"Es wird über weite Strecken ein hässlicher Überlebenskampf"

- Spätestens nach dem Scheitern von TV3 schien die Idee eines sprachnationalen Privatsenders in der Deutschschweiz gestorben. Das Unmögliche möglich machen will nun Dominik Kaiser: Er geht in zehn Tagen mit 3+ auf Sendung. Mit einem auf das junge Publikum zugeschnittenen Programm, einer klugen Gegenprogrammierung und rigoroser Kostenkontrolle hofft er, den Sender in der TV-Landschaft etablieren zu können. Doch welche Chancen gibt die Medienbranche 3+? "persoenlich.com" ging auf Stimmenfang.

"Ich bin sehr skeptisch. Bisher ist noch kein solcher Versuch in der Schweiz gelungen. Ich staune, dass immer wieder jemand mit den gleichen Projekten Geld riskiert, ohne dass die Randbedingungen geändert hätten. Die Deutschschweiz ist einfach zu klein, um einen privaten nationalen Fernsehsender zu finanzieren. Alles ist knapp: das Publikum, die Werbegelder, die Sujets und offenbar auch das kreative Potential -- wenn ich höre, dass zum Auftakt ein alter Bond-Film abgespielt werden soll. Einzig Konkurrenz gibt es genug."

Wolfgang Frei, Leiter NZZ Fernsehen und Film

"Dominik Kaiser hat ein paar Fehler vermieden, die andere, die in den letzten Jahren in der Schweiz Privatfernsehen versucht haben, gemacht hatten. Zum Beispiel: Er macht (fast) keine News. Und er produziert nicht selbst, sondern arbeitet konsequent mit externen Produzenten, die einen Teil des Risikos mit tragen. Allerdings kündigt Kaiser sehr viel an. Das ist gefährlich: in ein paar Monaten werden ihm die nicht eingehaltenen Ankündigungen um die Ohren gehauen. Ob 3+ längerfristig bestehen kann, kann ich nicht beantworten. Ich bin hier als Chefredaktor angestellt und nicht als Hellseher."

Ueli Haldimann, Chefredaktor SF

"TV ist business. Und business ist bottom line. Dominik Kaiser startet mit brutal wenig Kapital in sein 3+ Abenteuer. Deshalb muss er ein gnadenloser Rechner sein, der in Sachen Qualität keine Schmerzgrenze kennt. Denn Kostenoptimierung kommt immer vor Programmqualität. Flächendeckenden Call- und Erotikshows zum Beispiel mögen Dominik Kaiser kommerziell erheitern, aber dem Publikum wäre mit 3+ entschieden mehr Spass zu wünschen. Es wird über weite Strecken ein hässlicher Überlebenskampf werden, weil Dominik Kaiser nicht in Schönheit sterben will."

Hannes Britschgi, Chefredaktor/Programmleiter RingierTV

"Ich sehe durchaus Chancen für Dominic Kaisers TV-Projekt. Denn das Publikum wünscht sich Alternativen zum Schweizer Fernsehen. Im Gegensatz zu TV3 kann 3+ wesentlich kostengünstiger produzieren, da der Sender fast keine Nachrichtensendungen ausstrahlen wird und Serien sowie Filme günstiger einkaufen kann. Das Senderbudget ist zwar sehr knapp ­-- man muss sich auf ein billiges Programm einstellen --, aber Kaiser achtet sehr genau darauf, dass ihm die Kosten nicht aus dem Ruder laufen. Kaiser muss jedoch auch aufpassen, dass er mit zu vielen billigen Sendungen nicht das Image des Senders ramponiert."

Jürg Wildberger, früherer Geschäftsführer TV3

"3+ räumen wir vom Konzept her gute Chancen ein. Wichtige Erfolgskriterien scheinen erfüllt: gute Startposition/Sendeplatz, internationales Programm mit Serien, Spielfilmen und Schweizer Eigenproduktionen. Insgesamt, eine überzeugende Kombination für wichtige Zielgruppen. Der wachsende Zuschauererfolg der 'deutschen' Privatstationen in der Schweiz zeigt das Potenzial dieser Konzeption. Dieses Erfolgsrezept dann noch konsequent auf die Schweizer Bedürfnisse angepasst, scheint uns darum sehr viel versprechend."

Sandro Prezzi, Managing Director der Mediaagentur Mediaedge:cia

"Es gibt kein anderes TV-Land auf der Welt in dem man sich einem so starken Konkurrenzkampf stellen muss wie die Schweiz. Neben dem dominanten Schweizer Fernsehen, gibt es starke deutsche Sender. Lokalfernsehen war und bleibt die einzige Nische in der man sich behaupten kann. Dazu kommt: Der TV-Zuschauer ist vom Wesen her eher träge und ändert seine Gewohnheiten extrem langsam, 3+ wird sehr viel Geduld, sprich Geld, brauchen, um diese eingefahrenen Gewohnheiten zu ändern. Positiv ist aber, dass 3+ den Sendeplatz von ORF2 erbt und damit schon einen ersten grossen in der Regel sehr mühsamer Schritt gemacht hat.

Weiter positiv ist auch die Selbsteinschätzung mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 1.4 Prozent bei der Zielgruppe 15-49 Jahre. Diese Selbsteinschätzung zeugt von Realismus und sollte das Budget tatsächlich auf Basis dieses Marktanteils berechnet worden sein, müssen entweder starke Geldgeber im Spiel sein, die Mitarbeiter arbeiten für ein Hungerlohn oder die zum Teil hochwertigen Serien und Spielfilme wurden tatsächlich zu einem Schnäppchenpreis eingekauft. 3+ will mit seinem Programm nicht in direkte Konfrontation zu den grossen Sendern gehen und hat eine Ausweichstrategie gewählt. So setzen sie zum Beispiel einen Blockbuster am Serientag Montag ein -- dieselbe Idee hat übrigens nun auch Sat1 und schon ist alles wieder anders..."

Rolf Suter, Managing Director der m&m media agentur ag