Die falschen Hochrechnungen am Wahlsonntag geben viel zu reden - nicht nur beim Schweizer Radio und Fernsehen. Wird auf Kosten der Geschwindigkeit ungenau gearbeitet? Im Gespräch mit persoenlich.com nimmt SF-Chefredaktor Diego Yanez Stellung zum Fauxpas und erklärt, wie er passieren konnte. Zum Interview:
Herr Yanez, der Fehler, der bei den Hochrechnungen am Wahlsonntag passierte, sorgte für viel Kritik.
Die erste Hochrechnung war extrem präzise, die zweite und die dritte hatten einen gewissen Fehlerquotienten. Der Arbeitsgruppe "Projections 11" ist ein Fehler unterlaufen, der so noch nie vorgekommen ist. "Projections 11" ist ein externes Experten-Team, das diese Hochrechnungen für SF mit einer Ausnahme seit 1979 macht, bisher immer mit sehr guten Resultaten. Es war so, dass wir beim Kanton Basel-Land die Zahlen zwar richtig ins System eingaben, dieses aber falsch programmiert war und die Zahlen falsch zuordnete. Der Fehler war klein, die Auswirkungen gross. Ich will und kann ihn nicht schönreden.
Werden Sie weiterhin mit "Projections" zusammenarbeiten?
In Kürze werden wir ein Debriefing mit dieser Arbeitsgruppe haben, an dem wir den Fehler genau analysieren werden. Ich will aber noch einmal betonen, dass "Projections" seit 1979 diese Arbeit für uns macht und dies mit unglaublich hoher Präzision. Wenige Tage vor den Wahlen schrieb beispielsweise die "NZZ", die Arbeitsgruppe sei so zuverlässig, dass ihre Zahlen halbamtlichen Charakter hätten. "Projections" hat hervorragende Leistungen erbracht in all den Wahlen seit 1979. Ich will dem Gespräch mit der Gruppe nicht vorgreifen, aber aus heutiger Sicht gehe ich nicht davon aus, dass wir die Zusammenarbeit aufgeben wollen.
Sind die Hochrechnungen nicht auch Zeitfüller bis die definitiven Ergebnisse vorliegen?
Hochrechnungen sind keine Zeitfüller, sondern ein Teil der politischen Berichterstattung. Ich bin überzeugt, dass es einem breiten Bedürfnis entspricht, möglichst schnell das Resultat zu kennen.
Am Mediensymposium vom letzten Donnerstag kritisierte Barbara Perriard, Leiterin Nationalratswahlen in der Bundeskanzlei, dass diejenigen Kantone hervorgehoben wurden, welche die Ergebnisse besonders schnell liefern. Warum tun Sie das?
So formuliert, ist dies eine persönliche Interpretation von Barbara Perriard.
Besteht nicht die Gefahr, dass die Zahlen zwar rasch vorliegen, jedoch ungenau sind?
Selbstverständlich muss das erste Ziel sein, dass die Zahlen möglichst genau sind. Gleichzeitig entspricht es aber den heutigen Bedürfnissen, dass man möglichst bald Zahlen publiziert, das will auch das Publikum. Unsere Devise ist aber, dass wir erst dann Zahlen publizieren, wenn wir die Gewähr haben, dass diese auch korrekt sind. Es ist also nicht so, dass wir für Geschwindigkeit Qualität opfern.
Wie sehen Ihre Pläne für den zweiten Wahlgang aus?
Wir werden aus den Kantonen, die einen zweiten Wahlgang haben, berichten. Vor allem am 27. November, der ja unter anderem mit St. Gallen und Zürich der grosse Tag ist, planen wir kleinere Sondersendungen. Es wird aber keine grosse Sache mehr geben, also auch keine Hochrechnungen, wie am 23. Oktober.
Im Vorfeld der Wahlen publizieren Sie immer auch ein Wahlbarometer. Wofür?
Das Wahlbarometer ist keine Erfindung von uns. ZDF oder auch andere grössere Anstalten im Ausland machen das. In einem Wahlbarometer macht man zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Momentaufnahme. Man kann die Entwicklungen während eines Wahlkampfs verfolgen. Dieses Jahr lag das 10 Tage vor den Wahlen publizierte Wahlbarometer, mit Ausnahme der SVP, überall im Bereich der Fehlerquote von plus/minus 2.2 Prozent. Diese mögliche Fehlerquote wurde auch immer klar kommuniziert. Bei der SVP war es mehr. Allerdings kenne ich auch keine andere Umfrage, die einen SVP-Verlust ausgewiesen hätte. Ausserdem kann man am Wahlbarometer ablesen inwiefern sich ein Ereignis, diesen Frühling z.B. Fukushima, auf die Wahlabsichten auswirkt. Im Verlauf der Wahlbarometer dieses Jahres konnten wir feststellen, dass der Fukushima-Effekt langsam verpufft und das ist für politisch Interessierte durchaus spannend. Ich denke, auch die Parteien beobachten die verschiedenen Wahlbarometer aufmerksam.
Mit "Treffpunkt Bundesplatz" sind Sie zufrieden?
Ja, ich finde, es hat sich sehr gelohnt. "Treffpunkt Bundesplatz" war innovativ, denn so etwas hat vorher noch niemand gemacht, zumindest im Bereich Politik. Es ist uns gelungen, eine Verbindung zwischen Politik und Publikum herzustellen. Auch über die Social Media, die wir sehr gut eingebunden hatten. Vom Hauptabend hätten wir uns allerdings mehr erhofft.
Was ist nicht so gut gelaufen?
Als wir die Sendung konzipiert haben, das war März oder April, hatten wir den Wahlkampf von vor vier Jahren vor Augen. Damals war der Wahlkampf in der zweiten Septemberhälfte extrem emotional und aufgeladen. Dieses Jahr kam er in dieser Phase relativ sachlich daher. Dadurch nahm wohl das Zuschauerinteresse im Verlauf auch etwas ab. Hätten wir einen Wahlkampf wie vor vier Jahren gehabt, hätte das wohl anders ausgesehen, aber das konnten wir nicht voraussehen.
Was würden Sie ändern?
Wir würden wohl das Volumen reduzieren und die eine oder andere Sendung etwas anders konzipieren. Aber das sage ich aus heutiger Sicht, was in vier Jahren wirklich sein wird, ist noch völlig offen.
Interview: Sibylle Lagler