen. Und, wie sie herauszustreichen versuchen, in die Finanzierung von halsbrecherischen Aktionen. Übt Red Bull Ihrer Meinung nach zu viel Druck auf Sportler aus?
In den Todesfällen, die ich recherchiert habe, liegt das nahe. Wobei der Druck indirekt ausgeübt wird. Da steht niemand von Red Bull mit einer Pistole hinter einem Base-Jumper. Das läuft über die Millionenverträge, die zunächst für die Athleten ja etwas tolles sind, die aber auch – wenn diese Athleten im Geschäft bleiben wollen – dafür sorgen, dass ihre Stunts für die Werbekampagnen von Red Bull immer waghalsiger, immer spektakulärer werden müssen.

Sie haben sechs Todesfälle im Zusammenhang mit der Red-Bull-Werbung recherchiert – darunter auch Ueli Gegenschatz. Sind das nicht, so hart es klingt, schlicht Arbeitsunfälle gewesen?
Mag sein. Aber jede Firma trägt eine zumindest moralische Mitverantwortung für Unfälle ihrer Mitarbeiter, oder nicht? Bei den ausgebeuteten Näherinnen unserer Hemden in Bangladesch hat sich diese Erkenntnis schon durchgesetzt. Und wenn sich bei einem chinesischen Apple-Zulieferer Selbstmorde in der Fabrik häufen, wird im Westen öffentlich gefragt, ob der Druck dort zu hoch ist. Das sollte doch erst recht so sein, wenn das Todesrisko quasi Teil der Jobbeschreibung ist. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir alle über diesen ethischen Aufpreis von Red Bull nachdenken.

Im Film nimmt der Schweizer Werber Hermann Strittmatter von der Agentur GGK zu den Marketingmassnahmen Stellung. Er sagt: "Es ist schändlich, es ist sogar noch ein Mangel an Kreativität und Fantasie, wenn man am Schluss im Marketing nichts mehr Besseres weiss, als die Leute das Leben riskieren zu lassen." Wie sind Sie auf Strittmatter gekommen?
Durch die Online-Lektüre von Schweizer Zeitungen.

Wie würden Sie insgesamt das Marketing-Konzept des österreichischen Weltkonzerns beschreiben?
Skrupellos und extrem erfolgreich.

Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz tritt in den Medien kaum auf. Auch Ihre Interviewanfrage wurde abgelehnt. Mit welcher Begründung?
Dass sich Herr Mateschitz dazu nicht äussern wolle – im Fernsehen schon gar nicht.

Mateschitz sagte in einem Interview: "Die grösste Gefahr für ein Markenprodukt ist geringes Interesse." Über ihn und die Firma weiss man wenig, trotz grossem Interesse. Wie das?
Weil er es als genialer Vermarkter schafft, das Interesse auf die Marke zu lenken und nicht auf die Macher.

Marken wie Red Bull unterstützen Aktivitäten im Extremsport-, im Party- oder Kulturbereich. Werden dabei nicht auch Personen und Events gesponsort, die sonst auf der Strecke blieben? Hat das viele Marketinggeld nicht auch einen sehr positiven Effekt?
Natürlich. Das sagt ja auch der Titel. Nur: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Wichtig ist eben, dass wir alle um diesen Schatten wissen.

Was hatten Sie für Reaktionen auf den Film?
Heftige. Von Beschimpfungen bis zu überschwänglichem Lob. Auch heimlicher Zuspruch von aktiven Red Bull Athleten. Es war alles dabei. Das ist für einen Regisseur ideal. Ich will ja nicht, dass alle meiner Meinung sind, ich will eine Diskussion anstossen. In den Online-Portalen der Sender gehört der Film zu den meistgesehenen Dokumentarfilmen – das lässt mich hoffen, dass das gelingt.

Woran arbeiten Sie zurzeit?
An einem Dokumentarfilm über Salafisten in Europa.

Fragen: Seraina Etter//Bild: zVg

Der Film "Die dunkle Seite von Red Bull" wird am Mittwoch um 22:55 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.