Karl Lüönd, Schweizer Journalist und Publizist
Formal: Soviel Neues im Sinne von Innovation sehe ich nicht. Der Reformstau und damit das Gefälle zwischen Alt und Neu waren halt nicht so gross wie bei der NZZ. Die neue Titelschrift war überfällig; die alte hat mich jeden Tag geärgert. Das Layout ist aufgeräumt, mit dem Weissraum wird ein bisschen Spannung erzeugt. Wie bei der NZZ werden wenige, aber grosse Bilder eingesetzt. Sauberes Handwerk, nicht mehr aber auch nicht weniger!
Inhaltlich: Soweit in der Nullnummer erkennbar, geht auch der Tagi den Weg der Vertiefung und der Erklärung aber das haben sie auch bis jetzt schon ziemlich konsequent gemacht. Also nicht die Schlagzeile: Polanski verhaftet sondern der follow-up "Amerikaner gratulieren..." Das ist logisch, denn für "breaking news" sind Zeitungen zu langsam. Die Zeitung muss mir helfen zu verstehen, was ich im Fernsehen gesehen habe, wie die Geschichte weitergeht, was sie für mich bedeutet etc. Also ist die Tendenz nach weniger, aber vertieften Stoffen aus Eigenproduktion, mit eigener Fragestellung und mit Originaltönen, richtig. Aber es ist auch anstrengender und tendenziell teurer. Der Tagi unternimmt diese Verwesentlichung mit 75 Prozent des früheren Personalbestands. Das ist eine Herausforderung, sowohl für die redaktionelle Führung wie für das Team. Ich wünsche Glück. Sie können es brauchen.
Beda Achermann, Studio Achermann, Art Director aus Zürich
Auf den ersten Blick empfinde ich den neuen Tages-Anzeiger als typisch schweizerisches Mittelmaß. Es scheint, als hätten sich die Zeitungsmacher überall etwas bedient. Ich erkenne Elemente aus dem Guardian, der New York Times sowie spanischen und belgischen Zeitungen. Ich vermisse die spannende Auseinandersetzung mit Räumen, der Typographie und Fotos. Sie machen mir einen normalen, gängigen Eindruck. Auch der Zeitungskopf ist aus gestalterischer Sicht eher enttäuschend. Fazit: Der neue Tagi hat leider keine eigene Handschrift.
Michael Adams, Local Director Schweiz Society for Newsdesign
Die formale Stärke des Tages-Anzeigers ist geblieben:Der klar gegliederte Seitenaufbau (gleiches Spaltenraster, gleiche Linienbehandlung). Die Leserführung funktioniert weiterhin. Markant ist vielmehr die typografische Modernisierung: verbreiterte Titelschrift, Verzicht auf die Kursive und auf Initialen, eine neue Grotesk-Schrift für Seitenkopf und Textanreisser. Farbe wird selten eingesetzt, dadurch gewinnen die Bilder an Strahlkraft.
Mein Gesamteindruck: Die Zeitung hat an Strenge zugelegt, ihre formalen Stärken wurden optimiert. Ein konzeptioneller Wermutstropfen: Der Tageskommentar ist von der Frontseite verschwunden. Die "fünfte Spalte auf Seite Eins" war ein markanter Gesichtszug des Tagis. Und fundierte Meinungsstücke werden immer wichtiger, damit profiliert sich eine Qualitätszeitung gegenüber Gratiszeitungen und schnellen Online-News.