21.08.2014

Affäre Geri Müller

"Es werden die wildesten Verschwörungstheorien gestrickt"

Immer wieder überraschende Wendungen im Wirbel um den Badener Stadtammann: Spin-Doctors hätten ihre Finger im Spiel, die Druckversuche seien politisch motiviert, heisst es. Was sagt Patrik Müller dazu? Hätte er im Nachhinein, mit der Publikation gewartet, bis Geri Müller ausführlich Stellung beziehen konnte? Persoenlich.com hat den Chefredaktor der "Schweiz am Sonntag" nochmals befragt.
Affäre Geri Müller: "Es werden die wildesten Verschwörungstheorien gestrickt"

Herr Müller, der "Tages Anzeiger" schreibt am Donnerstag, dass im Fall Geri Müller PR-Berater Sacha Wigdorovits die Frau instruiert habe. Inzwischen hat Wigdorovits gegenüber der NZZ erklärt, er habe "nie irgendwelchen Medien irgendwelche Protokolle angeboten". Was sagen Sie? Könnte das Spin-Doctor-Szenario zutreffen?
Es werden derzeit die wildesten Verschwörungstheorien gestrickt. Tatsache ist: Ich wurde erst durch den Polizeieinsatz am Mittwochabend auf dieses Thema aufmerksam, vorher hatte ich keine Ahnung von diesem Fall. Wenn in den letzten Monaten wegen Geri Müller irgendwelche Leute mit Medien in Kontakt standen, kann sicher nicht ich gemeint sein.

Wie aber kamen Sie zu den Screenshots der Chatprotokolle?
Ich kann Ihnen meine Quellen nicht verraten. Nach diesem Polizei-Einsatz in Baden am vorletzten Mittwochabend begann ich zu recherchieren und kam schliesslich zu den Dokumenten.

Auch wenn Sie keine Namen nennen wollen, können Sie doch sagen, ob eine Drittpartei im Spiel war, oder ob Sie die Bilder direkt von der Frau bekamen.
Ich war mit vielen verschiedenen Leuten in Kontakt.

Okay. Nun, nach allem was diskutiert wurde in den letzten Tagen: Werfen Sie sich vor, vorschnell publiziert zu haben?
Nein, ich war ausreichend dokumentiert.

Hätten Sie Geri Müller mehr Zeit und Platz für die Schilderung seiner Sicht der Dinge einräumen sollen?
Ich habe zusätzlich zum Treffen in der Stadt ein Off-the-Record-Gespräch geführt, das ich weder im Text in der "Schweiz am Sonntag", noch in den Diskussionen der letzten Tage erwähnen durfte, weil es von Geri Müller als "off the record" deklariert war. Ich erwähne dieses Gespräch nun trotzdem, weil ich den Vorwurf, ich hätte Geri Müller mit der Recherche nicht konfrontiert, aus der Welt schaffen will.

Haben Sie bei diesem Off-the-Record-Gespräch Geri Müller nochmals persönlich getroffen oder mit ihm telefoniert?
Es handelte sich um ein Telefongespräch. Es fand nach dem in der SaS erwähnten Treffen vom Freitag statt.

Eine Anklage wegen Amtsmissbrauch wurde bisher nicht eingereicht. Was bleibt, ist allfällig moralisches Verfehlen. Hält die "Schweiz am Sonntag" weitere Fakten bereit, die Geri Müller juristisch belasten könnten?
Wir werden das Thema in der nächsten Ausgabe sicher nochmals aufgreifen. Der Begriff "Amtsmissbrauch" kam ja nicht vor in meinem Text, ebensowenig wie das Alter 21 Jahre.

Die falsche Altersangabe ist jedoch ein Detail, im Vergleich zu den Anschuldigungen.
Ja, aber es ist ein Zeichen, das jetzt vieles in meinen Text interpretiert wird, was ich nicht geschrieben habe. So hiess es da und dort, ich hätte geschrieben, dass Geri Müller die Stadtpolizei Baden alarmiert hätte. Dabei stand da korrekt, dass er sich an die Kapo Bern wandte, nachdem er SMS erhalten hatte, die auf eine Suizidgefährung hinwiesen.

Nochmals zum Amtsmissbrauch: Wenn nun nur noch die Tatsache, dass die Bilder im Badener Stadthaus entstanden sind, öffentliches Interesse legitimiert, ist dies doch ein schwacher Aufhänger.
Wenn während der Arbeitszeit in Amtsräumen solche Bilder gemacht werden, ist dies ein Aufhänger - nicht der einzige. Hinzu kommt, dass er seine Sekretärin erwähnt und schildert, dass er in einem delirischen, sexuellen Zustand einen NZZ-Journalisten trifft. Dies hat eine amtliche Komponente. Kommt hinzu, dass Geri Müller aus Damaskus, auf einer Reise bei der er mit Diplomatenpass unterwegs war, politisch heikle Texte gechattet hat. Diese Punkte sind durchaus öffentlich relevant. Hinzu kommt die Frage, inwiefern Geri Müller Druck ausgeübt hat und die Frau bedrängte, ihr Handy abzugeben.

Die "Weltwoche" schreibt von einer instabilen Persönlichkeit der Frau, was bei Geri Müller eine Art Helfer-Instinkt weckte. Haben Sie einen ähnlichen Eindruck von der Frau?
Ob sie mit ihrer Persönlichkeit seinen Helfer-Instinkt weckte, kann ich nicht beurteilen. Der Polizeieinsatz hat sie sicher mitgenommen, ebenso der Wirbel dieser Woche.

Und, wie reagierten eigentlich die Leute in Baden auf diese Geschichte?
Es ist natürlich das Hauptgesprächsthema in der Stadt, ich werde darauf angesprochen, und zwar überwiegend positiv.

Interview: Edith Hollenstein

 

 



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