"Es tut mir leid, aber die Sendungen TalkTäglich, Lifestyle und SonnTalk kriegt man einfach nicht tot"

- TeleZüri-Chefredaktor Markus Gilli wurde vom Branchenmagazin "Schweizer Journalist" zum Lokaljournalisten des Jahres gekürt. "Macht aus kleinen Budgets ein anständiges Programm und erregt über die Grenzen Zürichs hinweg Aufsehen", lobt ihn die Jury. "persoenlich.com" traf den SonnTalk-Gastgeber zum Gespräch. Warum Gilli am Programm von TeleZüri möglichst wenig ändern will, welche Rolle er gegenüber SVP-Politikern gerne einnimmt und was er von den Konzessionsgesuchen der Konkurrenz hält, erzählt der passionierte Fernsehmann im Interview. Zur Story:

Herr Gilli, Sie wurden vom "Schweizer Journalist" zum Lokaljournalisten des Jahres gewählt. Mit was konnten Sie die Jury mehr überzeugen: Mit Ihrer Qualität als Programmleiter oder Ihrem Interviewstil?

Es war wohl der Mix. Ich fühle mich auf jeden Fall sehr geehrt. Roman Kilchsperger sagte einmal, dass man sich aus dem Geschäft zurück ziehen sollte, wenn man zu solchen Ehrungen kommt. Ich hoffe, dass der Preis nicht so verstanden wird.

Ihre Sendungen müssen inhaltlich nicht den Vergleich mit dem Schweizer Fernsehen scheuen. Stört Sie der Titel "Lokaljournalist des Jahres" nicht?

Was heisst lokal schon? Wir senden mittlerweile für 2.7 Millionen Menschen im Grossraum Zürich und den angrenzenden Regionen . Am Dienstag wurden wir in 105’000 Haushaltungen in der Zentralschweiz aufgeschaltet. Lokal versteht sich also relativ. Zudem kam ich bei der nationalen Wahl auf Platz 3. Auch dies hat mich ausserordentlich gefreut.

Lokaljournalismus hat also für Sie nichts abwertendes.

Überhaupt nicht. Ich will auch nicht die Edelfeder sein mit dem kleinen Spezialgebiet . Das würde nicht meiner Mentalität entsprechen.

War das nie Ihr Ziel?

Nein. Für eine Stelle als USA-Korrespondent hätte ich aber vielleicht die lokale Ebene verlassen .

Viele Ihrer ehemaligen Tele Züri Kollegen arbeiten heute beim Schweizer Fernsehen. Reizte Sie Leutschenbach nie?

Es gab einmal einen Kontakt. Ich war aber hier immer sehr glücklich. Ich wollte immer etwas positives bewirken, fühle hier täglich den Puls der Zeit und darf mit grossartigen Menschen zusammenarbeiten. In gemachte Betten fühle ich mich nicht wohl. Der tägliche harte Fight in den privaten Medien entspricht mir. In der schnellebigen Medienwelt weiss ich aber auch: Never say never.

Würden Sie den Job als Videojournalist nach wie vor als Traumberuf bezeichnen?

Die Arbeit als VJ ist ein unglaublicher Knochenjob. Aber ich zähle den Videojournalisten zu den spannendsten Berufen der Gegenwart und Zukunft. In den elektronischen Medien sind die Zeiten vorbei, als man noch mit drei Leuten zusammen Beiträge realisieren konnte. Die Entwicklung im Fernsehen schreitet in einem rasanten Tempo voran. Vor zwanzig Jahren erachteten wir es als unmöglich, dass eine Person alles machen könne. Die technische Entwicklung lässt dies heute aber zu. Die Konvergenz ist spürbar.

Was sagen Sie jungen Journalisten, die bei Tele Züri VJ werden wollen?

Do it! Als ich hier anfing, sagte man mir, dass man den Job als VJ höchstens 2-3 Jahre ausüben könne . Danach sei man ausgebrannt. Aber die Bedingungen sind heute besser. Wir haben einen nachhaltigen Weg entwickelt.

Als Zuschauer habe ich den Eindruck, dass Tele Züri sich in den letzten Jahren nicht verändert hat. Täusche ich mich?

Ich erachte dies als Kompliment. Wir müssen eine Nische im gesamten TV-Markt pflegen, denn ehrgeizige Projekte wie Tele 24 und TV3 sind heute in der Schweizer Fernsehlandschaft leider Mahnmale. Deshalb konzentrieren wir uns nur auf die Kernkompetenz und das sind News, Talk und zwei Magazine – dies aber professionell und in hoher Qualität. Der Markt gibt bedingt durch eine verfehlte Medienpolitik nicht mehr her.

Aber hätte man nicht neue News-Gefässe entwickeln können?

Wir haben unsere News-Gefässe ständig entwickelt. Beispielsweise ZüriInfo mit Serien und grossen Reportagen. Was erfolgreich ist, lassen wir im Programm. Die Leute wollen das. Es tut mir leid, aber die Sendungen TalkTäglich, Lifestyle und SonnTalk kriegt man einfach nicht tot. Man könnte natürlich alles hinterfragen und auf den Kopf stellen, aber nach einen halben Jahr würden wir da stehen und die Änderungen bereuen. Tödlich wäre für Tele Züri, wenn wir aus dieser Stundenschlaufe ausbrechen würden. Das ist unsere Lebensversicherung. Die Entwicklung bei TeleZüri ist enorm, weil wir an den Inhalten der Sendungen intensiv arbeiten.

Ihre Philosophie ist also “Never change an winning Horse”.

Ja genau und das Pferd ist verdammt schnell und gut im Futter!

Als Programmleiter müssen Sie sich auch mit den Finanzen beschäftigen. Kommen Sie als Vollblutjournalist damit klar?

Das ist heute das Anforderungsprofil eines Chefredaktors. Kaderjobs im Journalismus haben immer weniger mit Journalismus sondern mit Management zu tun. Ich definiere mich aber immer noch als Journalist und kämpfe täglich für diesen Freiraum.

Ist ein Journalist, der die Kosten im Griff haben muss, ein besserer Journalist?

Kosteneffizient und Qualität beissen sich nicht. Wir haben knappe Budgets und die Qualität leidet trotzdem nicht. Irgendwann ist aber natürlich die Zitrone ausgepresst, weil man mit fünf Leuten unmöglich ein qualitativ akzeptables Fernsehen machen kann.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Regime Schawinski und Regime Gilli?

(lacht) Die beiden Regimes kann man nicht vergleichen, weil es sich um verschiedene Epochen handelt. Roger Schawinski war getrieben von Pioniergeist. Er wäre der Typ von Pilot, der den Steuerknüppel beim Start und bei der Landung in die Hände nimmt. Die Reisflughöhe über dem Atlantik ist für ihn eher langweilig. Ich bin auch auf der Reiseflughöhe sehr beharrlich. Ich bin sehr dankbar, dass ich auch in der grossen Pionierphase im Cockpit sitzen durfte.

Sie sind als Interviewer geschätzt aber auch gefürchtet. Wie gehen Sie an Interviews heran?

Ohne Vorurteile , neugierig, wach, kritisch und mit einem hohen Interesse am Menschen in seiner Vielschichtigkeit. Gefallenen und gestrandeten Menschen gebe ich nicht den Todesstoss – Respekt ist mir wichtig. Ich will meine Gäste auch aus der Reserve locken und spiele deshalb als Interviewer eine Rolle.

Erklären Sie das.

Meine persönliche Meinung hat in den Interviews nichts zu suchen. Ich passe mich meinem Gegenüber an. Wenn Vertreter der SVP vor mir sitzen, dann spiele ich die Rolle der SP. Ich bin immer der Antipode. Aber nicht auf Teufel komm raus – Faktengenauigkeit ist mir enorm wichtig. Ich würde niemals mit Unterstellungen arbeiten, die keinen Bezug zur Wahrheit haben.

Über Sie existieren keine Homestorys. Da haben andere Kollegen weit weniger Berührungsängste sich zu präsentieren. Warum scheuen Sie als Privatperson den Auftritt in der Öffentlichkeit?

Das ist eine bewusste Strategie. Man muss aufpassen, dass man nicht zu stark in der Öffentlichkeit präsent ist. Ich bin doch eines der Gesichter, das am meisten auf diesem Sender zu sehen ist. Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn es noch Storys gibt wie "Gilli zu Hause" oder "Gilli im Schaumbad". Ich kann mich jetzt schon kaum auf der Strasse bewegen, ohne das ich angesprochen werde. Ich muss auf die Bremsen stehen. Bitte keine Überdosis Gilli.

Aber die Zuschauer würden doch gerne wissen, was der Gilli macht, wenn er mal nicht vor der Kamera sitzt.

Das gäbe keine Quote – dieser Typ ist unspektakulär. Am liebsten würden die Leute aber wissen, wo der Gilli politisch steht. Das werde ich aber nicht sagen, denn sonst würde ich an Glaubwürdigkeit verlieren. Ich möchte neutral sein und alle Gäste kritisch hinterfragen.

Warum sieht man Sie auch selten an Anlässen?

Ich habe schlicht keine Zeit. Ich verlasse selten vor neun Uhr das Büro. Und dann sind die Apéros schon vorbei. Und mal ehrlich: Je öfter man jemanden an Events sieht, desto schlimmer steht es um die Karriere.

Reden wir über den Sender. War es für Sie schlimm, dass Tele Züri vor einem Jahr keine Konzession erhielt?

Es war ja nett von Bundesrat Moritz Leuenberger, als er sagte, dass wir wunderbar auf den eigenen Beinen stehen könnten. Im Kabelnetz haben wir keine Must-Carry-Rule. Wir mussten also mit unzähligen Kabelnetzbetreiber verhandeln und das Verbreitungsgebiet selber aufbauen. Rückblickend muss ich sagen, dass es einfacher über die Bühne ging, als erwartet. Ein besonderer Dank gilt auch der Cablecom für ihre kooperative Haltung.

Was denken Sie grundsätzlich über die Konzessionsvergabe?

Das war ein nachhaltiges Stück Antidemokratie, wenn ich schaue, was aus vielen Konzessionsgesuchen geworden ist – eine Farce. Die sind ihr Papier nicht wert. Willst du eine Konzession, schreibe 60 Seiten voller Wunschträume und Lügen, reiche das Gesuch ein, krieg die Konzession und mach das pure Gegenteil oder werde Millionär beim sofortigen Verkauf der Konzession. So könnte man das Vorgehen zusammenfassen. Staatspolitisch absolut bedenklich und der Beweis, dass der Staat in diesem Bereich nichts verloren hat. Die Entscheidungen sind gefallen. Nun fordere ich aber mit grösstem Nachdruck, dass die Spielregeln eingehalten werden und die einzelnen Sender akribisch genau zur Umwandlung ihrer Ankündigungen gezwungen werden. Sollte dies nicht der Fall sein, wäre dies eine enorme Verzerrung des Wettbewerbs . Gebühren kassieren und das Personal knechten – das geht wohl kaum zusammen.

Wem geben Sie die Schuld?

Journalismus und Bürokratie funktionieren nicht. Man darf keine Medienlandschaft mit Excel-Tabellen aufbauen. Dieses Verfahren war absurd – getrieben von Theoretikern und einer ungezügelten Lust zur Regulierung der elektronischen Medien.

Aber der Konzessionsentzug stellte sich für den Sender als Glücksfall heraus.

Letztlich schon. Wir fühlen uns in diesem freien Markt happy und niemandem verpflichtet. Wir haben ein tolles Sendegebiet und Erfolg im Markt. Wir wissen aber ganz genau, dass wir ohne diese Resonanz keine Existenzberechtigung hätten. Der Publikumserfolg ist mir weit sympathischer und ehrlicher als einfach Gebühren zu kassieren und damit einen Misserfolg im Zusehermarkt zu vertuschen.

(Interview: Christian Lüscher)