"Fotojournalist zu sein, ist eine Lebensphilosophie"

- Eine Frau hält ihren verwundeten Sohn in den Armen: Ein Symbol für den arabischen Frühling. Das "World Press Photo 12" ist seit Mittwochabend in Zürich ausgestellt. Wie ist dieses Bild entstanden? persoenlich.com hat sich mit dem Fotojournalisten Samuel Aranda über seine Arbeit zwischen Bomben und Verletzten unterhalten: "Ich hatte täglich Angst". Das Interview:

Samuel Aranda, Ihr Foto einer jemenitischen Mutter, die ihren verletzten Sohn in den Armen hält, wurde zum World Press Photo 2012 gewählt. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Die Auszeichnung öffnet mir viele Türen: Neue Auftraggeber werden auf mich aufmerksam und das Interesse an meiner Arbeit und Projekten wächst generell. Aus praktischer Sicht sind es 10’000 Euro, die mir weiterhelfen. Persönlich gefreut hat mich zudem, dass ich Fatima, die Mutter und Ihren Sohn Sayed danach wieder traf und sah, dass auch sie sich sehr über die Auszeichnung freuten und viele Menschen auf Sie aufmerksam wurden.

Bedeutet der Award, dass das Foto nun Kunst bzw. ein Kunstwerk ist?

Nein, nein. Ich betrachte mich nicht als Künstler, sondern mehr als Handwerker. Es braucht besondere Fähigkeiten, um diesen Job auszuführen. Daneben hat es viel mit harter Arbeit zu tun. Künstler kreieren etwas. Die Fotografie hingegen dokumentiert eine Szene, die ich mit meinen Augen wahrnehme.

Das Bild zeigt eine dramatische Szene. Ist es schwierig, sich in solchen Situationen zu konzentrieren?

Die Stimmung vor Ort war an diesem Tag tatsächlich sehr angespannt und chaotisch. Snipers schossen auf alles und jeden. Das Spital, in welchem ich das Bild aufnahm, wurde bombardiert. Man hat in solchen Momenten genug Energie, um einige gute Fotos zu machen, aber nicht um an die “Pietà” oder Michelangelo herum zu studieren. Man tut in der kurzen Zeit, die einem zur Verfügung steht, sein Möglichstes, um ein gutes Bild zu schiessen.

Wie bereiten Sie sich auf solche Einsätze in sozial instabilen und unsicheren Gebieten vor?

Ich bevorzuge es, auch in solchen Situationen ruhig zu arbeiten. Ein Freund hat einmal gesagt, es gäbe zwei Arten von Fotojournalisten: Die Jäger und die Fischer. Jäger rennen wie wild umher, um das perfekte Bild aufzuspüren, Fischer warten auf ein gutes Bild. Ich bin ein fauler Fischer.

Sie sassen also für das Siegerbild einfach in der Moschee und warteten?

Mehr oder weniger (lacht).

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten?

Ja sehr viele. Eigentlich fast täglich.

Warum machen Sie diesen Job? Sind Sie ein Adrenalin-Junkie?

Fotojournalist zu sein ist für mich kein Job, sondern eine Lebensphilosophie. Die Geschichten, die ich dokumentiere, sind Geschichten, mit denen ich mich auf irgendeine Weise identifiziere, Themen, die mich berühren. Ich habe zum Beispiel kein Bedürfnis, die Islamisten in Somalia zu porträtieren. Die Menschen des arabischen Frühlings hingegen kämpfen für Freiheit, für ein besseres, friedliches Leben. Das sind Werte, die auch mir viel bedeuten. Es fällt mir leicht, mich mit Ihren Ideen zu identifizieren und diese Ereignisse zu dokumentieren.

Ihre Arbeit ist also auch politisch motiviert.

Ja, auf jeden Fall. Ich stehe auf der Seite der Menschen, die ich fotografiere.

Zurück zum konkreten Bild: Was geschah unmittelbar bevor und nachdem Sie die Aufnahme machten?

Es war Morgen, ungefähr 10.30 Uhr, als ich das Foto machte. Eine Demonstration, der ich beiwohnte, startete ungfähr um 9 Uhr im Zentrum der jemenitischen Hauptstadt Sanaa und bewegte sich die Hauptstrasse runter. Plötzlich begannen Snipers auf die Demonstranten zu schiessen. Ich rannte zurück zum Platz, der dann jedoch von Panzern bombardiert wurde. Die Verletzten wurden in die Moschee gebracht. Dort sah ich Fatima in einer Ecke sitzen. Ich fand beeindruckend, wie sie als einzige in der ganzen Moschee die Ruhe bewahrte. Sie strahlte eine grosse Stärke aus. Und eine Liebe, wie sie wohl nur eine Mutter für Ihr Kind empfinden kann. Etwa eine halbe Minute nachdem ich das Bild gemacht hatte, kam ein Arzt und brachte Sayed in einen Operationsraum.

Wie würden Sie Ihre Beziehungen zu den Personen beschreiben, die Sie fotografieren?

Seit gut zehn Jahren arbeite ich vorallem im mittleren Osten. Dort sind die Menschen sehr freundlich, sie schätzen es, wenn man Ihre Situation und diejenige der Gesellschaft dokumentiert. Manchmal ergeben sich Freundschaften zu den Menschen. Wie zum Beispiel im konkreten Fall. Ich flog zurück nach Jemen, um Fatima und Sayed persönlich kennen zu lernen. Das war eine unglaublich schöne Erfahrung.

Wie Sie gerade erwähnten, sind Sie ein halbes Jahr nachdem Sie das Foto gemacht hatten, wieder nach Jemen zurück gekehrt. Hat sich die Situation im Land verbessert?

Ja, Jemen befindet sich derzeit in einer Übergangsphase. Ich habe bei meiner letzten Reise auch die Wahlen dokumentiert, die nach Salehs Rücktritt möglich wurden. Ich denke, das Land ist auf einem guten Weg. Nun ist Syrien im Fokus.

Was für eine Botschaft wollen Sie mit Ihrer Arbeit vermitteln?

Es ist wie gesagt ein “way of life” und auch eine Art des Kampfes für eigene Ideen und Ideale.

Wollten Sie schon immer Fotojournalist werden?

Nein, das war eigentlich ein Zufall. Ich machte Graffittis und begann irgendwann diese zu fotografieren. Aufgewachsen bin ich einem Vorort von Barcelona. Eine Gegend, wo ebenfalls soziale Unruhen und polizeiliche Repressionen zum Alltag gehören. Ich fotografierte diese Szenen und Geschehnisse. Die Zeitungen waren an meinen Bildern interessiert und kauften mir die Fotos ab. So hat alles angefangen.

Könnten Sie sich vorstellen, auch für Werbeplakate zu fotografieren?

Ich weiss nicht, wie man mit Licht umgeht (lacht).

Aber mit Photoshop?

Nein, ich retouchiere praktisch nichts. Am Gewinnerfoto beispielsweise habe ich gar rein nichts verändert, es ist noch genau so, wie ich es aufgenommen habe.

Was macht einen guten Fotojournalisten aus?

Man sieht einem Bild an, ob ein Pressefotograf wirklich an seine Arbeit glaubt. Die besten Fotos sind diejenigen, welche Emotionen übermitteln. Dies ist nur möglich, wenn man sich wirklich für die Personen, die man fotografiert, interessiert und eine Verbundenheit spürt – eben auch emotional involviert ist im Geschehen.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich arbeite gerade mit der New Yorker Stiftung IPI (International Peace Institut) an einer Ausstellung, die im nächsten Jahr vermutlich in Genf starten wird. Es geht um die Länder des arabischen Frühlings, die ich im letzten Jahr besuchte. Wir wollen zeigen, wie sich die Länder seit den Umstürzen entwickeln. Dabei sollen die positiven Seiten im Vordergrund stehen – Menschen, die tanzen, musizieren oder Fussball spielen. Es soll eine Brücke zwischen derer und unserer Kultur bilden. Denn leider bringt man den Mittleren Osten hier immer noch oft nur mit Gewalt und Krawall in Verbindung. Das ganze Projekt wird von der UNO unterstützt.

Interview: Corinne Bauer.