"Es wird für den Tages-Anzeiger sehr schwierig, uns zu vertreiben"

- Vor einem Jahr startete der Tages-Anzeiger seine Regionaloffensive in und um Zürich. Den Landzeitungen hat dies bislang kaum geschadet, wie Christine Fivian, Chefredaktorin des Zürcher Unterländers im Interview mit "persoenlich.com" erklärt. Weder im Werbe- noch im Lesermarkt sei ein Einbruch festzustellen. Unbeeindruckt sagt sie: "Baut der Tages-Anzeiger weiter aus, wird ihn dies noch teurer zu stehen kommen."

Frau Fivian, vor einem Jahr hat der Tages-Anzeiger Regionalsplits im Zürcher Umland eingeführt. Wie sehr hat er Ihnen damit das Leben schwer gemacht?

In publizistischer Hinsicht erwies sich neue Konkurrenz als Vorteil. Es ist nie gut, sich in einer Monopolposition zu befinden. In der Redaktion hat sich der Blick für Themen geschärft, Dossiers werden nicht mehr liegen gelassen. Schwieriger gestaltet sich aber der Umgang mit den Behörden. Es kommt vor, dass wir gegeneinander ausgespielt werden. Die Informationsquellen sind teilweise versiegt, weil man uns mit der Konkurrenz in einen Topf wirft. Aber damit müssen wir leben.

Wie gross sind die Einbussen im Lesermarkt?

Wir haben kaum Abonnenten wegen des "Tages-Anzeigers" verloren. Wir stellen bloss einen unwesentlichen Rückgang fest. Eine Bereinigung gab es bei den Doppelabonnenten des "Zürcher Unterländers" (ZU) und dem Neuen Bülacher Tagblatt, das als neu als Kopfblatt des ZU erscheint. Auch diese Verluste hielten sich im aber im Rahmen. Schwieriger wird es für uns, neue Abonnenten zu gewinnen. Ich gehe davon aus, dass wir künftig mehr Mühe haben werden, neue Leser zu gewinnen, weil nun zwei starke Bewerber auf dem Markt sind.

Der Start des "Tages-Anzeigers" in der Region Zürich ist nach Aussagen von Verlagschef Rolf Bollmann gelungen. Er sagt: "Auf dem lokalen Werbemarkt entwickeln sich die Umsätze sehr gut".

Bollmanns Aussagen sind schönfärberisch. Wir beobachten die Entwicklung des Inserate-Aufkommens vom "Tages-Anzeiger" genau und sehen, dass es eher bescheiden ist. Im lokalen Markt hat sich im vergangenen Jahr nichts Wesentliches zu unseren Ungunsten verändert.

Sie spüren keinen Einbruch im Werbemarkt?

Nein. Wir haben ein gutes Jahr hinter uns. Und derzeit gibt es keine Anzeichen, dass sich an dieser Entwicklung etwas ändert.

"Das Spiel beginnt erst, wenn die Konjunktur einbricht", sagt Bollmann.

Natürlich ist der "Tages-Anzeiger" in einer komfortableren Situation, weil er über mehr finanzielle Mittel verfügt. Uns kommt aber die Verankerung im Markt zu Gute -- genauso wie die Zusammenarbeit der drei Landzeitungen. Zusammen übersteigt deren Auflage die 100’000er-Grenze, was zur Folge hat, dass wir in den grossen Mediaplänen und Kampagnen ebenfalls dabei sind. Es wird für den "Tages-Anzeiger" sehr schwierig, uns zu vertreiben.

Hat sich die Zusammenarbeit auch in publizistischer Hinsicht bewährt?

Das Konstrukt stellt uns alle vor grosse Herausforderungen, hat sich aber auf jeden Fall als vorteilhaft erwiesen. Wir konnten unsere Qualität steigern, dank dem gemeinsamen Mantel erhalten wir mehr Gewicht. Mit einer Auflage von über 100'000 nimmt man uns überall ernst.

Wo gibt es Probleme?

Es gab anfangs organisatorische Schwierigkeiten. Die Redaktionen mit ihren unterschiedlichen Arbeitsweisen mussten sich erst aneinander gewöhnen. Glücklicherweise verstehen wir -- die drei Chefredaktoren -- uns untereinander hervorragend und sind uns in der Ausrichtung völlig einig. Zu Problemen könnte es allenfalls kommen, wenn einer von den drei Chefredaktoren ersetzt wird.

Die "NZZ" lässt die Landzeitungen an der langen Leine. Würden Sie sich nicht mehr Unterstützung wünschen?

Natürlich wäre es schön, wenn wir vermehrt auf das Know-How und Renommée der "NZZ" zurückgreifen könnten. Im Online-Bereich etwa könnten wir von einer Zusammenarbeit zweifellos profitieren. Aber ich sehe auch die Schwierigkeit darin. Die Landzeitungen unterscheiden sich von der "NZZ" sehr stark. Man kann nicht einfach eins zu eins übernehmen.

Was passiert, wenn die Konjunktur einbricht und es hart auf hart geht?

Ich gehe nicht davon aus, dass die "NZZ" uns dann fallen lassen würde. Zumal die relativ grosse Autonomie, die vor allem für den publizistischen Bereich gilt, auch dazu führt, dass wir fit bleiben. Würden wir bloss am Tropf der "NZZ" hängen, wäre die Gefahr wohl grösser, von diesem Tropf abgehängt zu werden. Persönlich gehe ich davon aus, dass eine Krise dazu führen würde, dass man neue Formen der Zusammenarbeit unter den drei Landzeitungen wie auch mit anderen Regionalzeitungen sucht.

Hat es Ihrer Ansicht nach Platz für die Landzeitungen und den "Tages-Anzeiger" mit den Regionalsplits?

Davon gehe ich aus. Der "Tages-Anzeiger" kann nicht mehr zurück. Er wird die Regionalstrategie weiterführen müssen, da er den Abonnenten den Regionalsplit nicht wieder wegnehmen kann. Meine Prognose ist, dass der "Tages-Anzeiger" in anderen Bereichen ausbaut, die Regionalblätter aber weiterführen wird.

Sie rechnen also mit einem Koexistenz-Szenario?

Ja. Wir sind es gewohnt, kleine Brötchen zu backen. Baut der Tages-Anzeiger weiter aus, wird ihn dies noch teurer zu stehen kommen. Es zeigt sich heute nämlich, dass es Bereiche gibt, in denen der Tages-Anzeiger uns nie wird schlagen können. Dazu gehört etwa der Regionalsport.

Die Existenz der Landzeitung ist also nicht gefährdet?

Offen gesagt: Vor einem Jahr war für mich noch völlig offen in welche Richtung es geht. Heute bin ich mehr denn je überzeugt, dass die Landzeitungen überleben werden. Es zeugte eben schon von einer gewissen Arroganz, dass der Tages-Anzeiger glaubte, man werde ihn in den Regionen mit offenen Armen empfangen. Nicht alle haben auf ihn gewartet.

(Interview: David Vonplon)